Inspirieren und kassieren

Andrea Monica Hug weiss, wie man sich im Internet vermarktet. Für ein Bild auf Instagram zahlen ihr Firmen mehrere Hundert Franken. Ein Tag im Leben der Influencerin.

Will authentisch rüberkommen: Andrea Monica Hug auf Instagram. Fotos: PD

Will authentisch rüberkommen: Andrea Monica Hug auf Instagram. Fotos: PD

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Ein grauer Raum mit Spannteppich und pragmatischem Design, die Zürcher Handelskammer weiht ihre neuen Büros an der Löwenstrasse ein. Auf dem Programm steht an diesem Abend ein Talk, der sich um die Frage dreht: Wie wird man erfolgreich? Die Interviewte: Andrea Monica Hug (27), Fotografin, ­Social-Media-Promi, Influencerin.

Ihr Geschäft erklärt Andrea Monica Hug so: Mehrmals täglich lädt sie Bilder in ihren Instagram-Kanal. Meistens von sich selbst, oft in neuer Kleidung, beim Essen oder an einem Ferienort vor malerischer Kulisse. Mit diesen Fotos verdient sie die eine Hälfte ihres Einkommens, die andere als Fotografin. Die Zuhörer in Deuxpièces und Anzug hängen der Frau auf der Bühne an den Lippen.

Influencer, Einflüsterer, Selfmadewerbeträger, Social-Media-Promi: Wie auch immer man diese neue Berufs­gattung nennen will – sie floriert. Weltweit entdecken grosse Firmen gerade deren Wert für sich. «Die Influencer ­gehen tief in die Community, das Produkt landet durch sie schnell beim End­konsumenten», sagt die PR-Frau eines berühmten Modelabels. Ihren Namen möchtet sie nicht in der Zeitung lesen. Fabian Plüss von der Zürcher Agentur Kingfluencer vermittelt seit zwei ­Jahren Influencer an Unternehmen. Er sagt: «Das grösste Kapital der Influencer ist eine treue Community.»

Waren Werbeverträge einst Berühmtheiten aus Sport, Medien oder Kultur vorbehalten, kann heute theoretisch ­jeder und jede durch eigene Anstrengung in sozialen Medien Reichweite ­erlangen und so für die Werbung inte­ressant werden. «Die klassischen Testimonials am Fernseher verlieren an Relevanz», sagt Plüss. Wer den Dreh raus hat, kann mitmischen im Geschäft mit den Ich-AGs.

Kein Tabak, kein Alkohol

Andrea Monica Hug sagt: «Es ist zentral für mich, auf meinen Bildern authentisch zu sein.» Darum ist Werbung für ­Alkohol, Tabak oder tierische Produkte für sie tabu. Die Kleider, die sie auf den Bildern trägt, müssten zu ihrem Image passen. Zudem: Die Bilder sollen gut sein, aber nicht perfekt; sie sollen ein stimmiges Gesamtbild abgeben. Eine gesprächige Community in den Kommentarspalten und die tägliche Inter­aktion mit den Followern ist wichtig. «Ich bin Fotografin, Konzepterin, Social-Media-Redaktorin, Texterin, Stylistin, Sekretärin und Model zugleich», sagt Hug.

Der Lohn dafür: innerhalb eines Monats nach Los Angeles, London und ­Paris reisen. Übernachtungen in teuren Hotels, Essen in schicken Restaurants, Anfragen für Shootings, Geschenke. Natürlich müssen die Reisen dokumentiert, die Produkte fotografiert werden, das ist das ungeschriebene Gesetz.

Mit 17 500 Followern bei Instagram zählt die diplomierte Wirtschaftsfachfrau und Journalistin zwar nicht zu den Grossen im Geschäft. Die Anzahl Follower ­alleine ist aber nicht ausschlaggebend für Aufträge. Fabian Plüss sagt: «Andrea Monica Hug ist beliebt bei unserer Kundschaft, weil sie echt rüberkommt.» Hugs Formel: «Nähe zu den Followern be­deutet Vertrauen, Vertrauen bedeutet Glaubwürdigkeit, Glaubwürdigkeit bedeutet Verträge.» Viel Haut zeigen, wie das andere Influencerinnen machen, ­darauf verzichtete sie bisher fast ganz.

Donnerstagnachmittag, Pressetermin beim Schmucklabel Thomas Sabo an der Bahnhofstrasse. Neue Produkte werden vorgestellt, zahlreiche Schweizer Influencer lassen sich durch die Räume führen, vorbei an Ohrringen und Halsketten. Hug schiesst Bilder und fügt sie in ihre Insta-Story ein. Sie tagt eine ihrer Blogger-Kolleginnen. «Sich gegenseitig markieren hilft immer beiden.» Zur Verabschiedung umarmt man sich.

Misstöne sind nicht vorgesehen

Nicht alles ist rosig unter Influencern, es gibt auch Disharmonie: «Nicht alle ar­beiten mit lauteren Methoden», findet Hug. Follower zu kaufen oder Bots zu benutzen, die automatisch kommentieren, seien gängige Praxen. Kein Wunder: Es geht um viel Geld. Zwischen 500 und 2500 Franken erhalten gefragte Influencer pro Bild. Ein paar Millionen schwer sind die erfolgreichsten unter ihnen, auch in der Schweiz.

Dafür nimmt Hug freilich auch Stress in Kauf. Sie ist jetzt auf dem Weg zum nächsten Pressetermin im Hotel Park-Hyatt. Kollegen und Lifestyle-Journalisten huschen durch eine Suite, dabei sollen sie Bilder neuer Kosmetikprodukte machen. Cremetuben sind auf einem ­Rasenquader Instagram-gerecht drapiert. «Die Hälfte aller Eingeladenen sind Instagram-Influencer», sagt die ­Organisatorin. Tendenz steigend. Zum Abschied gibt es eine Tragtasche voller Produkte mit auf den Weg.

Trotz Luxus-Lifestyle und Werbe­geschenken: Viele hätten ein falsches Bild von ihrem Beruf, sagt Hug. Und nicht alle seien dem Stress gewachsen. Bei Auslandsreisen etwa habe sie kaum Zeit zum Geniessen, fühle sich manchmal allein. Auf ihren teuer bezahlten ­Bildern darf man diesen Stress natürlich nicht spüren. Instagram, so scheint es, ist eine Wohlfühlzone. Misstöne, so menschlich sie auch sein mögen, sind nicht vorgesehen.

Hug sieht den Sinn ihrer Arbeit darin, andere zu inspirieren. «Wenn mir eine Followerin schreibt, sie esse wegen mir gesünder oder fühle sich wohler in ihrem Körper, ist das eine Bestätigung für mich.» Das Unperfekte schliesst sie dabei nicht aus, im Gegenteil. «Ich zeige auch Makel.» Dass dies nicht allen ­gefällt, weiss sie. Negative Feedbacks ­erhalte sie beinahe täglich.

Der lange Arm der Industrie

Ob dieser lange, tief ins Private reichende Arm der Industrie, wie man die Influencer auch beschreiben könnte, in zehn Jahren noch gefragt ist, ist offen. Die nieder­ländische Trendforscherin Lidewij ­Edelkoort oder der Zürcher Werber Frank Bodin äusserten sich jüngst kritisch zu dieser Frage. Auch die eingangs erwähnte PR-Frau ist skeptisch: «In zwei, drei Jahren wird das Phänomen abflachen.»

Andrea Monica Hug schaut der Zukunft trotzdem entspannt entgegen: «Ich hatte noch nie einen langfristigen Plan.» Derzeit gehe es vor allem aufwärts. Anfragen wie jene der Handelskammer prägen zurzeit ihren Alltag, ­Pressereisen ebenso. Klar ist: Dieser Beruf befindet sich erst im Entstehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.07.2017, 21:56 Uhr

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