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«Ich meinte, er sei hässig auf mich»

Dr. André Seidenberg mimt im neuen Spielfilm «Vakuum» das, was er sein Berufsleben lang war – einen Arzt für HIV-Patienten. Wo bei diesem «Bühnenwechsel» die Schwierigkeiten lagen.

Mit Dr. André Seidenberg sprach Thomas Wyss
André Seidenberg – buchstäblich in der Rolle seines Lebens. Foto: Nicole Biermaier
André Seidenberg – buchstäblich in der Rolle seines Lebens. Foto: Nicole Biermaier

Meredith (Barbara Auer) und André (Robert Hunger-Bühler), beide Anfang 60, stecken mitten in den Vorbereitungen für die Feier ihres 35. Hochzeitstags, als sie nach einer Blutprobe erfährt, sie sei HIV-positiv. Zuerst reagiert sie mit Unglauben, doch als weitere Abklärungen den schlimmen Befund bestätigen, wird Meredith klar, dass André, ein Architekt mit mondänem Charme, sie betrogen und danach mit dem Virus angesteckt haben muss.

Erst wird sie wütend, verbittert, stellt ihm heimlich nach, trennt sich – doch plötzlich entscheidet sie sich für den anderen, schwierigeren Weg: Sie unternimmt alles, um wieder aus ihrem psychischen und physischen Vakuum heraus- und in die gemeinsame Spur zurückzufinden, um ein neues Kapitel in der Lebens- und Liebesgeschichte mit ihrem Gatten aufzuschlagen.

Das ist der Plot des Schweizer Spielfilms «Vakuum» von Regisseurin Christine Repond, der ab Donnerstag in den Kinos anläuft. Zu einer wichtigen Figur bei dieser Aufarbeitung und Neufindung wird Dr. André Seidenberg, ein HIV-Spezialist, bei dem Meredith erst ihre Medikation erhält und nachher gemeinsam mit André ein klärendes Gespräch führt.

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Trailer zum Film mit Dr. André Seidenberg:

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Der Clou: Seidenberg ist kein Schauspieler, er war bis zur endgültigen Pensionierung Ende April 2018 unter anderem tatsächlich praktizierender HIV-Spezialist – und in dieser Funktion vor etwas über 25 Jahren einer der bekanntesten und unkonventionellsten Mediziner der Deutschschweiz.

Hat Ihnen Ihr medialer Ruhm zu dieser Filmrolle verholfen?

Ich denke nicht. Dieser mediale Ruhm, wie Sie es nennen, ist ja schon lange verblasst. Es war einfach so, dass mich «Vakuum»-Regisseurin Christine Repond als Berater für die HIV- und Aids-Thematik beizog, und irgendwann schlug dann jemand vor, ich solle doch die Rolle ­dieses Spezialisten grad übernehmen.

Hatten Sie für die richtige Gestik und Mimik einen Schauspielcoach?

(lacht) Nein, das war gar nicht nötig.

Weil Sie Naturtalent sind?

(lacht laut) O nein, das bin ich ganz sicher nicht. Doch was ich meine, war der Aufwand – ein Coaching hätte sich niemals gelohnt, es brauchte zwei oder drei Takes, dann war die Sache vorbei.

Aber Sie mussten doch sicher üben? Und Text lernen?

Ich habe gar kein Drehbuch gesehen. Und ich muss gestehen: zum Glück!

Wie meinen Sie das?

Ich hatte 2004 schon im Zürcher Milieukrimi «Strähl» einen Arzt gespielt. Und damals gab es ein Drehbuch. Allzu viel Text war es zwar nicht, rund eine A4-Seite oder so. Doch ich hatte so unglaublich viel Mühe, mir diese Sätze zu merken, dass dies vor dem Drehbeginn zu «Vakuum» meine grösste Sorge war.

Und wie ging das vor sich bei diesen Einstellungen ohne Drehbuch?

Wir trafen uns in meiner damaligen Praxis, Christine Repond erklärte, wie sie sich die Szene vorstellt, und dann habe ich einfach besprochen, was ich sonst mit meinen Patienten besprach. Barbara Auer alias Meredith ist instinktiv darauf eingegangen, das war sehr eindrücklich.

Es gibt da aber noch eine für die Story ungleich entscheidendere Szene, nämlich diese Konstellation mit dem verkrachten Ehepaar und Ihnen als eine Art psychologischem Vermittler. Wie lief es da ab?

Genau gleich. Auch da gabs keinen vorge­fertigten Text, ich glaube, Christine hat da wiederum auf meine Erfahrung gesetzt, erneut wussten die beiden Profis darauf zu reagieren ... allerdings war ich nach dieser Szene ein bisschen irritiert.

Weshalb?

Wegen Robert Hunger-Bühler. Also wegen seiner ziemlich heftigen Reaktion beim Dreiergespräch, die ich nicht recht zu deuten wusste. Ich meinte, er sei hässig, womöglich, weil ich schlecht ­gewesen war.

Wieso haben Sie ihn nicht darauf ­angesprochen?

Es ging wieder alles ruckzuck: Regieanweisung, drehen, nochmals drehen, fertig. Anders als mit Frau Auer, mit der ich mich kurz hatte unterhalten können, ergab sich diese Möglichkeit bei ihm nicht. Oder genauer: erst später, als wir uns gemeinsam den fertigen Film anschauten.

Und war er in der besagten Szene tatsächlich sauer gewesen?

Überhaupt nicht. Er musste lachen, als ich ihn darauf ansprach ... und ich habe spätestens da begriffen, wie überzeugend seine Schauspielkunst ist. (lacht)

«Mir gefällt, dass die Regisseurin den Mut hat, dem Zuschauer nicht alles zu erklären.»

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer eigenen Darbietung?

Sie haben vorhin erwähnt, ich würde die Rolle eines psychologischen Vermittlers spielen. Wenn das so rüberkommt, bin ich glücklich, denn das war stets ein zentraler Aspekt meiner Arbeit. Und am schwierigsten war es, die gute Balance zwischen einer nachhaltigen Forderung und einem einfühlsamen Rat zu finden.

Bewegt sich «Vakuum» nah an jener Realität, die Sie erlebt haben?

Ja, er greift bei allen Rollen klassische Verhaltensmuster auf. Mir gefällt auch, dass Regisseurin Christine Repond den Mut hat, dem Zuschauer nicht alles zu erklären, sondern einen Spielraum für Interpretationen zuzulassen. Das macht, finde ich, den Film sehr menschlich.

«Sehr menschlich» ist auch ein Attribut, das man Ihnen zu Ihrer Zeit als «Platzspitz-Arzt» verlieh. Welche Beziehung haben Sie heute zum einstigen «Needle-Park»?

Ich gehe da häufig mit meinem Hund spazieren, und dabei sehe ich nicht selten Gespenster von damals. Also Personen, bei denen ich denke, «ah, das ist doch Bruno!» ... Bis ich dann realisiere, dass das gar nicht sein kann, weil Bruno aufgrund der Krankheit längst verstorben sein muss.

Vorpremiere: Morgen 20 Uhr, Kosmos, in Anwesenheit von Regisseurin Christine Repond, den Hauptdarstellern Barbara Auer und Robert Hunger-Bühler und Nebendarsteller André Seidenberg. Regulärer Filmstart: 7. Juni.

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