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«Im wortlosen Blick liegt die Stärke»

Die Zürcher Schauspielerin Sarah Andrina Schütz sass für eine Performance der New Yorker Künstlerin Marina Abramovic fünf Stunden schweigend und bewegungslos in einer Holzkiste.

«Eine Dame wollte, dass ich gefüttert werde»: Sarah Andrina Schütz. Foto: Doris Fanconi
«Eine Dame wollte, dass ich gefüttert werde»: Sarah Andrina Schütz. Foto: Doris Fanconi

Sie sassen während fünf Stunden schweigend und bewegungslos im Schneidersitz in einer Holzkiste, aus der nur der Kopf hervorlugte. Mitten in den dinierenden Gästen der Sommernachtgala.

Die bekannte New Yorker Künstlerin Marina Abramovic hatte zum Casting in die Foundation Beyeler nach Basel ge­laden. Jene Künstlerin, die sich Messer in die Finger rammt und durch Flammen springt. Weltberühmt ist ihre Performance im New Yorker Moma, als sie auf einem Stuhl sitzend nichts anderes tat, als ihren Gegenübern wortlos in die Augen zu schauen. 90 Tage lang, sechs Tage die Woche, sieben Stunden am Tag, ohne Pause, ohne Essen, ohne Trinken, ohne zu sprechen und auf die Toilette zu gehen. Ihr Stuhl war mit einem entsprechenden Auffangbecken versehen.

Für die Basler Performance hatte Marina Abramovic aus Castingteilnehmern rund 30 Performer ausgewählt. Eine davon war die junge Zürcher Schauspielerin Sarah Andrina Schütz.

Frau Schütz, ist für Sie ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen?

Ein Kindheitstraum wohl kaum, damals standen eher rosa Ponys oder eine Barbie auf der Wunschliste. Aber seit ich das unfassbare Schaffen von Marina Abramovic verfolge, wollte ich einmal Teil einer ihrer Performances sein. Ein Kern von Frau Abramovics Arbeiten ist die Grenzüberschreitung. Ich war gespannt, wie ich auf diese reagiere.

Wie hält man es fünf Stunden schweigend und bewegungslos aus?

Es gehört zu meinen Beruf, dass ich mich für eine beliebige Zeitspanne extrem konzentrieren und fokussieren kann. Bedenken hatte ich jedoch wegen der körperlichen Strapazen. Während der Proben sind mir einmal die Beine eingeschlafen, bis ich sie nicht mehr bewegen konnte. Dank mentalem Training und einer Einwärmphase von über eineinhalb Stunden ist mir aber während der gesamten Performance nichts Derartiges mehr widerfahren.

Was war das Schwierigste?

Eine grosse Herausforderung war die Vorgabe eines neutralen Gesichtsausdrucks. In meinem Gesicht kann man normalerweise alles ablesen, woran ich denke, wie ich mich fühle. Die Gäste der Gala haben auf verschiedene Art versucht, mich aus der Ruhe zu bringen. Es wurden Selfies mit mir gemacht oder über mich gesprochen. In einem solchen Moment entgegen seinem Naturell ohne sichtbare Reaktion Augenkontakt und einen neutralen Gesichtsausdruck zu behalten, war schwierig.

Mussten Sie nie auf die Toilette?

Nein. Andere Performer haben aber Windeln angezogen, um für den Notfall gerüstet zu sein. Ich habe ab 15 Uhr nichts mehr getrunken (Beginn der Performance 18.40 Uhr). Während des ganzen Tages habe ich mich wie ein Profi-Sportler gefühlt, der sich mit einem lockeren Work-out, gezielter Ernährung und mentalem Training in Form bringt.

Haben Sie die Teilnahme bereut?

Bereut ist sicher das falsche Wort, um zu beschreiben, was in mir vorgegangen ist; aber es gab diesen Punkt tatsächlich, wo ich mich als Performerin ohnmächtig gefühlt habe. Als ich mich nur noch als «Centerpiece» der geladenen Gäste fühlte. Eine Dame am Tisch hat offen verschiedene Teilnehmer aufgefordert, mich zu füttern. Klar wusste ich, dass Secu­ritys zu unserem Schutz bereitstanden. Wie ich aber mit dieser Situation umgehen sollte, die natürlich despektierlich ist, wusste ich nicht. Diese Phase zu überstehen und für mich als Künstlerin eine neue Berechtigung während der Performance zu finden, war wohl rückblickend der spannendste Aspekt.

Würden Sie es wieder tun?

Klar, es geht ja um einen nonverbalen Austausch mit den Gästen. Da wird man sicher bei jeder Wiederholung Neues ­erfahren. Die spannendste Erkenntnis konnte ich bereits während der Sommer­nacht­gala selbst gewinnen: Die Wahrnehmung, wie ich mich in einer bestimmten Situation fühle, ist eine innere Entscheidung. Diese kann man auch nonverbal klar kommunizieren. Sogar so, dass das Umfeld darauf reagiert. Und in Zukunft werde ich in Situationen, in denen ich mich früher sofort verbal zur Wehr gesetzt habe, zuerst einmal den Blickkontakt suchen und ihn halten. In dieser Geste liegt eine ungeheure Stärke.

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