Mein bester Sportunterricht

Was haben ein grüner Pulli, Meryl Streep, ein Austin Morris Jahrgang 1971, Schafe und eine letzten Freitag «erlittene» Epiphanie gemeinsam? Eine Lebensbeichte.

«Es geht um ein gutes Spiel und Respekt vor dem Gegner»: Die All Blacks gegen Georgien.

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Als ich zehn Jahre alt war, hätte ich alles gegeben, um Karl Grob die Hand zu schütteln. Der FCZ-Torhüter war mein Idol, denn auch ich war damals Goalie, bei den D-Junioren des FC Wollishofen (meine Mutter musste auf meine Anweisung hin auf einen grünen Plüschpulli, den sie bei Calida gefunden hatte, eine weisse «1» aus Stoff nähen, weil Grob in seinem vielleicht besten Match im Meistercup 1976/77 gegen die Glasgow Rangers einen solchen Pulli getragen hatte, obwohl seiner glaub von Adidas und nicht von Calida war). Der Traum ging tatsächlich in Erfüllung – als Grob zusammen mit GC-Keeper Roger Berbig in der einstigen Filiale des Fussball Corner Oechslin am Lochergut eine Autogrammstunde gab. Es war der grösste Moment meines noch jungen Lebens, bedeutsamer als der erste Kuss (mit Vreni Landolt . . . oder wars Heidi Dangel? Die Singer/Songwriter, die jaulen, dass man ihn nie vergisst, lügen doch wie gedruckt!) oder der erste Sechser im Deutschdiktat.

Wenn man älter und reifer wird, ändern sich normalerweise auch die Vorlieben und damit die Vorbilder. Das war bei mir nicht anders, mindestens irgendwie. Derweil die natürliche Horizonterweiterung bei Schulkolleginnen und -kollegen dazu führte, dass sie nun unbedingt Limahl (Sänger von Kajagoogoo, er konnte nichts, hatte aber eine schnittige Fritte), Meryl Streep (nach «Out of Africa» war sie bei Mädchen, die mehr innere als äussere Schönheit besassen, gross in Mode), Robert De Niro oder in sehr seltenen Fällen Dürrenmatt hätten begegnen wollen, blieb ich, kulturell eher unterbelichtet, beim Sport: Mein neues Vorbild war Wayne «The Great One» Gretzky, kanadischer Eishockeysuperstar, engagiert bei den Edmonton Oilers. Als mir meine Verwandte Adele, die in Ottawa lebt, zu einem Geburtstag ein echtes Gretzky-Shirt schenkte, war mein Glück vollkommen (peinlich war bloss, dass ich es nur zum Fussballtraining tragen konnte; Schlittschuh laufen hatte ich nie gelernt).

24 Bier in sieben Stunden

Ein paar Lenze später, meine Karriere als Reisebürofachmann schien vorgezeichnet, entschied ich mich zur radikalen Kehrtwende: Ich schaffte die Aufnahmeprüfung für die Matura auf dem zweiten Bildungsweg. Zur Belohnung schenkte ich mir eine halbe Weltreise, die mich über Ottawa, Mont­real, Québec, Toronto bis nach Vancouver führte. Dort sah ich Orca-Wale, vor allem aber sah ich dort Gretzky das erste und einzige Mal live in Action. Allerdings trug er nun das Trikot der L. A. Kings, wurde vom kanadischen Publikum ausgepfiffen und war ein Schatten seiner besten Tage, er erzielte auf Pass von Luc Robitaille (ja, mein Erinnerungsvermögen für Details verblüfft auch mich immer aufs Neue) einen mickrigen Treffer.

Wichtiger war die Fortsetzung des Abenteuers, das mich nach Neuseeland führte. Geplant war, in Auckland ein gebrauchtes Auto zu kaufen und so über die Nord- und die Südinsel zu cruisen. Tatsächlich erstand ich einen Austin Morris (Jahrgang 1971, orange, nach jeder Fahrt brauchte er zwei Liter Motorenöl), strandete aber erstmals bereits 100 Kilometer südlich von Auckland, in Hamilton, auf der Farm von Sue und Tim Wright, die mich quasi aus dem Auto heraus engagierten: So pflückte ich bald Maiskolben, lernte, wie man Schafe schert, wie man an Silvester zwischen 17 Uhr und Mitternacht 24 Dosen DB-Bier trinkt, dass Kiwis nicht fliegen können. Vor allem aber lernte ich – man sprach davon so ehrfürchtig, als wärs eine Gottheit –, dass es in Neuseeland eine schier unbesiegbare Rugby-Allmacht namens All Blacks gebe. Obwohl ich leider kein Spiel sah, faszinierte mich dieses Team enorm.

Das Glück finden

Wenn man älter und reifer . . . stimmt, das hatten wir schon. Jedenfalls werden so ab der Lebenshälfte (beziehungsweise ab der Midlife-Crisis) Wunschträume wichtiger als Idole. Ehrgeizige wollen dann à tout prix einen Triathlon schaffen, den Everest bezwingen, aus dem Flieger springen (in der Regel mit Fallschirm), Suchende den Jakobsweg abpilgern, ein Buch schreiben, das Glück finden. Meine Endstation Sehnsucht war zweifelsohne von der grandiosen Zeit in Neuseeland geprägt: Ich hoffte, eines Tages diese legendären All Blacks spielen zu sehen.

Ja, und da die Rugby-WM nun im nahen Britannien stattfindet, flog ich letzte Woche nach London, bestieg den Zug nach Cardiff City, las auf der Fahrt, dass der Name All Blacks womöglich auf den Druckfehler einer englischen Zeitung zurückging (der Reporter habe 1905 nach einem Spiel von den «All Backs» geschrieben, weil er befand, auch die stämmigeren Forwards würden sich bei Neuseeland so flink bewegen wie die filigraneren Backs; der Abschlussredaktor habe das nicht verstanden und aus dem Backs flugs ein Blacks gemacht), und fand mich zwei Stunden vor Spielbeginn mitten in der grössten und angetrunkensten Menschenmasse, die ich je gesehen hab. Das Millennium Stadium – Fassungsvermögen: 74 500 – hätte wohl siebenmal gefüllt werden können. Das Schönste aber: Auf den Strassen, in den Pubs, an den Pissoirs – überall wars friedlich. All-Blacks-Supporter becherten mit Australiern, Italiener referierten mit Argentinien-Fans, Engländer herzten ihre «Intimfeinde» aus Wales.

Kaum hatte ich im Sporttempel Platz genommen, wurde ich herzlich begrüsst – von Fred, der eigentlich Frédéric heisst, feuriger Rugbyaner ist, aus dem Jura stammt und im Aargauerland für VW Autos verkauft. Jedes Mal, wenn sich in unserer Nähe jemand setzte, brachte Fred seinen Running Gag und fragte: «Do you know Tom?», wobei er auf mich zeigte. So lernte ich Ned aus Auckland, Sarah und Steve aus London, Annika und Holger aus Berlin, Jakub aus Prag und die älteren Haudegen Ian und John aus Cardiff (die mit zehn Bechern Bier einliefen) kennen . . . und fühlte mich wie an einer interkontinentalen Familienfeier.

Umsorgt wie ein Nesthäkchen

Als ich beim «Haka» der All Blacks eine kleine Epiphanie gewärtigte (Extremhühnerhaut, Freudentränen, übertriebener Jauchzer), merkte der Rest der Sippe, dass dies mein erstes Rugbyspiel überhaupt war – worauf ich gehegt und gepflegt wurde wie ein «Nesthäkchen»: Pausenlos wurde mir Bier gereicht, Fred und Sarah erläuterten mir Regelverstösse, die ich nicht begriff, Ian sagte mitten in der La-Ola-Welle, er lade mich zu einem Wales-Match ein, «dann weisst du, was wahre Stimmung ist».

Dass Neuseeland überlegen, aber nicht überragend agierte, schien egal, im Gegenteil: Am lautesten gejubelt wurde beim einzigen «Try» der unterlegenen Georgier. Erstaunlich auch, dass ich mehr über Neuseelands alten (Richie McCaw) und kommendem (Waisake Naholo) Star zu wissen schien als all diese Rugby­freaks zusammen. Als ich diese Feststellung nach Bier fünf oder sechs laut äusserte, schaute mich Ian entgeistert an: «Tom, im Rugby gehts nicht um Einzelkämpfer, nicht nur um den Sieg – das ist Fussballdenken. Es geht um ein attraktives Spiel, um Respekt für den Gegner und dass wir gemeinsam eine gute Zeit haben. Bull­shit erleben wir doch sonst genug.»

Auch wenn man mit Übertreibungen sparsam umgehen sollte: Dies war der beste Sportunterricht meines Lebens.

Heute, 21 Uhr, Neuseeland vs. Tonga, Eurosport und ITV. Oder, noch besser: in einem der vielen Pubs in der Stadt.

Erstellt: 08.10.2015, 20:50 Uhr

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