Meine Flasche und ich

Die Trinkflasche hat sich aggressiv ins Stadtbild gedrängt. Taugt sie zum Statussymbol? Oder ist sie die weisse Socke der Moderne, wie ein Werber prophezeit?

Die Trinkflasche also: Wohl das Accessoire, das sich am aggressivsten ins Stadtbild gedrängt hat. Foto: Samuel Schalch

Die Trinkflasche also: Wohl das Accessoire, das sich am aggressivsten ins Stadtbild gedrängt hat. Foto: Samuel Schalch

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«Es waren zwei, drei oder vier Spieler, die waren schwach wie eine Flasche leer!»Giovanni Trapattoni, 10. März 1998

Flasche leer. Was für Giovanni Trapattoni, damals Trainer bei den Bayern und bereits ein Fussballlehrer alter Schule, schlimm war, das ist zwanzig Jahre später die zweitschlimmste Vorstellung des modernen Stadtmenschen. Meine zweitschlimmste Vorstellung. Die schlimmste: Flasche weg. In beiden Fällen fühle ich mich – leer. Leer wie Strunz, «was erlauben Strunz!», eine der Flaschen, die Trapattoni bei seinem legendären Ausbruch beschimpft hat.

Die legendäre Wutrede Trapattonis. Video: Youtube

Die Trinkflasche also. Zusammen mit dem Kopfhörer ist sie wohl das Accessoire, das sich in den letzten Jahren am aggressivsten ins Stadtbild gedrängt hat. Waren es früher bloss Punks und Alkoholiker, die sich in aller Öffentlichkeit einen Schluck aus der Flasche genehmigten, sind es heute nur Ignoranten, die flaschenlos aus dem Haus gehen. Leute, die ihren Körper vernachlässigen, indem sie ihm Flüssigkeit vorenthalten, und denen die Umwelt egal ist.

Manchmal frage ich mich, wie die Leute früher eine Zugfahrt ohne solche Flasche überlebt haben. Dann, wenn ich mit trockenem Mund aus der Bahn steige und am nächsten Brunnen meine Flasche fülle, wenn ich trinke wie ein durstiges Kamel an der Tränke und gleich nochmals auffülle. Wenn der Wasserhaushalt in Ordnung gebracht ist, wenn ich wieder denken kann, stehe ich an diesem Brunnen und frage mich: Ist das nicht irr? Und was sagt die Flasche über mich aus?

«Ich bin gegen Trinkflaschen. Sie machen die schönste Frau und den attraktivsten Mann doof.»Bettina Weber, TA-Stilexpertin

Fragt man TA-Stilexpertin Bettina Weber, lautet die Antwort: Da steht einer ohne Haltung. Hartes Urteil unseres Redaktionsstilbewusstseins, aber sanft verpackt. Weber schreibt: «Ich bin gegen Trinkflaschen. Erwachsene sehen damit aus wie Kleinkinder, die an einem Schoppen nuckeln. Es gehört sich nicht. Es sieht uncool aus. Es macht die schönste Frau und den attraktivsten Mann doof.» Was sie vielleicht meint: Man darf ja wohl erwarten, dass der Mensch seine Triebe auch einmal etwas unterdrückt.

Jetzt erst merke ich, wie mir ein Tropfen kühles Wasser vom Kinn tropft ...

Seit einiger Zeit schwöre ich auf meine graue Metallflasche mit Vakuumisolation. Von ihr erzählte ich an einem regnerischen Tag in der Kantine. Niemand glaubte mir die Geschichte, aber sie ist wahr: Für eine Reportage fuhr ich im Sommer 2018 bei über 30 Grad mit der Sängerin Danitsa durch Genf. Über Mittag parkte ich das Auto in der prallen Sonne. Als ich zurückkehrte, war die Flasche zwar heiss, das Wasser daraus rann aber herrlich kühl die Kehle hinunter. 24 Stunden kalt, 18 Stunden warm, verspricht der Hersteller. Seither bin ich überzeugt – und teile diese Überzeugung mit.

Ich, ein «Bluffsack»?

«Bluffsack» nannte mich jemand am Tisch. Und ich merkte, dass mich das traf, dass mir etwas an meiner Flasche liegt und dass ich nichts auf sie kommen lassen möchte. Trotz oder wegen all ihrer Dellen und Kratzer. Esse ich also Zmittag mit Ignorantinnen und Ignoranten?

Die Trinkflasche ist ein Statement: Ich lebe nachhaltig und gesund. Das sagt Roman Hirsbrunner, CEO der Werbeagentur Jung von Matt. Sein Job: antizipieren, was die Zukunft bringt. Im Fall der Trinkflasche: Sie wandelt sich zur weissen Socke unserer Zeit. Zu diesem Schluss gelangt Hirsbrunner, Dreitagebart, schwarzes Macbook, im Café Time am Zürcher Hauptbahnhof. Mein Erkennungszeichen: Trinkflasche auf dem Tischchen, «todsicher», schrieb ich im E-Mail.

«Es wird ihr nicht besser ergehen als dem Walkman.»Roman Hirsbrunner, CEO Jung von Matt

Das Todsicher gilt in der Schweiz, in den USA nicht unbedingt. Dort sei alles ein bisschen schneller, ausgeprägter, sagt Hirsbrunner. Die Trinkflasche – mit Bling-Bling, aus Glas, aus Edelstahl, an den Yogabeutel oder den Kinderwagen gehängt – sei ein Mittel zur Ausdifferenzierung des Stils. «Es wird ihr aber nicht besser ergehen als dem Walkman.» Irgendwann werde es einem peinlich sein, seine Flasche öffentlich zur Schau zu tragen.

Der letzte Schrei: Infuser

Noch seien die Flaschen aber «perfekt zeitgeistig»: Hirsbrunner erhielt im vergangenen Jahr sicher ein halbes Dutzend Flaschen als Werbegeschenk, «durchaus nützlich». So ein Behälter sei ein faszinierendes Ding, findet Hirsbrunner: weil es jede und jeder individuell füllen kann. Ein bisschen Marie Kondo im Kleinen: Fülle dein Leben ordentlich und mit Sachen, die dir Freude bereiten. Zum Beispiel mit Wasser. Oder einer ayurvedischen Kräuterinfusion.

Ist das der Gipfel des Trends?

Nein, bloss eine Weiterentwicklung, wie sich nach einem Telefonat mit dem Onlineriesen Digitec Galaxus zeigt. Dort jedenfalls spürt man noch nichts vom Abflachen der Kurve. Trinkflaschen seien eine «starke Kategorie», mehr als 1200 Artikel fördert die Stichwortsuche zutage. Daniel Feucht sagt, man verkaufe mehrere Zehntausend Flaschen pro Jahr und generiere einen Umsatz von mehreren Hunderttausend Franken (Gesamtumsatz von Digitec Galaxus 2018: 992 Millionen Franken). Feucht ist beim Onlinehändler verantwortlich für diese Produktkategorie. Der letzte Schrei: Flaschen mit integrierten Fruchtpressen oder sogenanntem Infuser, um das Wasser zu aromatisieren.

Aus dem Sport- wurde ein Lifestyle-Produkt

In den letzten Jahren sei die Trinkflasche langsam vom Bereich Sport in den Lifestyle gerutscht. Feucht nennt als Stichwörter Ökolifestyle, Verzicht, Wiederverwendung, Nachhaltigkeit, alle passen gut zum Zeitgeist. Stand am Anfang der Sportbidon, kamen später hochwertige Kunststoffflaschen auf, diese wurden von Edelstahlflaschen verdrängt. Aktuell wächst der Anteil der Flaschen aus Borosilikatglas, «weil es nachhaltiger als Stahl ist, weil die Ästhetik angesagt ist, weil per se transparent», sagt Feucht.

Die Gravur: «Lei(s)tungswasser». Ein Scherz wie eine weisse Socke.

Neben dem Material spielt die Marke eine wichtige Rolle: Auch über diese Community kann man sich definieren. Wie weit im Mainstream diese Produkte schon angekommen sind, zeigen die glatten Gravuren auf einzelnen Flaschen: «Lei(s)tungswasser». Ein Scherz wie eine weisse Socke.

Im Zug zog neulich eine Hipsterfrau sorgfältig eine Glasflasche aus ihrem Stoffbeutel. Auf dem Sack stand: «Adopt the pace of the nature: her secret is patience.» Vielleicht war es nur Einbildung, aber ich fand, die Frau «adaptierte das Tempo der Natur: Ihr Geheimnis ist Geduld». Nein, ihr rann kein Tropfen über das Kinn. Aber ich fühlte mich doof, wie ich an meiner Rüpelflasche rumnuckelte. Wie damals auf der Schulreise, als mir wieder einmal meine Sigg-Flasche im Invicta-Rucksack auslief.

Erstellt: 08.05.2019, 11:37 Uhr

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