Mein Lastwagen, mein Leben

Auf der Raststätte Forrenberg bei Winterthur treffen sich die Fernfahrer. Vier Biografien von Menschen, die buchstäblich auf der Strasse leben.

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Name: Simo Andric
Alter: 57
Ort: Šamac, Bosnien-Herzegowina
«Ich will noch bis zur Pension weiterfahren, gesund bleiben und dann wirklich nach Hause gehen.» Fotos: Fabienne Andreoli

Meine Süssigkeiten im Lastwagen sind mir wichtig. Aus Bosnien habe ich «Rahat Lokum» mitgebracht, eine weiche, klebrige Gummimasse, die mit Puderzucker bestreut ist. Und bei einem deutschen Discounter habe ich mir Milch-Knacker-Bonbons gekauft. Logischerweise darf auch Zahnseide auf dem Armaturenbrett nicht fehlen, denn ich habe viel mit Lieferanten Kontakt. Wenn ich den LKW lade, ziehe ich meine orange Kappe an. Sie sieht gut aus und schützt mich.

Heute habe ich in München Eierkartons eingeladen und dann einige Zeit am Zoll verbracht. Morgen verteile ich die Kartons in der ganzen Ostschweiz. Für mich ist das Alltag. Seit ich 32 wurde, verbringe ich die meiste Zeit meines Lebens im LKW. Ich war schon überall in Europa unterwegs. In England ist es am schlimmsten. Die Autobahnen sind schlecht, und es gibt zu viele Kontrollen.

«Das Büro war nichts für mich.» Simo Andrics Kabine.

Bestimmt bin ich schon 6 Millionen Kilometer gefahren, genau gezählt habe ich das aber nicht. Wenn ich meiner Frau sage, dass ich nach Hause gehe, weiss sie nicht, ob ich unser Haus in Šamac meine oder meine Lastwagenkabine.

Für eine kurze Zeit habe ich im Büro gearbeitet, aber das war nichts für mich. My life is LKW! Es ist schön, an einem Tag in drei Ländern sein zu können. Ich will noch bis zur Pension weiterfahren, gesund bleiben und dann wirklich nach Hause gehen.


Name: Dejan Prinovar
Alter: 35
Wohnort: Poljana, Slowenien
«Immer will ich nicht von meiner Familie getrennt leben.»

Meine Familie fährt im LKW immer mit, zumindest ihre Namen. Rechts Mateja, meine Frau, und links Jacob, unser zweijähriger Sohn. Wenn ich die beiden vermisse, rufe ich sie am Abend an. Das rote Plüschherz hat mir Mateja geschenkt. Sie arbeitet in einem slowenischen Supermarkt.

Heute bin ich von zu Hause aus in die Schweiz gefahren und habe Papierrollen eingeladen. Die Strecke kenne ich mittlerweile gut, manchmal pendle ich zweimal pro Woche hin und her. Ich fahre durch den Karawankentunnel, halte zweimal an, und schon bin ich in der Schweiz.

Forrenberg ist mein Rastplatz. Ich schlafe immer hier. Der Internetempfang ist gut, und ein paar Freunde von mir halten auch oft an. Manchmal trinken wir zusammen einen Kaffee, ansonsten mache ich es mir in der Kabine gemütlich. Auf meiner Gasherdplatte koche ich Pasta und schaue dann einen Film, gestern gerade «The Himalayas», ein Drama über zwei Kletterer.

«Die Matratze ist schön weich.» Dejan Prinovars Kabine.

Unter dem Beifahrersitz habe ich mit Spanngummis einen Wassertank befestigt. Damit wasche ich mir das Gesicht, später ziehe ich dann den Vorhang zu meinem Bett auf. Wenn ich müde bin, gehe ich schon um 20 Uhr schlafen. Meistens kann ich gut einschlafen. Die Standheizung hält mich warm, und die Matratze ist schön weich.

Das Leben im LKW ist meine Leidenschaft. Immer will ich aber nicht von meiner Familie getrennt leben. Dieses Leben ist zu rastlos.


Name: Mathias Popp
Alter: 55
Wohnort: Stassfurt, Deutschland
«Früher war mein Beruf viel attraktiver.»

Ich bin ein Vagabund. Unter der Woche transportiere ich Zucker, Salz und Milchpulver mit meinem Lastwagen durch die Schweiz. Am Freitag steige ich ins Auto und fahre 800 Kilometer durch Deutschland, zu meiner Familie. Sonntags, am Mittag, gehts wieder zurück.

Meine Kinder kennen das nicht anders. Weil ich in der Schweiz gut verdiene, kann ich ihnen ein gutes Leben ermöglichen. Trotzdem würde ich gerne mehr mit ihnen unternehmen, sie in den Arm nehmen.

Meine Kabine ist sehr minimalistisch eingerichtet. Ich brauche keine Fotos. Und meine Firma verbietet mir, etwas aufzukleben, was ich gut verstehe. Ich darf ja beim Fahren nicht abgelenkt sein.

«Ich brauche keine Fotos.» Mathias Popps Kabine.

Früher war mein Beruf viel attraktiver. Ich hatte mehr Zeit für die Touren und konnte auf Strassen am Mittelmeer fahren, an denen andere Urlaub machen. Heute werden wir Chauffeure abgestempelt, nur weil sich einige schlecht benehmen. Sie hinterlassen die Duschen auf den Raststätten dreckig, tragen Trainerhosen und klauen WC-Papier.

Ich liebe es, wenn ich nach Novara in Italien fahren darf, um Reis zu holen. Wenn ich dort früh am Morgen in einem Kaff einen Espresso trinke, bin ich glücklich.


Name: Ruedi Bötschi
Alter: 57
Wohnort: Niederhelfenschwil SG
«Automaten sind en Seich, handgeschaltete Lastwagen funktionieren immer noch am besten.»

Weil ich viereinhalb Stunden auf den Strassen unterwegs war, muss ich jetzt en Kafi suufe. Danach fahre ich nach Hause; schlafe in einem richtigen Bett. Als ich 20 war, fuhr ich Maschinenteile für Schiffe in die grossen Häfen: Kiel, Hamburg, Antwerpen. Da war ein Lastwagenfahrer noch ein angesehener Mann.

Mit meinem Bruder habe ich mich dann selbstständig gemacht. Wir besitzen sechs Lastwagen und liefern Tierfutter aus. Ich selbst fahre nicht mehr oft. Wenn, dann mit unserem ältesten Lastwagen, einem handgeschalteten MAN, 13-jährig.

Unsere neuen Automaten sind en Seich, brauchen viel zu viele Reparaturen. Und wenn ich den Lastwagen bei einem Bauern aus dem Schnee manövrieren muss, funktionieren die handgeschalteten Lastwagen halt immer noch am besten. Aber das ist wahrscheinlich schwierig zu verstehen, man muss es erlebt haben.

«Auf der Fahrt höre ich immer Schlager.» Ruedi Bötschis Kabine.

MAN ist meine Marke. Zuerst bin Traktor mit Anhänger gefahren. Mein erster Lastwagen war dann ein MAN – mein ganzer Stolz. Ein Polaroidbild davon habe ich immer dabei. Ein paar Mal im Jahr schlafe ich noch im Lastwagen auf der Raststätte. Ich fahre dann freitags los, wenn es keinen Stau mehr hat, und übernachte beim «Balken» in Würenlos.

Auf der Fahrt höre ich immer Schlager auf SWR 4. Mit anderen Sendern kann ich nichts anfangen. Dieses Geheul, diese Rauschgiftmusik muss ich nicht haben.

Erstellt: 21.04.2019, 20:03 Uhr

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