«Kontakte waren das Allerwichtigste»

20 Jahre nach seiner «Regentschaft» als König der Zürcher «Szenis» hat unsere Autorin versucht, mit Yves Spink über die alten Zeiten zu sprechen.

Legende des Zürcher Nachtlebens: Yves Spink im Volkshaus. Foto: Raisa Durandi

Legende des Zürcher Nachtlebens: Yves Spink im Volkshaus. Foto: Raisa Durandi

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Zur Blütezeit der Zürcher Partyszene, also zwischen den 90er- und den frühen Nullerjahren, war Yves Spink der «Szeni» schlechthin. Tagsüber arbeitete er als Werber, abends vergnügte er sich. Er war eine Legende, immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort, und das in einer Epoche, in der es weder Handys noch Influencer oder Instagram gab. Es ging nicht um Hashtags und Likes, es ging um Spass. Dementsprechend lückenhaft ist diese Zeit dokumentiert, was sie umso aufregender macht – genau wie den Mythos um Spink selbst. Ohne ihn gäbe es weder das Longstreet noch die Talacker-Bar, auch die Eröffnungsparty des Volkshauses vor elf Jahren, an dem er bis heute beteiligt ist, wäre wohl nur halb so lustig gewesen.

Der letzte grössere Text über ihn erschien vor etwa fünf Jahren auf Per­soenlich.com. Es war ein Porträt über einen, der jahrelang den Dauerabsturz zelebrierte, bevor er zur Ruhe kam und nun seit über zehn Jahren ein ganz normales Leben führt. Gleichwohl fällt sein Name noch heute andauernd, wenn man mit Leuten über die damalige «Szeni»-Szene spricht. Also beschloss die Schreiberin, mit ihm über seine Rolle als ehemaligem Szenekönig zu sprechen.

Das Treffen findet am Klusplatz statt. Die ruhige Gegend passt zu seinem gemächlichen Leben. Er hat in der Nähe ein Büro, arbeitet aber auch regelmässig in der Holzofenbäckerei Jung. Da ist der Mittfünfziger genauso am Geschäft beteiligt wie bei John Baker – und darum absolut in der Lage, übers Brotbacken oder über Ofentypen zu fachsimpeln. Das tut er denn auch bedeutend lieber, als über seine Vergangenheit zu reden. Er mag die alten, krassen Geschichten nicht mehr aufrollen, will auch nichts über sein Privatleben in der Zeitung lesen. Die Öffentlichkeit sucht er sowieso nicht. Trotzdem war er für eine kurze, launige Szeneplauderei zu haben.

Yves Spink, gibt es noch «Szenis»?
Ja, sicher. Und auch eine damit ver­bundene Partyszene. Nur bin ich nicht mehr dabei, ich kenne mich damit auch nicht mehr aus, es interessiert mich nicht mehr. Eine Szene ist etwas sehr Selbstbezogenes, wir haben ja die Szenegeneration vor uns auch abgelehnt. Wobei ich glaube, dass die Szene, bei der ich mitmischte – das war Ende der 90er-Jahre –, der Höhepunkt war, auch weil sie mit der Technobewegung verbunden war.

Klingt alles recht distanziert. Sie sind nicht mehr unterwegs?
Nein, überhaupt nicht mehr.

Vor bald 20 Jahren erschien der«Magazin»-Artikel «Die Szene», der vom «Partyinferno Kaufleuten» handelte. Sie waren damals der König dieser Szene. Wer diese Reportage liest, könnte meinen, diese Zeit sei die geilste gewesen, die es jemals gab.
Es war schon eine hübsche Zeit, es war auch wahnsinnig lustig, ich will das alles nicht missen. Vor allem war das eine sorglose Zeit. Damals bin ich am Morgen aufgewacht, ohne jegliche Pläne, und habe mich gefragt: Was kann ich heute machen? Dann habe ich irgendetwas angestellt. Ich hatte so viel Zeit!

«Frauen haben schon eine Rolle gespielt. Es gab ein paar Veranstalterinnen, Journalistinnen und DJs.»

Welche Talente braucht es, um zur Szenefigur zu werden?
Genau definieren kann ich das nicht. Das passierte einfach unbewusst.

Trotzdem gab es doch Codes, die man kennen musste, um dazuzugehören.
Man wusste einfach, ob jemand dabei ist oder nicht, das war sehr subtil.

Gab es denn einen bestimmten Style?
Es gab schon eine bestimmte Art, sich zu kleiden. Aber ich könnte nicht sagen: «Jeder trug eine Bomberjacke» oder dergleichen. Das Gesamtbild musste stimmen, irgendwie musste man ja in die Clubs kommen. Sicher ist: Die Szene, in der ich bis Anfang der Nullerjahre verkehrte, war sehr durchmischt.

Tatsächlich?
Ja, da waren Arbeitslose, Reiche, es kamen Leute aus der Arbeiterschicht, Intellektuelle, alles. Ich habe die Leute nie gefragt, woher sie kommen, was ihr Hintergrund ist, wo sie beruflich stehen. Das hat nicht nur mich, sondern auch die anderen nicht interessiert. Daran habe ich kürzlich wieder mal gedacht, als ich eine Kollegin von damals getroffen habe und sie mir erzählte, was sie heute macht. Ich hatte keine Ahnung.

War da ein Punkt, wo klar wurde: Jetzt ist die «Szeni»-Zeit vorbei?
Das war wohl für jeden individuell. Für mich war es klar vorbei, als ich aufgehört habe zu trinken. Damit war für mich dieser Abschnitt vorbei.

Welche Rolle haben Frauen in der Club- und Partyszene gespielt?
(überlegt lange und lacht) Also Frauen haben schon eine Rolle gespielt. Es gab ein paar Veranstalterinnen, Journalistinnen und DJs.

Gab oder gibt es Unterschiede zwischen «Szenis» und Hipstern?
Ähm, weiss nicht. Gibt es das?

«Nur wer die richtigen Telefonnummern hatte, war dabei.»

Sagen Sie es mir.
Ich denke, der Hipster war eher was für die breite Masse. Er definierte sich mehr über den Kleidungsstil, nicht über die Kontakte. Für die Szene meiner Epoche hingegen waren Kontakte das Allerwichtigste. Man darf nicht vergessen, dass ich in einer Zeit unterwegs war, als es kein Smartphone gab. Ich war deshalb auch eine Telefonzentrale. Zwischen 17 und 19 Uhr stand mein Telefon nie still. Ich hatte ein Filofax, also so eine Agenda, mit den wichtigsten Nummern drin.

Das muss aufregend gewesen sein. Es gab nicht mal Instagram, über dessen Bilder man die neue Bar schon kennt, bevor man dort war. Man konnte nichts antizipieren.
Nur wer die richtigen Telefonnummern hatte, war dabei. Aber an diese Nummern musste man erst mal rankommen.

Gibt es eigentlich «Klassentreffen»mit Leuten aus dieser Zeit?
Es gibt alte Veranstalter, die manchmal solche Partys machen. Ich war da aber noch nie.

Um Sie ranken sich viele Legenden. Was ist die tollste, die man über Sie erzählt?
Das müssen Sie schon selber herausfinden.

Erstellt: 29.08.2019, 14:41 Uhr

Wir Szenis: «Szeni»-Szene (2/3)

Mittelalterfreaks, Outdoorsportlerinnen, Markensammler, Blüttler: Rund um die Sommerferien tauchen wir in Zürcher Szenen ein und beleuchten sie von ­verschiedenen Seiten. Bleiben Sie à jour unter www.szene.tagesanzeiger.ch.

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