Liebe Eleonore F.

Was tun, wenn man von etlichen Spamnachrichten bedrängt wird? Unser Autor hat die Flucht nach vorne angetreten.

Spam ist nicht unbedingt nur für den Papierkorb, sondern Unterhaltungsprogramm. Foto: Raimund Koch (Getty Images)

Spam ist nicht unbedingt nur für den Papierkorb, sondern Unterhaltungsprogramm. Foto: Raimund Koch (Getty Images)

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Verdutzt sah ich am 1. November 2017 auf den Absender jener Mail, die mich morgens um 0.47 Uhr aus dem Schlaf geholt hatte. Sigismund A. hatte geschrieben. Ich kenne keinen Sigismund A. Ich bezweifle sogar, dass es überhaupt Menschen gibt, die einen Sigismund A. kennen. Doch Sigismund A. war erst der Anfang. Es folgten Eber­hart H., Anselma I. und Pharamond F.; mit Betreffs wie «Du bist so süss, ich erinnere mich an alles», «Ich habe starken Hunger auf dich» oder «kann nicht leben: will Sex mit dir».

Na toll, dachte ich, ich habe ein Spam-Problem. Nach vielen Jahren, in denen ich von solchen Mails verschont geblieben war, kam jetzt, wahrscheinlich nach einem schicksalsträchtigen Klick, die Plage. Spam um Spam um Spam. Zu den ungünstigsten Zeiten, mit den unsittlichsten Titeln, zwischen wichtigen anderen Meldungen. Ich wollte mich schon darüber aufregen, als ich sogleich ein selten so gefühltes Bedürfnis erfuhr, es von einer positiven Seite zu betrachten. Also öffnete ich den Inhalt der Spammails (nicht die Attachments, ich bin ja nicht wahnsinnig) und entschloss, mich auf einen Dialog einzulassen. Oder mehrere.

Also antwortete ich Karlmann V., der geschrieben hatte, er rieche nach Vanillekuchen:

Hey Karlmann

Danke für deine Mail. Ich habe mich gerade mehrere Dinge gefragt: Woher kommt der Name Karlmann? Ist das ein Männername, und falls ja: Bist du ein Mann? Auf welchem Parkplatz hast du mich denn gesehen? Wo riechst du nach Vanillekuchen? Und warum? Ist das nicht in mehrerlei Hinsicht etwas unappetitlich? Wollen wir uns nicht erst einmal ein bisschen besser kennen lernen, bevor wir miteinander intim werden? Ich müsste dich jedenfalls besser kennen lernen, um zu eruieren, ob ich meine Frau für ein hetero- oder homosexuelles Abenteuer betrügen würde. Oder warum bist du dir mit mir schon so sicher? Ich bin für Gleichberechtigung in der Beziehung – was hältst du davon? Würde mich freuen, wenn du mir zumindest einige der Fragen beantworten könntest. Auch ich warte.

Retomann H.

PS: Höchst vertrauenswürdige Strategie, den Nachnamen abzukürzen, übrigens. Man erhält ja sehr viele seriöse Mails von Menschen mit unvollständigen Namen.

Leider entstand kein Dialog, stattdessen meldete sich der Mailer-Daemon: «Kein Anschluss unter dieser Adresse.» Schade. Doch diese Interaktion mit anderen ganz normalen, ganz fremden Menschen tat gut. Ebenso das Gefühl, etwas zurückgeben zu können.

Echt jetzt, Herbert?

Fortan antwortete ich nur noch in Gedanken. Zum Beispiel Georg G., der mir verspricht, keinen Sex mit meinem Gehirn zu haben: Herzlichen Dank, lieber Georg. Und ich verspreche dir im Gegenzug, die Eingeweide deines noch lebenden Pudels, falls vorhanden, nicht durch einen Strohhalm zu schlürfen. Na, wenn das mal kein Deal ist.

«Durch Kniebeugen habe ich einen riesigen Po bekommen», offenbart mir Rosalind M, «er ist rund und straff. Schätz mal meine Fotos ohne Slip ein.» Werte Rosalind, herzlichen Dank für diesen klaren Fall von «Too much information». Leider fürchte ich, deine Fotos nicht einschätzen zu können, wenn ich dabei keinen Slip trage – fühlt sich einfach nicht richtig an.

«Ich möchte dich zum Kino einladen. Kaufen wir die Karten in der letzten Reihe, wo wir allein sein können.»Eleonore F.

Anneliese, Ermelinda und Herbert schlagen mir vor: «Nimm meinen strafferen Busen in die Hand.» Echt jetzt, Herbert?

Ich bin natürlich nicht der Erste, der Spammails eine Wichtigkeit zukommen lässt, die sie wahrscheinlich nicht verdient haben. Sue Reindke etwa hat in einem Buch Spamnachrichten ana­lysiert, interpretiert und beantwortet. Die deutsche Digitalstrategin sagt, Spam sei nur ein Abbild unserer Gesellschaft mit ihren Ängsten und Wünschen. «Vielleicht macht das Spam auch zur Kunstform: diese eigenwillige Sprache, die durch automatische Übersetzungsprogramme entsteht», so Reindke. Jedenfalls könne es sich durchaus lohnen, ab und an mal in den Spamordner zu schauen.

Ich nehme sie beim Wort. Es wäre falsch, unsere Ausgeburt zu verurteilen, zumal wir die Rolle von Dr. Frankenstein einnehmen. Apropos Frankenstein – die Namen meiner Spamspanner wirken arg zusammengewürfelt. Mann E.; Friede K.; Irmingild G.; Hartmann G.; Engel V.; Lubbert G.; Alke W.; Lo­thur W.; Poldie A.; Heilgar K. Das liest sich wie eine Wikinger-Tafelrunde. Vielleicht eben doch Kunst.

Walburg H.: «Du wildes Tier»

Erstaunlich, von wem ich alles auf der Strasse gesehen werde. Erstaunlich auch, wie viele Nachbarn ich auf einmal habe, von denen ich nichts weiss. Ferner überraschend, dass Spammer offenbar nach irgendetwas riechen, zum Beispiel nach Vanillekuchen oder nach süssen Weintrauben.

Gotthold H. informiert mich darüber, dass «hübsche Närrinnen nach Millio­nären» suchen. Ich würde sagen: Win-win. Aber was habe ich damit zu tun, o Gotthold?

Eleonore F. schreibt: «Ich möchte dich zum Kino einladen. Kaufen wir die Karten in der letzten Reihe, wo wir allein sein können.» Liebe Eleonore, ich glaube, du warst noch nie im Kino. In der letzten Reihe sind wir garantiert nicht allein. Schon eher in der ersten. Und da würden uns alle sehen, wenn wir miteinander zärtlich würden. Hat natürlich auch seinen Reiz, aber passt dann irgendwie nicht mehr so in deine Figurenpsychologie, wenn ich das mal so sagen darf.

Wilhelmina R. behauptet, wir seien Nachbarn, und sie sehe mich jeden Tag. Liebe Wilhelmina, dann wink mir doch mal zu. Es kann doch nicht sein, dass du so scheu und doch so freizügig bist (ich nehme an, die Profilbilder, die sich hinter dem Link verstecken, lassen tief blicken).

Der Betreff von Walburg H.s Mail lautet: «Mir wurde gesagt, dass du ein wildes Tier im Bett bist. Ich möchte, dass du mich ins Restaurant einladest. Ich mag Meeresprodukte.» Lieber/Liebe Walburg (cooler Name übrigens), wer hat dir das gesagt? Meine Frau? Falls ja, finde ich das nicht so eine tolle Voraussetzung für ein Abenteuer. Auch dass du mir schon verrätst, zu welchem Menü ich dich einladen soll. Wo bleibt denn da die Spannung? Aber ja, auch ich mag Meeresprodukte sowie das ein oder andere Landprodukt.

Liebe Kyler J., du schreibst, du seist Gymnastin. Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber du musst verstehen: Ich wurde schon oft angelogen und ergo verletzt. Darum möchte ich sichergehen: Meinst du wirklich Gymnastin? Oder Gymnasiastin? Wie immer auch deine Antwort ausfallen wird: Kein Interesse, danke, aber ich wünsche dir alles Gute für deine sportliche oder schulische Karriere.

«Wir haben zusammen studiert», schreibt Annemarie E., «nun arbeite ich als Escortlady.» Jesses, Annemarie, hat dir auch das Proseminar «Habermas’ Diskursethik» den Rest gegeben?

Karolina A.: «Ich habe gesehen: Du hast auf meinen Po geguckt.» Das hast du missverstanden, Karolina, ich wollte bloss schauen, welche Jeansmarke du trägst. Auch Mine F. geht es um Kleidung, sie will wissen: «Ich trage den Slip nicht, und du?» Hoi Mine, welchen meinst du? Den mit Spitze? Ich trag ihn auch nicht? Dann hat ihn wahrscheinlich Irmkräutesz K.

Und Wiebke E. behauptet: «Ich will dich, wir kennen uns seit langem.» Na wenn das mal nicht der Enkeltrick 2.0 ist, Wiebke: «Falls du es vergessen haben solltest; wir kennen uns schon ewig, und du findest mich seit jeher heiss. Nun – Vorsicht, Plot-Twist – das beruht auf Gegenseitigkeit.» Netter Versuch.

Seit ein paar Tagen herrscht Funkstille, die Spammails landen wieder verlässlich im ihnen zugedachten Ordner. Irgendwie schade. Ich fühle mich fast ein bisschen einsam. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2018, 22:59 Uhr

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