Ich will glücklich sein

Es gibt zahllose Ratgeber für das genussvolle Leben. Wir haben zum ältesten gegriffen: Epikur. Eine Betrachtung.

Dieses Bild macht unseren Autor glücklich. Epikur rät jedoch davon ab, um Penélope Cruz zu werben. Foto: Keystone

Dieses Bild macht unseren Autor glücklich. Epikur rät jedoch davon ab, um Penélope Cruz zu werben. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Diese innere Unrast. Ständig das Gefühl, zu kurz zu kommen, immer nur vom Brot des Lebens zu essen, das zu wenig Salz hat. Deshalb suche ich im Orell Füssli ein Buch mit der Anleitung zum Glücklichsein. Das Angebot ist riesig: «Die Öffnung des dritten Auges», «Bäume für die Seele», «Die Rückkehr des sanften Kriegers», «Finde dein Warum». Plötzlich ein Rauschen, und eine Frau in einem bodenlangen, weissen Kleid steht neben mir: «Diesen Schund wollen Sie lesen? Mitkommen!» Sie zieht mich ein paar Regale weiter und drückt mir ein Büchlein die Hand: Epikur, «Philosophie des Glücks». «Danke, aber wer sind Sie?» «Gestatten, Athene, Pallas Athene, Göttin der Weisheit», kneift mir in die Wange und ist weg.

Epikur, griechischer Philosoph, 341–270 v. Chr., erklärte die Lebensfreude zum Sinn des Daseins und gilt damit als Urgrossvater der Glücksforschung. Hat er uns denn noch etwas zu sagen?

«Nicht Trinken und ein Fest nach dem anderen, nicht der Genuss von Knaben, Frauen oder Fischen und der anderen Dinge, die eine luxuriöse ­Tafel bietet, machen das Leben ­lustvoll, sondern ein nüchterner ­Verstand, der die Gründe für das Wählen und Meiden herausfindet unddie blossen Meinungen vertreibt, dieam meisten die Seelen in ­Beunruhigung stürzen.»

Das tönt aber wenig freudig. Auf den ­Genuss von Knaben können wir ver­zichten, aber auf Eglifilet meunière? Nüchterner Verstand statt Pinot noir? Eigentlich gehen wir davon aus, dass eine kleine Trunkenheit dem Wohlbehagen zuträglich ist. Wieso so ernst? Dem ­Philosophen geht es offenbar um eine Triage, für die man klar denken muss: Kenne deine Triebe!

«Die Begierden sind teils natürlich und notwendig, teils natürlich und nicht notwendig, teils weder natürlich noch notwendig, sondern durch eine leere Meinung verursacht.»

Reichtum und Ruhm sind Begierden, die Epikur für unnatürlich und unnötig hält – blosse Konvention, Mode, öffentliche Meinung. Sie sind der Grund für innere Unruhe und ständige Unzufriedenheit. Investmentbanker und Influencerinnen sehen das zwar anders. Zweitens: Eine natürliche, aber nicht notwendige Begierde ist der «Liebesgenuss». Sex ist unnötig? Eine gewagte Behauptung. Allerdings – wir lassen den Gedanken kurz zu – mit etwas mehr Keuschheit wäre einem die eine oder andere ungeschickte Liebesnacht erspart geblieben. Heikles Thema.

Bleiben drittens die natürlichen und notwendigen Begierden: Der Philosoph nennt Essen, Trinken und Wärme. Heute ist die Erfüllung dieser Gelüste allerdings so selbstverständlich, dass es niemanden abheben lässt. Das reicht noch nicht, Meister Epikur!

«An alle Begierden muss man mit ­folgender Frage herangehen: Was wird mir passieren, wenn ich das Ziel meiner Begierde erreicht habe? Und was, wenn ich sie nicht befriedige?»

Gut, stellen wir uns vor, wir würden der schönsten Frau der Gegenwart den Hof machen: Penelope Cruz. Dank Athenes göttlicher Hilfe und zur eigenen Überraschung ist sie von uns angetan, wir sind witzig und geistreich wie noch nie, unsere Spanischbrocken bringen sie zum Lachen – hasta la vista, rioja rioja. Die Liebesnacht ist wie bei Rosamunde Pilcher: «Sie versanken dürstend im Ozean der Wonnen.» Danach geht es dann zum Arzt, weil überraschend ihr Ehemann aufgetaucht ist, dieser blondierte Bösewicht aus dem Bond-Film. Und da stellt sich das Problem: Wie erklären wir zu Hause das blaue Auge?

Also besser nicht. Aber was geschieht, wenn wir die Traumfrau aus dem Kopf schlagen? Das Leben geht seinen bewährten Gang; die Sehnsucht dümpelt vor sich hin, ist aber auszuhalten. Und ganz wichtig: Auge und Nase bleiben intakt. Fazit: Dona Penelope soll bleiben, wo sie ist, Vorstellung bleibt Vorstellung. Ist das in Epikurs Sinn? Offenbar ja.

«Weil die Lust das erste uns an­ge­borene Gut ist, deswegen wählen wir auch nicht jede Lust, sondern lassen bisweilen viele Lustempfindungen aus, wenn für uns aus ihrem Genuss mehr Unannehmlichkeiten folgen. Ein lustvolles Leben ohne Vernunft, Anstand und Gerechtigkeit ist nicht möglich und umgekehrt ein ­vernünftiges, anständiges und ­gerechtes Leben nicht ohne Lust.»

Das tönt nun gar altbacken, wenn man sich das Glück als etwas Ekstatisches vorstellt. Es dürfte auch schwierig sein, pubertierenden Jugendlichen plausibel zu machen, dass Anstand glücklich stimmt, dass sie Seelenfrieden gewinnen, wenn sie Senioren im Tram ihren Platz anbieten. Epikur scheint also eher etwas für ältere Menschen zu sein, die ihr Gehirn im Griff haben. Er sagt es selbst:

«Nicht ein junger Mensch ist ­glücklich zu preisen, sondern ein ­alter, wenn er sein Leben ­rechtschaffen verbracht hat.»

Aber wie wird man rechtschaffen? Die Faustformel lautet:

«Tue nichts in deinem Leben, wofür du dich fürchten müsstest, dass dein Nachbar es entdecken würde.»

Batterien im Komposthaufen entsorgen geht also definitiv nicht. Oder mit dem Feldstecher der Nachbarin beim Kochen zusehen. Oder am Samstagabend die «Helene-Fischer-Show» gucken. Und selbst wenn es den Nachbarn egal wäre – man tut das nicht, weil es dafür keinen vernünftigen Grund gibt. Die Vernunft ist Epikurs höchste Instanz. Sie besiegt sogar die Angst vor der Zukunft und vor dem Tod – die Ursache für das grösste Unbehagen im Dasein.

«Man muss sich daran erinnern, dass die Zukunft weder völlig in unserer Macht steht noch ganz unserem ­Einfluss entzogen ist, damit wir uns weder in dem Gedanken festbeissen, dass es so kommen wird, noch die Hoffnung aufgeben, dass es nicht so kommen wird.»

Also gut, Herr Epikur, es reicht, ich habs begriffen. Ich versuche, künftig bescheidener zu sein, weniger Trieb, mehr Denken. Aber die Frage war doch: Wie werde ich glücklich? Da höre ich ein Rauschen im Zimmer, und wieder steht diese Frau neben mir, die sich Athene nennt. «Mensch Rohrer, hast du es immer noch nicht begriffen? Im Büchlein steht doch klipp und klar: ‹Wenn man unglücklich ist, dann soll man das Glück nicht zu hoch ansetzen.› Das galt bei uns Griechen, und das gilt auch für euch Zürcher. Wenn du kein Talent fürs Glück hast, benutze deinen Kopf, und versuch es mal mit Zufriedenheit!» Kneift mir in die Backe und ist weg.

Erstellt: 22.02.2019, 22:14 Uhr

Artikel zum Thema

Was es zum Glücklichsein braucht

Video In der neuen Serie «Frisch von der Strasse» überrumpeln wir Menschen mit Fragen zum Leben. Mehr...

Der Königsweg zum Glücklichsein

Von Kopf bis Fuss Wer das Glück sucht, muss erst die Dankbarkeit finden – auch gegenüber sich selber. Dabei hilft ein kleiner Trick. Teil 3 der Serie. Zum Blog

Glück kann man kaufen – wenn man weiss, wie

Kolumne Ein Konsumverhalten, das Glück vergrössert anstatt verkleinert, ist lernbar. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Paid Post

Mit CallDoc clever und flexibel versichert

Lassen Sie sich rund um die Uhr medizinisch beraten – und sparen Sie dabei! Profitieren Sie vom Prämienrabatt der Grundversicherung. Jetzt Offerte anfordern.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...