Über sieben Gipfel musst du gehn

Statt die höchsten Berge der Welt zu erklimmen, bezwang unser Autor die Stadtzürcher Hügel in einem Tag – und war am Ende fix und fertig.

Der Uetliberg: Die Treppenstufen des Gratwegli, das auf den Gipfel des höchsten Zürcher Berges führt, können zu Protesten der Beine führen. Foto: Urs Jaudas

Der Uetliberg: Die Treppenstufen des Gratwegli, das auf den Gipfel des höchsten Zürcher Berges führt, können zu Protesten der Beine führen. Foto: Urs Jaudas

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Über 400 Alpinisten haben bisher die sieben Summits geschafft: Everest 8848 Meter (Asien), Aconcagua 6962 (Südamerika), Denali/McKinley 6190 (Nordamerika), Kilimandscharo 5895 (Afrika), Elbrus 5642 (Europa), Vinson 4892 (Antarktis) und Carstensz Pyramide 4884 (Australien/Ozeanien). Aber auch die Stadt Zürich kann mit sieben Bergen aufwarten: Uetliberg, Adlisberg, Oetlisberg, Zürichberg, Käferberg, Hönggerberg und Entlisberg. Das ist viel Berg für eine Stadt im Flachland; das ruft nach besteigen.

Oetlisberg(696 m ü. M.)

Nach intensivem Mentaltraining wird es gewagt: Zürichs sieben Summits an einem Tag. Das Abenteuer beginnt im hoch gelegenen Witikon. Das Quartier ist bekannt für seine schönen Töchter – und seine Busverspätungen. Jahrelang drängte der Quartierverein auf eine direkte Verbindung ins Stadtzentrum, jetzt hat er sie in Gestalt der viel zu langen Linie 31. So beginnt diese Expedition mit Verspätung, was die Moral dämpft. Doch wir beissen auf die Zähne und stehen schon nach 20 Minuten auf einer Kuppe im Tannenwald, die der höchste Punkt zu sein scheint. Kein Gipfelkreuz, kein Gipfelbuch. Oetlisberg? Oetlishügel.

Adlisberg(701 m ü. M.)

Weiter zum Adlisberg. Auf den breiten Waldrücken führt ein steiler Kiesweg, in dessen Kurven tiefe Bremsspuren von der Panik überforderter Velofahrer berichten. Der Gipfel befindet sich weit hinter dem Aussichtsturm, grobe Traktorspuren erleichtern den Zugang durchs Unterholz, was Waldsensible empören könnte. Ein höchster Punkt ist nicht zu erkennen, dafür eigenartig drapierte Äste. Überreste einer Schwitzhütte für verunsicherte Männer? Ob sie ihren Geistbären gefunden haben? Grizzly oder Brillenbär? Beim Weitergehen sehen wir von fern ein Hügelgrab, das sich von nah als Wasserreservoir Looren herausstellt. Nach dem Wald wird der Hauptsitz der Fifa passiert. Mit der fensterlosen Fassade sieht er aus wie ein Hochsicherheitstrakt – ein Gefängnis für ganz schwere Jungs.

Zürichberg(675 m ü. M.)

Der Aufstieg zum Zürichberg ab Tram­station Zoo ist kurz und dank breitem Trampelpfad einfach zu finden. Und siehe: Dieser Gipfel ist markiert mit einem Findling und einer Tafel: «Escherhöhe, 676 m ü. M.». Wobei die Landeskarte 675 Meter angibt. Ob der Zürichberg schrumpft unter dem Gewicht der verdichteten Neubauten, denen die alten Villen weichen müssen?

Weiter gehts vorbei am Denkmal für die Schlacht bei Zürich im Jahr 1799, in der der französische General Masséna die Russen besiegte. Ihm huldigt zudem die Massénastrasse nebenan, ungeachtet des Leids, das Napoleons Armeen angerichtet haben. Das böte doch der SP die Möglichkeit, sich pazifistisch zu profilieren, wenn ihr die Grünen schon ökologisch voraus sind. Sie könnten im Gemeinderat die Umbenennung der Massénastrasse fordern: in Sühnestrasse? Oder in Anne-Marie-Massénastrasse, weil hinter einem erfolgreichen Mann immer eine Frau steht.

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Käferberg(562 m ü. M.)

Für den vierten Berg der Grand Tour muss zuerst der Irchel gequert werden, was mithilfe der Buslinie 69 geschieht. Dann, im Aufstieg ab Bucheggplatz, wechselt die Akustik: heulende Flugzeuge statt zwitschernder Vögel. 31 Millionen Passagiere benützten letztes Jahr den Flughafen Zürich, es werden immer mehr. Und ich kleine Unschuld soll im Herbst nicht mehr nach Mallorca fliegen dürfen? Am höchsten Punkt des Waldes mischt sich der Fluglärm mit den Lauten eines gut gelaunten Kindergartens. Kein Ort zum Verweilen.

Das Besondere am Käferberg ist sein Nebengipfel namens Waidberg. Aber auch der macht nicht glücklich: ein Gehölz neben einem Sendemast, in dem Papiertücher vom Wirken des menschlichen Darms berichten. Wieso gerade dort? Die Frage müsste wissenschaftlich angegangen werden, am besten von der ETH, auf die wir bald stossen. Doch bevor wir im Campus nach den vielen Häufchen zu fragen wagen, kommt uns in den Sinn, dass die grad andere Sorgen haben. (Stichwort: Wer mobbt wen?)

Hönggerberg(541 m ü. M.)

Wenig später drängt sich eine andere Frage vor: Wo ist denn hier der Hönggerberg? Dieser Wald ist gross und flach wie eine Flunder. Irgendwann geht es ein paar Zentimeter aufwärts, und gemäss Karte ist das Gewirr von vermoosten Ästen der Punkt 541. Was für ein kläglicher Gipfel! Doch behalten wir das besser für uns, denn die Höngger sind empfindlich – nur schon zwei Wohntürme fürs Stadion, die ihre Aussicht stören könnten, bringen sie in Rage. Kurz vor Ende des Waldes zeigt sich am Wegrand eine Erhebung. Nach der Erfahrung vom Adlisberg tippen wir auf ein Reservoir. Falsch! Es ist ein Grabhügel aus der Eisenzeit 700 vor Christus.

Uetliberg (870 m ü. M.)

Wir sind jetzt seit vier Stunden unterwegs, und der höchste Berg ist noch nicht bezwungen. Kurzer psychischer Einbruch. Zuerst muss die Stadt durchquert werden, wofür sich die Buslinie 80 anbietet. Sie führt zum Triemli, wo der Hohensteinweg beginnt – der klassische Aufstieg neben dem Laternenweg ab Albisgüetli. 400 Meter hoch türmt sich Wald. Imposant! Oben auf der Schulter gehts weiter über das Gratwegli, wo der Blick auf die Stadt zwar faszinierend ist, die unregelmässigen Treppenstufen jedoch Proteste der Beine provozieren. Liegts an der dünnen Luft? An den dünnen Waden? In solch schwachen Momenten hilft das Bergauf-Mantra, das in Gedanken ständig wiederholt wird: «Ich bin ein sich selbst genügender Muskel, der nur bergauf gehen will. Ich bin ein sich selbst genüg ...»

Blick auf den Uetliberg und das Zürcher Oberland. Foto: Urs Jaudas.

Tatsächlich wird in 75 Minuten ab Triemli der Gipfel erreicht: Uto Kulm, früher berüchtigt als Freistaat Giusep Fry, in dem die grosse Terrasse illegal verglast und für Events reserviert war. Nach vielen Gerichtsurteilen ist die ganze Terrasse nun allen zugänglich. Zum Dank spülen wir die dürstende Kehle mit einem Uetlibräu, gebraut in Uster.

Entlisberg (524 m ü. M.)

Gestärkt und leicht beduselt, wird die letzte Etappe in Angriff genommen, hinunter nach Leimbach, entlang der Fallätsche: ein riesiger Erosionstrichter, Zürichs wildeste Gegend. Vielleicht kriegt der Uetliberg künftig noch mehr solche Trichter, wenn der Regen in der Klimaerwärmung auf Sintflut macht. Je tiefer man kommt, desto lauter wird die Autobahn unten im Tal. 720'843 Personenwagen waren Ende 2018 im Kanton Zürich registriert – da also, wo die Grünen und Grünliberalen soeben die Wahlen gewonnen haben.

Vermutlich liegts am Bier. Nach halbem Abstieg packt uns die Abenteuerlust, wir queren auf einem Trampelpfad in den Trichter der Finsternis, in diese Wand des Grauens. Wer würde uns bei einem Felssturz oder vor einer irren Gämse retten? Vermutlich jemand vom Alpenclub Felsenkammer, der mitten in der steilen Wand eine Hütte unterhält. 18 Aktiv- und 48 Passivmitglieder zählt der Club, mehr wären erwünscht, so liest man es an der Hauswand: «Jüngere Mitgliederinnen und Mitglieder gesucht.» Eine überkorrekte Schreibweise für einen Ort so fern der Zivilisation.

Allen Ängsten zum Trotz überleben wird den exponierten Abstieg, überqueren beim Bahnhof Leimbach die Sihl und beginnen den Aufstieg zum Entlisberg. Er ist eine Seitenmoräne des Linthgletschers vor 20'000 Jahren – und noch weniger Berg als der Käferberg. Die Stimmung ist im Tal, es gnüegelet. Entsprechend flau ist das Gipfelglück am höchsten Punkt, dem Vita-Parcours-Posten «Froschhüpfen».

Acht Stunden nach Aufbruch in Witikon erreichen wir die Tramendstation Wollishofen. Hat es sich gelohnt? Ziemlich. Die Stadt liess sich so mal ganz anders erleben. Weiter wurde klar, dass die Namen – typisch Züri eben – zu grossspurig sind: Der Käferberg müsste Käferliberg heissen, der Hönggerberg Hönggerli. Was aber am meisten befriedigt: Messner, Bonatti, Loretan, Steck – keiner der Grossen im Alpinismus hat Zürichs sieben Summits gemacht!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2019, 19:07 Uhr

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