Im Auge des Spektakels

Ein Filmfestival, was ist das eigentlich? Wir waren dabei. Einmal bei den Promis auf dem grünen Teppich, einmal in den Tiefen der dunklen Säle. Zwanzig Erlebnisfetzen.

Die Oberfläche der Filmfestivals sagt wenig über deren Inhalt aus: Blitzlichtgewitter am ZFF. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Die Oberfläche der Filmfestivals sagt wenig über deren Inhalt aus: Blitzlichtgewitter am ZFF. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Aussen

Wie man damit umgeht, wenn man nicht bekannt ist und trotzdem über den grünen Teppich des Zurich Film Festival (ZFF) schreiten muss, zeigen ein paar gewiefte Gäste: hinter der Stellwand durch und direkt ins Kino huschen. Blöd nur, dass die Organisatoren wie Verkehrspolizisten bald alle durchs Blitzlichtgewitter lotsen, egal, ob A-, B- oder C-Promi.

Innen

Warten, bis man in den Kinosaal kann. Eine Frau erkundigt sich an der Kasse nach freien Plätzen. «Nur am Rand der zweiten und in der vordersten Reihe», sagt die Kassiererin. Da schüttelt die Dame den Kopf und rauscht ab. Erste und zweite Reihe in einem Kinosaal: Sie bleiben unbeliebt.

Aussen

Eine Umfrage auf dem grünen Teppich ergibt: Die meisten Promis sind schon lange nicht mehr im Kino gewesen. Beim Schauspieler und Moderator Max Loong ist es genau ein Jahr her, das weiss er noch, denn es war der letztjährige Eröffnungsfilm des Zürcher Filmfestivals.

Innen

Der Festivalmitarbeiter sagt «runter und dann links» und schickt einen durch die dunkle Enge. Es hätte eine Warnung sein müssen.

Aussen

Alle Prominenten, die fünf Minuten vor oder zehn Minuten nach Roger Federer antraben, werden von der Presse weitgehend ignoriert. Der Grund, warum wir Viktor Giacobbo verpassen. Einige Gäste sind sicher froh, können sie den Blitzlichtern entkommen. Denn: Drei Viertel von ihnen sind unbekannt. Haltung wahren und lächeln ist sehr wichtig am ZFF.

Innen

Häftling Saul steigt über Leichen in den Gaskammern. Einer zieht eine tote Frau an den Armen über die Kacheln. Chaos im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Oktober 1944. Ein Junge röchelt noch. Im Kinosaal hustet jemand eine Reihe weiter hinten.

Aussen

Netzkleider sind bei den prominenten Damen in diesem Jahr in Mode. Ein Dauerbrenner schon seit vielen Jahren: Statusmann und Modelfrau. Wann kommt die Umkehrung?

Innen

An jeder Stelle dieser Familie blättert die Farbe ab, jede Ecke scheint stumpf gestossen vom Unglück, das in einem Leben passiert. Und wir sitzen da und schauen zu, wie ein schmales, bald 13-jähriges Mädchen in «Happy End» von Michael Haneke die einzelnen Mitglieder zusammenhält. Obwohl sich die Blicke der anderen nur dann auf sie richten, wenn wieder jemand fragt: «Wie alt bist du jetzt eigentlich?»

Aussen

Bei seiner Eröffnungsrede sagt der Co-Direktor Karl Spoerri, er schaue gleich viel Tennis wie Filme. Das wirft eine zentrale Doppelfrage auf: Schaut der Chef des grössten kulturellen Anlasses der Stadt zu viel Sport oder zu wenig Filme?

Innen

Ein älteres Ehepaar – er wird den Literaturnobelpreis erhalten, sie ist die Frau an seiner Seite. Im Publikum von «The Wife» sitzen viele, die wohl Ähnliches von sich erzählen könnten. Ähnlich lange, ähnlich nervenaufreibende Geschichten des Zusammenseins.

Aussen

Wie man merkt, dass man am Zurich Film Festival ist und nicht an einem Festival in einer anderen Stadt? Die elegant gewandeten Promis wollen zwar alle schnell ins Corso, doch sie müssen warten. Denn zwischen grünem Teppich und Kinosaal verkehren die Trams. 2er, 11er und 4er haben Vortritt.

Innen

Die Kinositze knarren, wenn man sich bewegt. Die Knie des Nachbarn auch, wenn er sich bewegt. Die Person hinten, ein kurzer Blick über die Schulter zeigt, es ist eine Frau, hustet immer noch. Sie sucht jetzt in ihrer Tasche nach einer Wasserflasche. Und vorne, auf der Leinwand, ist einer, der nur noch sein Körper ist. Wie er sich durch das Gewusel von Befehlshabern und Befehlsempfängern und Gefangenen und Sterbenden kämpft, immer weiter, listig nach links, listig nach rechts ausweicht, und wie er gestossen wird, nicht nur von den Nazis, die sich ihm in den Weg stellen, sondern auch von etwas anderem, Innerem – dem eigenen Antrieb.

Aussen

Corine Mauch kann nicht nur in ihrem schwarzen Lederrock mit ebensolcher Bluse punkten, auch ihre Rede vor dem versammeltem Premierenpublikum im Corso sitzt. Sie sagt: «Tennis ist wie Politik ein Kampf um viele Einzelpunkte. Und am Schluss schüttelt man sich die Hände.» Ein elegant herausgespielter Punkt.

Innen

Kann jemand so selbstsüchtig sein wie dieser Schriftsteller, der gleichzeitig behauptet, er denke nur an die anderen? Ja – wenn man ihn lässt.

Aussen

Doris Leuthard spricht an der Eröffnungsfeier: Die Schweizer seien von der Mentalität her eher Borg als McEnroe. Sie fügt aber auch an, dass uns eine Prise McEnroe guttun würde. Und folgert: Sie wolle nicht zu Wutausbrüchen und anderen unkontrollierten Handlungen aufrufen. Es brauche einfach den Mix der beiden Gegensätze. Angesichts dieser typisch schweizerischen Ausgewogenheit drängt sich eine Feststellung auf: Björn Borg hätte das nicht besser formulieren können.

Innen

Der Dokumentarfilm «Glow» über die Zürcher Poetin, Punkerin und Prostituierte Lady Shiva macht traurig. Als sie bei Federico Fellini vorstellig wurde, um in einem seiner Filme mitzuspielen, lehnte er ab. Seine Begründung: «Eine Frau, die so lebt wie Irene, wird nicht alt. Ich gebe ihr noch zwei Jahre.» Er hatte recht.

Aussen

Eine weitere Erkenntnis vom grünen Teppich: Bei Leibwächtern kann man mit einem Lächeln nichts ausrichten. Vielmehr gerät man damit unter Verdacht. Scheint jedenfalls so. Und: Bodyguards sehen aus wie Bodyguards, auch jene von Roger Federer.

Innen

Der Regisseur Michael Haneke sagte, er freue sich, wenn die Zuschauer bei «Happy End» lachen würden. 110 Minuten lang lacht niemand. Nur ganz kurz einer, aber aus Schock. Es klingt, als würde er sich verschlucken.

Aussen

Eine verpasste Chance: mit Baschi zu sprechen. Dabei kommt die Verlebtheit seiner Rockaura zugute.

Innen

Das Husten hinten ist schlimmer geworden. Für einen zu langen Moment leidet man mit der Frau mit und nicht mit Saul. Er will doch nur dieses Kind begraben, diesen Jungen, von dem er denkt, er sei vielleicht sein Sohn, und ein Gebet sprechen – und plötzlich sehnt man sich selbst nach diesem Glauben.

Erstellt: 02.10.2017, 21:06 Uhr

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