Im Reich der musizierenden Bäume

Im Vallée de Joux dominieren Wälder, Weiden und Witterungen das Alltagsleben. Auch deshalb hat angeblich praktisch jeder der 6000 Bewohner schon mal eine Erfindung gemacht.

JMC Lutheries macht Musik aus Holz: eine kleine Klangdegustation in Le Brassus. Video: Ev Manz

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Was für eine Überraschung: Der Wagen wird zur Übergabe in Lausanne vom Hotelpagen vorgefahren! Leider muss ich danach selbst ans Steuer, schade, vor allem weil der Radiomoderator eben den Song «The Long Now» empfiehlt, das sei ein Stück für einen relaxten Beifahrer, der es geniesse, bezaubernde Landschaften und Wälder vor dem Fenster vorbeiziehen zu lassen.

Zuvor aber gibts einen Halt am Hafen von Morges. Der Lac Léman ist am frühen Morgen noch flach. Enten quaken, Möwen rufen, es riecht nach Meer. Zumindest verleiten einen die vielen Jachten zu dieser Einbildung. Egal, denn hier, wo die Schale «Renversé» heisst, wo jedes Pain au chocolat besser schmeckt als das beste Schoggigipfeli an der Limmat und wo der vorbeieilende Jogger «Bon appétit!» wünscht, lass ich mir die Ferienstimmung eh nicht mehr nehmen.

Just in dem Augenblick, als ich mein köstliches Frühstück mit dem letzten Bissen Pain au chocolat beende, macht es «Peng!»: Eine Genusspedaleurin schiesst auf der beinahe leeren Seepromenade einen Rennradfahrer ab! Einen solch dramatischen Velounfall habe ich in Zürich noch nie gesehen. Beide liegen am Boden, das Hinterrad ihres Gefährts ist total ruiniert. Ich erwarte Fluchwörter, doch was ich tatsächlich höre, sind gegenseitige, höfliche Entschuldigungen.

Die Natur ruft. Vufflens-le-Château und Aubonne ziehen imposant vor der Frontscheibe vorbei. Auf dem Beifahrersitz kann diese passive Art des Reisens ermüden, als Lenkerin bietet sie Unterhaltung, kurz: Ich brauch keinen Chauffeur. Zumal sich auf den 1449 Meter hohen Col de Marchairuz hinauf tüchtig Gas geben lässt (Anm. d. Red.: Leser, die nun denken: «Frau am Steuer – ungeheuer!», wissen nicht, dass unsere Frau Manz hervorragend Auto fährt).

Wilde Natur, die tritzdem Charme hat, im Parc Jura Vaudois #parcjuravaudois

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Nach der Passhöhe wird der Blick frei auf die wilden Wiesen mit den Trockenmauern. Überall Kühe, Schilder für Greyerzer-Käse. In der Ferne nur Wald und Natur. Auf den Parkplätzen reiht sich Auto an Auto. Die Wanderweltmeister sind auch da unterwegs. Über 500 Kilometer Pfade gibt es im Parc Jura vaudois. Ich bitte ein Wanderpaar um einen Tipp, er rät «Le Crêt de la Neuve» und schiebt etwas mit «belle vue» nach. Voilà, passt! Entgegen meiner Annahme sehe ich oben angekommen a) keinen anderen Menschen, b) jedoch auch keinen der 140 Berggipfel hinter dem Lac Léman ... schön ist es trotzdem.

Die Einkehr in eine Buvette d’Alpage ist Pflicht. Auf der Terrasse der Pré-aux-Veau köchelt am Nebentisch bei 28 Grad Celsius ein Fondue. Keine Touristen, Einheimische!

Fondue bei hitzigen Temperaturen? Bien sûr! Einheimische! #buvettes #parcjuravaudois #Fondue

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«Dehors, avec du soleil, c’est parfait. Et ça pue pas», sagt der Älteste. Am Tisch komme ich mit Corinne und Paolo Perlini aus Lausanne ins Gespräch. Sie schwärmen von Zürich, der Oper und dem Niederdorf, obwohl sie sich da fremd fühlen. «Und ihr Deutschschweizer seid umweltbewusster und innovativer.» Ich sage «merci» und breche auf ins Vallée de Joux.

«Das Vallée de Joux hat 6000 Einwohner und mindestens so viele Patente!»Céline Renaud, Direktorin JMC Lutheries

In Le Brassus baut ein New Yorker Architekt für die ortsansässige Luxusuhrenmanufaktur Audemars Piguet ein Hotel, doch die Baukräne ruhen. Auch die Rollläden der Manufaktur sind geschlossen, man hat Ferien. Die hätte auch Céline Renaud, aber die Direktorin von JMC Lutherie empfängt mich trotzdem im Showroom an der Hauptstrasse. Schliesslich spiele Zeit hier im Tal eine andere Rolle, mindestens vier Monate liege Schnee, darum seien alle mit dem Ertüfteln von Dingen beschäftigt: «Das Vallée de Joux hat 6000 Einwohner und mindestens so viele Patente!» Neben präzisen mechanischen Uhren ist etwa der Klettverschluss im Tal entstanden, inspiriert von Disteln.

Renaud legt eine CD von Adele in den Player, drückt die Starttaste, Sekunden später stellt es mir die Haare auf. Er ist so klar und warm, der Ton, der aus dem flachen Lautsprecher aus Holz kommt, ich bin entzückt und irritiert zugleich! Sie lacht und sagt: «Einen tauben Besucher liessen diese Luftschwingungen gar tanzen.»

Renauds Firma verarbeitet Klangholzfichten zu klingenden Kunstwerken – Lautsprechern, erstklassigen Gitarren, Soundboxen. Eine solche besitzen die Bundesräte Leuthard und Parmelin oder Sänger Bastian Baker. Das Holz stammt aus dem Grand Risoud, mit 10'000 Hektaren in der Schweiz und in Frankreich der grösste zusammenhängende Wald Europas. Der karge Kalkboden und das Wetter lassen die Bäume langsam wachsen. Mit 350 Jahren haben sie die ideale Grösse und die nötigen engen Faserungen, doch längst nicht alle genügen den hohen Ansprüchen, wichtig sind: gerader Wuchs, in der unteren Hälfte keine Äste, bei abnehmendem, tief stehendem Mond im Novembergeschnitten.

Solche Bäume will ich sehen, fühlen. Wir fahren in den Grand Risoud. Renaud führt mich zu Stämmen, fachsimpelt über Bart (Rinde) und Rock (Wurzelstock). Mystisch. Bis zu seinem Tod vor vier Jahren hat Lorenzo Pellegrini für sie die Bäume ausgesucht. Der Baumpflücker mit den Pranken war so etwas wie das Urgestein des Waldes. «Er verstand Bäume besser als Menschen, er war der beste Pflücker», sagt Renaud.

«Reden Sie mit den Bäumen?» – «Das muss ich nicht. Sie inspirieren mich auch so.» – «Wie?» – «Sie entschleunigen, helfen, eine Balance zu finden. Die Fichten haben garstige Zeiten allein durchgestanden. Das gibt Kraft.» – «Wie gehen Bäume miteinander um?» – «Respektvoller als viele Menschen. Die Einwohner hier haben das verinnerlicht.» – «Sie sind ein Arbeitstier und weltweit unterwegs. Zürich wäre doch der ideale Wohnort?» – «Da würde ich sterben. Hier fühle ich mich in den Ferien. Unter Leuten, die Zeit haben und genau arbeiten. Typische Schweizer eben.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2018, 00:08 Uhr

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