Kunst von morgen im Kleinformat

Das Team hinter der Plattform Up & Coming zeigt drei Tage lang die Werke von jungen Künstlern. Obwohl einst einer dem anderen die Idee «wegschnappte», arbeiten sie nun zusammen.

Laurin Schaffner, Joël Gessler und Florian Schaffner (v. l.) zeigen an der Weinbergstrasse 73 Werke.

Laurin Schaffner, Joël Gessler und Florian Schaffner (v. l.) zeigen an der Weinbergstrasse 73 Werke. Bild: Doris Fanconi

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Behutsam wickelt Florian Schaffner ein Kunstwerk aus der gepolsterten Plastikverpackung. Zum Vorschein kommt eine gerahmte Schwarzweissfotografie, nicht grösser als ein gängiger Papierblock. Schaffner lehnt sie am Boden an die Wand, schaut sie an, nickt. «Es ist jedes Mal eine Überraschung, das Kunstwerk real vor sich zu haben und zu sehen, wie die Künstler unsere Idee umgesetzt haben», sagt er. Laurin Schaffner und Joël Gessler kommen hinzu. «Passt schon», ihr Kommentar. Florian Schaffner schlägt einen Nagel in die Wand und hängt das Bild auf.

73 Künstler haben sich auf das Experiment mit einem Zürcher Brüderpaar und einem Luzerner eingelassen: für die dreitägige Ausstellung «Offline» ein Kunstwerk einzureichen. Die Vorgaben: A4-Format und lediglich zwei Monate Herstellungszeit. Mehr braucht es aus Sicht der drei nicht. Auch selbst zaudern sie nicht lange, um eine Idee umzusetzen. Sie sind ein ideales Team, doch erst der Zufall brachte sie zusammen. Vor drei Jahren.

Gratulation an den Falschen

Joël Gessler hatte damals in seinem Freundeskreis schon mehrfach von seinen Plänen erzählt, eine digitale Kunstplattform zu kreieren. Der heute 30-Jährige war oft an Ausstellungen und notierte sich jeweils, welche Werke von jungen Künstler ihn ansprachen. Gerne gab er Freunden seine Tipps weiter. Er war überzeugt, dass die Idee auch digital funktionieren würde. Doch es blieb bei der Idee. Dann bekam er eines Tages ein E-Mail von einer Bekannten. «Gratulation zur Seite mit dem Kunstkatalog», stand darin. Da realisierte Gessler, dass ihm ein anderer mit der Umsetzung zuvorgekommen war. Das wurmte den Mann mit dem kahlen Kopf, der heute als Kunstberater arbeitet. «Als ich dann aber merkte, dass mir da ein Bekannter die Idee weggeschnappt hatte, freute ich mich», sagt er, «auf die Zusammenarbeit.»

Dieser Bekannte war Florian Schaffner (31), Ökonom. Als Student wollte er damals die Wände seiner WG schmücken, jedoch nicht mit Postern, sondern mit richtiger Kunst. Am liebsten mit solcher von gleichaltrigen, einheimischen Künstlern. Ihn ärgerte, dass er niemanden kannte und im Netz keine Sammlung existierte, wo er sich hätte schlaumachen können. Sein Bruder Laurin (26) hatte als Student für Industriedesign an der ZHDK einige Kontakte in der Szene, aber war nicht vernetzt. Also gingen sie gemeinsam an Vernissagen und Ausstellungen, knüpften Kontakte. Dabei merkten sie, dass auch den Nachwuchskünstlern selber ein gewisser Überblick fehlte und sie froh wären, sich an einem Ort präsentieren zu können.

Dann taten Schaffners, was sie besonders gut können: Sie ordneten und machten ihr Wissen für andere zugänglich. «Orientierung bieten für alle, die neu in die Szene junger Künstler eintauchen wollen», nennt es Florian Schaffner. Die Seite Up & Coming ging im Frühling 2014 online. Gesslers Engagement war mehr als willkommen, schliesslich fehlte es den Brüdern noch immer am Kunstwissen.

Die Angaben auf der Seite sind knapp: Alter, Arbeitsort, Galerie, Website, Kontakt, Ausbildung. «Es ist eine Art Telefonbuch der Künstler», sagt Laurin Schaffner. Aufgenommen werden Kunstschaffende unter 40 Jahren mit einem abgeschlossenen Kunststudium, die einen Bezug zur Schweiz haben. Inzwischen sind auf der Seite über 140 Künstler registriert. Regelmässig kommen neue dazu. Das Angebot ist für die Künstler gratis.

«Wir bieten all jenen Orientierung, die neu in die Szene der jungen Künstler eintauchen.»

Florian Schaffner, Ausstellungsmacher

Bewusst verzichten die drei Macher auf Wertungen oder Empfehlungen. Sie wickeln auch keine Verkäufe ab, Interessierte sollen die Künstler direkt kontaktieren. «Wir wollen keine Konkurrenz zu Galerien oder Ausstellungsmachern sein», sagt Florian Schaffner.

Neben Up & Coming und ihrer beruflichen Tätigkeit verfolgen alle drei noch andere Projekte. Die Schaffner-Brüder verkaufen im Laden Print Matters! ausgewählte Magazine. Joël Gessler betreibt eine Plattform, die Sprachtandems vermittelt.

Die Idee, die gesammelte Kunst auch einmal real zu zeigen, geisterte den dreien aber schon länger in den Köpfen herum. «Wir wollen all jenen, die noch immer Berührungsängste mit der Szene haben, mit dem Anlass einen Einblick und ein Erlebnis bieten», sagt Gessler. Dafür stellen sie sich mehr als zuvor in den Dienst der Sache. Von den Künstlern verlangen sie keine Kommission, für den Ausstellungsaufbau opfern sie Wochenenden und Ferientage.

Das Format macht die Kunstwerke auch für Interessierte mit kleinem Portemonnaie erschwinglich. Die meisten Arbeiten kosten zwischen 200 und 800 Franken. Wem das doch zu viel ist, der kann sich einfach nur vom Ausstellungsort berauschen lassen: Für die drei Tage stehen den Up&Coming-Machern drei leere Altbauwohnungen an der Weinbergstrasse als Zwischennutzung zur Verfügung.

Florian Schaffner hängt ein weiteres Bild auf: einen Text hinter Glas. «Wie unsere Hängstrategie ankommt, wissen wir nicht. Wir haben es nun einmal grob alphabetisch versucht, weil es das Einfachste war», sagt er. In den drei Tagen wird sich weisen, ob Joël Gessler und die Schaffner-Brüder auch als Ausstellungsmacher taugen. Es ist zu vermuten, schliesslich haben alle drei bei ihren bisherigen Projekten eine hohe Professionalität bewiesen.

Up & Coming «Offline», 8. bis 10. September. Fr 18 bis 22 Uhr, Sa 14 bis 20 Uhr, So 14 bis 18 Uhr, Weinbergstrasse 48.

Erstellt: 08.09.2017, 15:27 Uhr

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