«Ich war wohl etwas blauäugig»

Der Zürcher Eduard Widmer reiste 1960 als Fotograf in die Türkei. Dass dort ein Militärputsch vor sich ging, realisierte er, als er neben Soldaten zeltete.

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Wie kommt ein Zürcher dazu, Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre die Türkei zu bereisen?
Ich wusste kaum etwas über das Land. Vor meiner ersten Reise 1958 arbeitete ich im Postlager der Sihlpost. Dort kam ich mit einer Türkin und einem türkischen Geschäftsmann ins Gespräch, weil sie regelmässig ihre Post abholten. Das weckte mein Interesse für die Türkei. Sie gaben mir ihre Adressen – für den Fall, sollte ich eines Tages nach I­stanbul reisen.

Brauchten Sie die Adressen?
Die Dame konnte ich leider nicht mehr ausfindig machen. Aber mit dem Herrn traf ich mich tatsächlich. Er war es auch, der mir riet, andere Regionen zu bereisen. Istanbul allein sei nicht die Türkei, sagte er. Also besuchte ich noch die beiden Städte Izmir und Bursa.

Da hatten Sie schon Feuer gefangen?
Nein, noch nicht. Stärker prägte mich dann meine zweite Reise, die ich 1960 während meiner Ausbildung in der Fotoklasse machte. Damals waren Fotoreportagen von einigen Schweizer Fotografen en vogue, die ich sehr bewunderte. Ich machte mich für zwei Monate auf, um in der Türkei kurdische Dörfer zu fotografieren.

Ganz schön mutig – 1960 putschte das Militär in der Türkei.
Ich war wohl etwas blauäugig. Was politisch vor sich ging, realisierte ich erst, als ich dort war. Auf der Zugreise nach Istanbul schloss ich mich anderen Reisenden an. In Istanbul wollten wir auf einer Wiese hinter der Hagia Sophia übernachten. Dort stellten wir fest, dass sich die Armee am selben Ort einquartiert hatte. Unsere Zelte durften wir neben ihren aufschlagen. Tagsüber gaben wir unser Gepäck den Rekruten ab. Obschon Ausnahmezustand herrschte, fühlte ich mich nicht unwohl.

Zurück zu Ihrem damaligen Ziel: Sie wollten kurdische Dörfer ­fotografieren. Klappte es dennoch?
Ja, aber nur auf Umwegen. In Ankara erkundigte ich mich beim Ministerium, in welchen Dörfern kurdische Gemeinschaften lebten. Der Beamte schimpfte vor sich hin und wollte mich abwimmeln. Weil ich hartnäckig blieb, schickte er mich in die zentralanatolische Stadt Sivas. Dort sagte man mir, die kurdischen Dörfer in der Region seien «dreckig», und ich solle weiter nach Südosten reisen. Auf dieser Reise lernte ich dann zwei junge Männer kurdischer Abstammung kennen, die mich in ihr Dorf einluden. Dort fotografierte ich, aber vor allem andere Sujets als das Dorf.

Was hat Sie abgelenkt?
Das Nemrud Dag im Taurusgebirge, das nicht weit weg vom Dorf war. Die Männer schlugen mir vor, dort hinaufzugehen wegen der interessanten archäologischen Ausgrabungen. Fasziniert von diesem Freilichtmuseum, entstanden jene Aufnahmen, die zu meiner ersten Publikation führten.

Wer hat sich in der Schweiz für diese Bilder interessiert?
Die Zeitschrift «Du». Damals wusste man wenig von Nemrud Dag. Der Historiker Karl Dörner – er war an den Ausgrabungen beteiligt – schrieb den Begleittext. Dieser Beitrag legte schliesslich den Grundstein für weitere Fotoaufträge in der Türkei. Nach Abschluss der Fotoklasse reiste ich immer wieder hin und fotografierte vor allem für Bildbände von osmanischer und islamischer Architektur und Kunst.

Jetzt arbeiten Sie an Ihrem ­persönlichen Bildband mit dem Titel «Türkei 1958–1978». Weshalb haben Sie diesen Zeitraum gewählt?
Die Bilder zeigen keine chronologische Entwicklung auf. Das Buch bildet vielmehr die Vielfalt der Türkei ab. Die meisten Aufnahmen stammen aus dem von mir gewählten Zeitraum. Die Digitalisierung in den 90er-Jahren habe ich nicht mehr mitgemacht, und in den späteren Jahren habe ich in der Türkei vor allem gemalt, gezeichnet und für mich selber fotografiert.

Sagen die Aufnahmen auch etwas über die heutige Türkei aus?
Ich denke schon. Das Ganze verstehe ich als ein Mosaik, das sich aus verschiedenen Eigenheiten der türkischen Kultur aus dem Blick eines Schweizers zusammensetzt. Einerseits bilden die Aufnahmen eine Türkei ab, die es heute nicht mehr gibt – teilweise eine modernere. Erkennen lässt sich das etwa an der Kleidung der Frauen in den Städten oder daran, dass sie in der Türkei schon 1934 wählen durften – also viel, viel früher als die Frauen in der Schweiz. Andererseits zeigen die Aufnahmen auch die traditionsgebundene Türkei. In Anatolien habe ich Festtagsfeiern und Hochzeiten fotografiert. Natürlich spielt auch das Thema Politik eine Rolle, hierzu habe ich unter anderem Bilder und Statuen Atatürks im öffentlichen Raum sowie Demonstrationen festgehalten.

Weshalb haben Sie die islamische Architektur und Kunst ausschliesslich in der Türkei und nicht auch in anderen Ländern fotografiert?
Der Blick, der über das Objektiv hinausgeht, war mir bei der Arbeit besonders wichtig. Bei meinen Aufträgen hatte ich immer den Anspruch, möglichst gut informiert zu sein. Aus diesem Grund las ich viele Bücher über osmanische Architektur und über die Geschichte der Türkei. Je mehr ich dort arbeitete, desto ­vertrauter wurde mir das Land, mein Bekanntenkreis wuchs stetig. Das alles in anderen Ländern aufzubauen, wäre schwierig gewesen. Mein Wissen über die Türkei wollte ich immer weiter ­vertiefen.

Haben Sie sich deshalb auch mit der türkischen Community in Zürich vernetzt?
Ich war mehrere Jahre bei der Société Turco-Suisse im Vereinsvorstand tätig. Wir veranstalteten zahlreiche Kultur­anlässe mit Musikern und Vorträge mit Historikern aus der Türkei und dem deutschsprachigen Raum. Durch den Verein knüpfte ich viele Kontakte. Ich konnte etwa einige meiner Aufnahmen im türkischen Konsulat in Zürich ausstellen, fand über einen Bekannten zu einem Intensivsprachkurs in der Türkei, der mein Fundament für ein besseres Türkisch bildete.

Wann waren Sie letztmals in der Türkei?
Das war 2010. Meine Frau und ich wurden von einem Freund, der Veterinärmediziner ist, in die Osttürkei nach Van eingeladen. Dort hielt ich einen Bildvortrag, den ich drei Jahre zuvor bei einem Kongress in Kusadasi schon gehalten hatte: Tierdarstellungen aus verschiedenen Epochen in der Türkei.

Mit welchem Gefühl haben Sie das Land damals verlassen?
Mit einem guten. Die Türkei ist heute natürlich eine ganz andere als jene, die ich vor fast 60 Jahren kennen gelernt hatte. Die politische Situation, die eingeschränkte Freiheit der Gesellschaft – vieles hat sich zum Schlechten gewandelt. Türkische Eigenheiten, wie die bedingungslose Gastfreundschaft, Höflichkeit oder Hilfsbereitschaft, sind zum Glück immer noch da.

Erstellt: 21.04.2016, 21:00 Uhr

Eduard Widmer

Der fotografierende Pöstler

Eduard Widmer, geboren 1932 in Zürich, arbeitete lange Jahre als Postbeamter, bevor er die Fotoklasse der damaligen Kunstgewerbeschule Zürich besuchte. Nach seiner Ausbildung 1962 war er als freier Fotograf tätig. Zahlreiche Aufträge für Bildbände zu osmanischer, byzantinischer und seldschukischer Architektur und Kunst führten ihn in den 60er- und 70er-­Jahren in verschiedene Regionen der Türkei. Neben diesen Aufträgen fotografierte er auch, was ihn am Leben und an den Menschen dort faszinierte. Zwischen seinen Türkeireisen in zwei Jahrzehnten unterrichtete er an der Bath Academy of Arts und fotografierte für Publikationen über Schlösser und Burgen in der Schweiz allgemein sowie über das Engadin und Bergell. Mit seinen Bildern wirkte er an Beiträgen bei der Zeitschrift «Du» mit und zeigte seine Werke in Einzelausstellungen in Zürich. Er lebt mit seiner Frau in Zürich. (yaz)

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