Mein Einhorn und ich

Von der Bedeutung regenbogenfarbiger Diskretion.

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Gehören Sie zu diesen Katzenhaltern, die jammern, wenn ihr Liebling sich ein, zwei Nächte lang nicht hat blicken lässt? Da kann ich nur müde lächeln. Versuchen Sie es mal mit einem Einhorn. Das bringt das Konzept von Kommen und Gehen, wie es einem beliebt, auf ein ganz neues Level. Ich muss es wissen: Ich halte mir eins. Nicht eingezäunt auf einer Weide oder gar eingepfercht in einer Box, ich bitte Sie, das sind freiheitsliebende Geschöpfe. Nein. Seine Präsenz manifestiert sich vielmehr durch Spuren und kleine Zeichen: herzförmige Hufabdrucke, die ich beim Joggen im Waldboden entdecke. Einen plötzlich durchwabernden, zarten Erdbeergeruch. Oder auch mal ein regenbogenfarben schimmerndes Häufchen. Als Gegenleistung dafür will es weder Futter noch sonstige materielle Zuwendung. Meine Freude, wenn ich seine Botschaften entdecke (und, wie erwähnt, seine uneingeschränkte Freiheit), reicht ihm völlig.

Mir gefiel dieses lose, aber dennoch starke Band zwischen uns immer sehr gut. Unlängst jedoch ist mein Einhorn überdurchschnittlich kommunikativ geworden. Es begegnet mir auf Verpackungen und Kleidungsstücken, als saisonales Eisgetränk einer US-Kaffeehauskette («made only of the finest rainbows»), sogar in analytischen Artikeln in dieser Zeitung. Ja, es scheint eine regelrechte Einhornmanie ausgebrochen zu sein, die zu der angeborenen Zurückhaltung dieser Wesen nicht recht passen will.

Ich habe beschlossen, das vorerst klaglos hinzunehmen, in der Hoffnung, dass sich das Tier bald wieder beruhigen und zu der ihm besser anstehenden Diskretion zurückfinden möge. Sollte sich aber auf Dauer nichts ändern, werde ich unsere Allianz wohl oder übel kündigen müssen. Leicht wird mir das allerdings nicht fallen, denn: Brauchen wir nicht alle bisweilen etwas Glitzer über unserem Alltagsgrau?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2017, 23:47 Uhr

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