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Im Hinterhof des Zürcher Lebens

Der Zürcher Rob Gnant gilt als Van Gogh der Fotografen, weil er soziale Anliegen mit Ästhetik verknüpfte.

1955, Strandbad Lido in Luzern: Junge Männer springen nach einem Ball. Gnant gehörte nie zu ihnen. Er erinnert sich: «Der Eintritt in den Lido kostet 40 Rappen. Das konnte ich mir nicht leisten. Im Freibad war das Baden auch schön.»
1955, Strandbad Lido in Luzern: Junge Männer springen nach einem Ball. Gnant gehörte nie zu ihnen. Er erinnert sich: «Der Eintritt in den Lido kostet 40 Rappen. Das konnte ich mir nicht leisten. Im Freibad war das Baden auch schön.»
Rob Gnant (Fotostiftung Schweiz)
1957, London: Der Schweizer Fotograf hält die Schau der Vierbeiner und ihrer Besitzer auf einem Tiermarkt mit der Kamera fest.
1957, London: Der Schweizer Fotograf hält die Schau der Vierbeiner und ihrer Besitzer auf einem Tiermarkt mit der Kamera fest.
Rob Gnant (Fotostiftung Schweiz)
1961, Albisrieden: Vorne Baracken, hinten die ersten, modernen Mehrfamilienhäuser. Immer wieder verfolge Gnant mit seiner Fotografie das Anliegen, Soziales mit Ästhetischem zu verbinden.
1961, Albisrieden: Vorne Baracken, hinten die ersten, modernen Mehrfamilienhäuser. Immer wieder verfolge Gnant mit seiner Fotografie das Anliegen, Soziales mit Ästhetischem zu verbinden.
Rob Gnant (Fotostiftung Schweiz)
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«Mein gefährlichster Auftrag?» Rob Gnant runzelt die Stirn. Er habe mit seiner Kamera eigentlich meist ungefährliche Standorte gewählt. «1952 war dies allerdings anders.» Er arbeitete in Belgien in einem Altersheim. Viel brennender interessierte ihn allerdings ein in der Nähe gelegenes Kohlebergwerk. «Fotografieren war dort strengstens verboten. Aber ich wollte unbedingt diese Kohlengrubenatmosphäre einfangen.» Also meldete er sich zum Kohleabbau. «Um das Verbot zu umgehen, versteckte ich meine Kamera im Brotsack.» Die Flöze lag in etwa 1000 Meter Tiefe, Gnant fotografierte untertags, wo er konnte. Nur im Stollen nicht, da war der Staub zu dicht, das Licht zu spärlich. Zurück in der Schweiz interessierte sich niemand für die Bilder. Zu trist, zu negativ, zu schwarz, hiess es. Die Zeitschrift «Du» veröffentlichte schliesslich die Fotos aus dem belgischen Borniage. Ein erster Erfolg für den jungen Fotografen.

Heute zählt Rob Gnant (83) zu den wichtigsten Schweizer Reportage-Fotografen der Nachkriegszeit. Fachleute bezeichnen in als «Van Gogh der Fotografie». Er verstand es, auf Bildern Soziales mit Ästhetischem zu verknüpfen.

Diesen Sommer gab es die Gelegenheit, seine fotografische Arbeit zu sehen. Im Rahmen des Projekts «Art Alt­stetten Albisrieden» wurden zahlreiche Schwarzweissfotografien von Gnant, die in den 60er- und 70er-Jahren in Zürich entstanden sind, ausgestellt.

Die Liebe zur Fotografie weckte seine Mutter. «Sie war ein Filmfan. Über uns im Haus wohnte ein Kinooperateur», erinnert sich Gnant, «mit ihm tauschte sie in den Kriegsjahren Lebensmittelcoupons gegen Kinobillette. Mich nahm sie jeweils zu den Vorführungen mit.» Die Welt des Kinos und des Films sollte ihn nicht mehr loslassen.

Suche nach Themen

Mit 15 Jahren, noch vor dem Ende der Schulzeit, absolvierte Gnant eine Fotografenlehre. Unabhängigkeit sei ihm immer wichtig gewesen, sagt er. «Man musste mich nur machen lassen, dann kam es schon gut.» Die meiste Zeit seines Lebens arbeitete er denn auch als Freelancer.

Seit wenigen Monaten lebt Robert Gnant in einem Pflegeheim in Wiedikon. Er ist nicht mehr gut zu Fuss. «Hier muss ich mich fügen», sagt er. Lieber erzählt der 83-Jährige von seinen Erlebnissen als Fotograf. Mit seiner Frau Ruthli sei er in die Zentralbibliothek gegangen, um sich zu informieren und in Zeitungen und Zeitschriften nach Themen für Bildreportagen zu suchen. «Da wurden wir fündig.»

Es waren die 50er-, 60er- und 70er-Jahre, das goldene Zeitalter der Bildzeitschriften. Bald fotografiert Rob Gnant für «Die Woche», das «Du» und die Bildbeilage der NZZ. Seinen Jugendtraum erfüllte er sich in den 60er-Jahren: Er begann als Kameramann, Dokumentarfilme zu drehen. 31 sind es bis zum Schluss geworden, darunter 1964 der erste schweizerische Gastarbeiterfilm «Siamo italiani». Das Filmen drängte sein fotografisches Wirken ein wenig in den Hintergrund. «Dabei war für mich stets beides gleichwertig», sagt Gnant, «ich war sowohl Fotograf als auch Kameramann.»

Es käme ihm nie in den Sinn, sich als Künstler zu bezeichnet. Vielmehr sieht er sich als exakten Beobachter, der sein Handwerk in den Dienst der Sache stellte. Die respektvolle Distanz zu den Fotografierten gehörte dabei zu seinen Markenzeichen. Auf seinen Fotos sind Menschen selten allein. Gnant zeigt sie meist als Teil einer Umgebung.

Rolling Stones und Maria Callas

Er war mit der Kamera vor Ort, als 1949 Louis Armstrong im Kongresshaus das Publikum begeisterte, und er wartete 1957 geduldig mit den Autogrammjägern vor dem Hotel Baur au Lac auf Operndiva Maria Callas. Ein Jahr später gelang es ihm, den Komponisten Igor Strawins­ki in der Tonhalle abzulichten. «Die Aufnahme habe ich mit einem 300-mm-Teleobjektiv gemacht», erinnert er sich, Ballettstar Rudolf Nureyev (1966) im Opernhaus Zürich, die Künstlerin Hanni Fries in ihrem Atelier (1966), Friedensapostel Max Daetwyler mit weisser Fahne (1967) oder Sänger Udo Jürgens, Hände schüttelnd bei einem Konzert am Rand der Kongresshausbühne (1970), sind Prominente, die Gnant fotografierte. Und noch heute regt er sich über den Auftritt der Rolling Stones im Hallenstadion auf, als es 1967 zu Krawallen kam. «Ich habe noch nie so widerliche Leute gesehen wie die Stones und ihr Gefolge: verlebt und versoffen.»

Der letzte Dampfzug im zürcherischen Wehntal, Schichtwechsel bei Brown Boweri in Baden, Karfreitag auf einem Friedhof in Vals, eine Gruppe Italiener an einem Sonntag am HB: Gnants Aufnahmen dokumentieren ein Stück Schweizer Gesellschaftsgeschichte. Mit weit über 70 Jahren hat er alle seine Aufnahmen digital archiviert, katalogisiert und der Fotostiftung Winterthur verkauft. Es sind mehr als 200 000 Negative. Eine Kamera besitzt er keine mehr: «Diese Zeiten sind vorbei. Ich habe genug experimentiert mit Licht, Schatten und Korn.» Apropos Korn, und das ist ihm wichtig: «Bei mir haben die Menschen immer gewusst, wann ich sie fotografiere. Ich war kein Heckenschütze.»

Bilder Die Welt, wie sie Rob Gnant festgehalten hat.

gnant.tagesanzeiger.ch

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