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«Interessant, weil es primitiv ist»

Warum schauen eigentlich so viele Leute den «Bachelor»? Ein Viewing mit der Kandidatin Amanda und einigen Fans zeigt, warum.

Kol, Dominik, Marina, Amanda, Lyle, Marco (v.l.): Fans und eine Teilnehmerin schauen gemeinsam den «Bachelor». Foto: Tom Egli
Kol, Dominik, Marina, Amanda, Lyle, Marco (v.l.): Fans und eine Teilnehmerin schauen gemeinsam den «Bachelor». Foto: Tom Egli

Ein Abend mit einem Frauengrüppli hätte es werden sollen. Ladys Night mit «Bachelor»-Schauen: Prosecco, Rüebli-Snacks und derbe Sprüche weit unter der Gürtellinie, so das Klischee. Mittendrin ein männlicher Schreiber, der versucht, sich unsichtbar zu machen. Oder aber den halb ernsten, halb ironischen Blick aufzusetzen, den man scheinbar benötigt, um eine Sendung zu geniessen, bei der 20 Frauen versuchen, sich auf Kommando in denselben Mann zu verlieben. Und dabei Freundinnen oder Feindinnen werden, sich ausstechen oder lieben, zusammen weinen oder lachen. Das volle Leben halt. Und wir schauen belustigt zu.

Gekommen sind zum vereinbarten Treffen keine Frauen, sondern vor allem junge Männer. Oder besser, Jungs zwischen 14 und 22 Jahren. Marco und Lyle aus Glattbrugg, beide 22, beide Vermögensberater. Kol und Nico, Schüler, beide 14, beide aus Birr. Die Geschwister Dominik und Marina aus Rothenburg, er 16, sie 14. Sie alle sind wegen Amanda nach Zürich gereist, einer der Teilnehmerinnen, die via Instagram zu diesem Meet and Greet mit gemeinsamem Public Viewing eingeladen hatte.

Amanda ist Solothurnerin und arbeitet in L.A. als Personaltrainerin und Influencerin. In der Sendung kommt ihr die Rolle der selbstbewussten, sinnlichen, eher vernünftigen Frau zu, die ihre Reize, wie die meisten anderen auch, einzusetzen weiss. Sie wirkt sympathischer als andere. Die Mehrheit ihrer über 13000 Follower bei Instagram seien männlich, sagt sie. Deshalb der deutliche Männerüberschuss in diesem zum Wohnzimmer umgebauten Büro an der Zürcher Langstrasse, wo wir uns treffen. Das Hauptpublikum ist laut Sendungsmachern weiblich und zwischen 15 und 24 Jahre alt.

Es wird zu viel geknutscht

Zu Beginn war vor allem eine gewisse, wohl der Nervosität geschuldet Zurückhaltung spürbar. Ein paar Fragen zur Auflockerung: Was ist das Tolle am «Bachelor»? Dominik: «Es ist cool, dass man zwischen 20 Frauen auswählen kann.» Kol: «Es ist interessant, weil es so primitiv ist.» Nico: «Ich muss es mit meiner Freundin schauen.» Die meisten wären selber gerne einmal Bachelor, sagen sie. Nur Kol und Nico nicht, die würden sich vor ihren Eltern schämen, weil so viel geknutscht wird.

Streit und Lästereien: Amanda in der «Blick»-Nachbesprechung der letzten «Bachelor»-Folge. Video: Youtube/Blick

Die aktuelle «Bachelor»-Staffel ist die erfolgreichste aller bisher ausgestrahlten. Das sei so, weil es diesmal so richtig zur Sache gehe, ergibt eine kleine Umfrage im Raum. Weil der Sender 3+ es verstanden hat, noch einmal an der Erträglichkeits-Schraube zu drehen. «Es ist wie auf dem Schulhof», sagt Kol. Schon in der ersten Folge gibt es Schlampen-Vorwürfe, Tränen der Einsamkeit und heftige Anfeindungen. Eisernes Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, seine Interessen rücksichtslos durchzusetzen, sind mehr denn je die angewandten Waffen. Und natürlich Sex. Scheitert eine Kandidatin in einigen dieser Disziplinen, wie aktuell die Teilnehmerin Fabienne, fallen die anderen über sie her wie Löwinnen über ein verletztes Gnu. Das färbt wiederum auf die Zuschauer ab, die bereitwillig in den Schmähgesang einstimmen. Diese Ausgabe des «Bachelor» hat es in sich, man ist sich hier einig.

Im mit Sofas und Grossleinwand ­ausgekleideten Büro in Zürich haben nun alle Platz genommen. Schokobobons werden verdrückt, Red Bull geschlürft, vereinzelt gibt es Prosecco. Leichtes Stottern allenthalben im Gespräch mit Amanda, die mittendrin Platz ge­nommen hat. Ein paar Fragen an sie: Wie oft schaust du dir selber am Fernsehen zu? – «Dreimal die Woche, einmal mit dem Vater, einmal mit der Mutter und am Public Viewing.» Wie hast du dich angemeldet? – «Man hat mich angefragt.» Hast du gewonnen? – «Kein Kommentar.»

Wer schützt Fabienne?

Ansonsten ist es ziemlich ruhig während der Sendung. Es sei denn, besagte Fabienne erscheint am Bildschirm. Dann geht ein Raunen durch die Reihen. Manchmal auch mehr. «Lügnerin!», sagen die einen. «Dabei ist sie nicht einmal schön», die anderen. Warum sie noch dabei ist, kann sich niemand erklären. Ob man auch Mitgefühl empfinde mit ihr? Nein, sie soll heimfahren. Die von den Sendungsmachern sauber gezeichneten Fronten greifen beim Publikum. Eine Frage, die wir allerdings verdrängen: Wer schützt Fabienne, der die Rolle der unsympathischen Intrigantin zugekommen ist, vor dem bösen Bild, das wir uns von ihr machen?

Auf dem Bildschirm veranstaltet der Bachelor Clive nun ein Grapschquiz. Ein Kichern erklingt. Mit verbundenen Augen und mittels Tastsinn versucht er zu erraten, welcher Hintern welcher Kandidatin gehört. Nur eine weigert sich, mitzumachen. Um sich zu verlieben, sei das nicht nötig. «Eine Langweilerin», sagt Amanda zu uns. «Sie weiss einfach, sich korrekt darzustellen.» Kann man schwer kontern.

Die Meinungen in der Runde gehen diesbezüglich aber auseinander. Die einen verstehen sie, die anderen nicht. Zudem muss man sagen, dass in der Sendung auch Vernünftiges gesagt wird. Die Kandidatinnen und der Bachelor sprechen Konflikte an, verhandeln Gefühle und reflektieren menschliches Verhalten. Vor allem jenes der anderen zwar, aber immerhin. Ist ja auch verständlich. Zu viel Selbstkritik würde Streit zuvorkommen, und davon lebt die Show. Ein vermittelnder Supervisor würde die acht Folgen auf eine einzige herunterdampfen können. Wir könnten dann vielleicht etwas über erfolgreiche Gespräche lernen, hätten aber natürlich auch deutlich weniger Spass.

Die Eltern warten

«Uf d Liebi», grölt der Bachelor und erhebt sein Glas. Keine Regung in der Runde in Zürich. Einige tippen in ihr Handy, andere schenken nochmals Prosecco nach. Was geht in diesen jungen Leuten vor beim Betrachten dieser mit Streichern untermalten Gefühle? Niemand äussert sich deutlich dazu.

Als Amanda weiter muss – ein Live-Talk beim «Blick» – und uns fragt, ob wir noch Selfies machen wollen, kommt Bewegung in die Runde. Alle stellen sich in die Schlange. Zögerlich erst, dann immer aufgeregter. Jeder möchte noch eine Grussbotschaft von der Kandidatin auf Video. Die Verabschiedung dauert fünfzehn Minuten. Wir sind jetzt einen Moment lang Mini-Semi-C-Promi-Stars. Und das scheint hier wichtiger zu sein als die Show selbst. Als Amanda noch vor dem grossen Finale den Raum verlässt, gehen die meisten Fans mit. Einige Eltern warten vor dem Haus.

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