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Ihre Party sind die Berge

Annina Coradi hat «Chicks on Peaks» gegründet und Dutzende Gipfel erklommen – und dann zwickte der Rücken.

Annina Coradi bildet gemeinsam mit Eliane und Melanie Herber die «Chicks on Peaks». Fotos: Doris Fanconi
Annina Coradi bildet gemeinsam mit Eliane und Melanie Herber die «Chicks on Peaks». Fotos: Doris Fanconi

Alles klingt so harmlos. Ausflüge in die Berge, mal hier-, mal dorthin, Abenteuer mit Freunden, Einträge in Gipfelbüchern, einen Aufkleber mit der Aufschrift «Chicks on Peaks» hinterlassen, dann wieder absteigen. So wie Squash spielen oder eine Grillparty feiern. Eine normale Wochenendbeschäftigung halt.

Doch irgendwann sagt Annina Coradi: «Wenn wir nach einer Tour im Zug sitzen, fühlt es sich immer ein bisschen wie ein neues Leben an.» Dass man von den Abenteuern, die sie mit ihren wechselnden Seilschaften plant und erlebt, unversehrt zurückkehrt, ist keine Selbstverständlichkeit – ganz einfach, weil sich im Hochgebirge, im Schnee, im Eis, auf Gletschern und an Felsen, schlicht nicht alles kalkulieren lässt, weil man sich den Launen der Natur aussetzt. «Da ist schon eine Anspannung, vor allem, wenn man die Touren selber plant. Da ist man auf sich alleine gestellt. Ganz auf sich alleine.»

«Wenn wir nach einer Tour im Zug sitzen, fühlt es sich immer ein bisschen wie ein neues Leben an.»

Annina Coradi

Unser Treffen findet an einem der letzten richtig warmen Tage dieses Jahres statt. Es ist einer dieser Tage, der nahtlos in den Abend übergeht, ohne jegliche Einbusse von Wärme. Annina Coradi kommt gerade vom Basketball. Bewegung bedeutet sehr viel im Leben der 34-jährigen Zürcherin. Sie setzt sich verschwitzt auf eine Gartensitzbank vor dem Quartierzentrum Bäckeranlage. ­Zögerlich willigt sie ein, ein Bier zu trinken. Dann beginnt sie zu erzählen und klettert dabei kreuz und quer, links und rechts und von oben bis unten in den Sätzen herum. Voller Enthusiasmus, voller Energie. Manchmal kneift sie die Augen zusammen, präzisiert, setzt plötzlich an anderer Stelle wieder ein.

Die Anfänge

Annina Coradi bildet gemeinsam mit Eliane und Melanie Herber die «Chicks on Peaks», eine «lose Gemeinschaft von unverkrampften City Chicks», die Berge erklimmen. Die drei sind in Höngg aufgewachsen und befreundet, so lange sie denken können. Sportlich waren alle immer schon. Unterwegs mit der Pfadi, mit dem Basketball, auf Wanderwegen. Irgendwann während des Studiums lockten die Felsblöcke. Coradi machte ihre ersten anspruchsvolleren Expeditionen in die Alpen mit dem Akademischen Sportverband Zürich. Ihre Peaks-Kolleginnen überredeten vor etwa sieben Jahren eine Bergführerin in Zermatt, mit ihnen das Zinalrothorn zu besteigen. Alle anderen Bergführer wollten das Risiko nicht eingehen; die jungen Frauen mit der dürftigen Ausrüstung und nicht vorhandenem Erfahrungsschatz schienen ihnen nicht zäh genug.

Training mitten in der Stadt: Annina Coradi erklimmt auch Zürcher Brücken.
Training mitten in der Stadt: Annina Coradi erklimmt auch Zürcher Brücken.

Bald nach der Zinalrothorn-Erklimmung zog man dann regelmässig zu dritt los. Zuerst noch oft mit Bergführern und Aspiranten. Hangelte sich vom einen verlockenden Berg zum nächsten. «Am Anfang waren wir logischerweise überall die Langsamsten. Es gab schon so Momente, wo wir abends um acht immer noch auf einem Grat unterwegs waren und uns gefragt haben, ob wir uns vielleicht übernommen haben», so Coradi. In einer Wand zu übernachten, dem sei sie bis jetzt jedoch entgangen, ein paarmal sei es allerdings schon knapp gewesen. «Zum Glück sind wir aber schnell besser geworden.»

Doch auch heute, sechs Jahre später, werden ihre Fähigkeiten noch oft angezweifelt. Der gut aussehenden Frau trauen viele nicht zu, hochalpine Bergtouren zu bewältigen, «on top» zu sein. Dabei sind die «Chicks on Peaks» mittlerweile in Dutzenden von Gipfelbüchern verewigt – vom Obergabelhorn über den Dent Blanche, den Ringelspitz, die Breithornüberschreitung bis zur Küchelspitze in Tirol.

Vom Berg direkt ins Nightlife

Die Wahl der nächsten Tour wird nach Lust und Laune gefällt. «Es kommt oft vor, dass wir in den Bergen unterwegs sind und irgendwo in der Nähe einen Gipfel sehen, der uns gefällt», erzählt Coradi. «So war das etwa beim Bietschhorn. Ist dann eine Entscheidung gefallen, sammeln wir so viele Informationen wie möglich, legen uns eine Route zurecht und laufen los. Uns geht es um Magie, um Ästhetik. Wenn ein Berg das ausstrahlt, überlegen wir uns, was wir mit ihm anstellen, also anstellen könnten. Dabei suchen wir immer nach spannenden Auf- und spannenden Abstiegen.»

Wenn man an Bergsteigerinnen denkt, die anspruchsvolle Touren absolvieren, sieht man verbissene, asketische Wesen vor dem geistigen Auge. So ist Coradi überhaupt nicht. Sie muss lachen, als sie der Journalist auf ihre Unterschiede zu einem reinen «Leistungs­wesen» anspricht: «Wir sind halt einfach Chicks, Chicks aus Zürich.» Früher haben sie schon im Zug auf der Rückfahrt eine Flasche Weisswein geöffnet und sind anschliessend mehr oder weniger direkt ins Nachtleben abgetaucht.

«Uns geht es um Magie, um Ästhetik. Wenn ein Berg das ausstrahlt, überlegen wir uns, was wir mit ihm anstellen.»

Heute gehen sie das Ganze etwas ruhiger an – sooo ruhig allerdings auch nicht. Bald sollen nämlich der Mittel­legigrat, der Rotgrat und schliesslich nach und nach die ganzen Nordwände folgen. «Aber dafür lassen wir uns noch ein bisschen Zeit», meint sie, und man sieht ihr an, wie sie sich bei dieser Aussage innerlich bewusst zügelt.

Wer die Wochenenden mit solch herausfordernden Projekten vollstopft, hat bestimmt nicht mehr viel Zeit für anderes, denkt man im Gespräch spontan. Doch dem ist nicht so: Coradi hat eine 12-jährige Tochter und einen Doktortitel in Technologie- und Innovationsmanagement der ETH. Ihre Doktorarbeit befasst sich mit der Frage, wie sich Architektur auf die Kreativität auswirkt. Sie arbeitet hauptberuflich bei einer Firma, die Unternehmen bei der Gestaltung ihrer Arbeitsräume berät.

Sie entwickelt unkonventionelle Arbeitsmodelle und lebt sie auch selbst vor: Statt jeden Tag am gleichen Schreibtisch zu sitzen, reist sie viel, arbeitet genauso oft in Co-Working-Spaces in der Bergen wie in Zürich, verbringt immer mal wieder ein paar Wochen auf Bali oder macht zwischendurch Bergtouren in Madagaskar und Uganda. Lange still sitzen oder jeden Tag ins Büro gehen, das passt nicht zu ihr.

Und dann zwickte der Rücken

Sie ist fit, keine Frage. Aber das sei nicht die Hauptsache, um in den Bergen bestehen zu können. Es gehe vor allem darum, dass man sich fokussieren und Situationen richtig einschätzen könne. Zu wissen, wann man loslaufen kann und wann besser nicht. Sie spricht von Erfahrung, von der Überwindung, die es braucht, um zu entscheiden, dass es besser ist umzukehren, vernünftig zu sein. Davon, dass der Weg zurück der schwerere ist, man auf dem Gipfel deshalb gefühlt weniger als die Hälfte des Weges zurückgelegt hat.

In jedem dieser Sätze schwingt Leidenschaft mit, es scheint manchmal so, als hätte sie zu jedem Tal, jedem Berg, eine Geschichte: Und früher oder später merkt man: Das ist ihr Kick, oder zu einem «Chick» passender: ihre Party.

«Die Verletzung wird mich viel Zeit kosten. Ich mache mir gerade Gedanken darüber, wie ich die Berge sonst noch entdecken könnte.»

Vor rund zwei Wochen aber wurde der Tatendrang der Gipfelstürmerin jäh gestoppt: Annina Coradi war gerade auf einer Hochtour im Wallis unterwegs, als sie ein Zwicken im Rücken verspürte. Trotzdem beendete sie die Tour. Zwei Tage später, beim Glaceessen am Streetfood Festival auf der Hardturmbrache, wurde der Schmerz mit einem Mal unerträglich: Der Krankenwagen musste kommen, im Spital stellte man fest, dass ein Stück der Bandscheibe in den Nervenkanal abgebrochen war – sie musste sofort operiert werden.

«Die Verletzung wird mich viel Zeit kosten», schreibt sie aus dem Spital. «Darum mache ich mir gerade Gedanken darüber, wie ich die Berge sonst noch entdecken könnte.» Bis zum nächsten Sommer wird sie mit dem Bergsteigen aussetzen müssen. Zeit, um neue Aufkleber zu drucken.

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