Meisterwerk der Erosion

Das Matterhorn ist so symbolkräftig, dass einem schwindelig werden könnte – und viel stärker als sein Klischee. Nicht einmal die Einheimischen können sich sattsehen.

Folklore vor dem Matterhorn: Fahnenschwinger in Zermatt. Bild: Keystone

Folklore vor dem Matterhorn: Fahnenschwinger in Zermatt. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Beginnen wir schwülstig: Flamme aus Stein, Himmelszahn, Apotheose der Alpen, schönster Berg der Welt. Oder weniger pathetisch: Das Matterhorn lockt jedes Jahr Tausende von Bergsteigern an, über 500 sind schon abgestürzt. Damit ist es neben dem schönsten auch der gefährlichste Berg der Welt.

Gestein ist in der Regel nicht magnetisch, das Matterhorn schon. 1,35 Millionen Logiernächte in 7000 Hotelbetten verzeichnete Zermatt im vergangenen Jahr. 40 Prozent der Gäste stammen aus der Schweiz, 12 Prozent aus Asien. Diese sind trotz grosser Sonnenhüte sofort zu erkennen, weil sie den Brauch des pausenlosen Fotografierens pflegen, am liebsten mit sich selber als Vordergrund. Gewiss kommen viele Gäste nicht allein wegen des Matterhorns nach Zermatt, sondern auch wegen der 360 Kilometer Skipisten, der 38 Viertausender rundum, der unzähligen Wanderwege. Dennoch steht immer das Matterhorn im Zentrum, sowohl am Horizont wie auch in der Werbung.

Mit Blick in die Waschküche

Für den Tourismus nennt sich das Dorf «Zermatt-Matterhorn». Der Name ist rechtlich geschützt, gleich wie «Cervin», «Matterhorn Valley» oder der Slogan «Zermatt No Matter What». Wer unbefugt damit wirbt, muss mit Anwälten und einem Gerichtsverfahren rechnen, wie etwa der Velohersteller, der ein Mountainbike «Matterhorn» nannte, oder der Gastronom in Naters mit seinem Kaffeeladen Caffè Cervino. Wohnungen und Häuser mit Matterhorn-Blick sind 30 bis 40 Prozent teurer als vergleichbare ohne diese Aussicht. Trotz beengter Lage und hohen Bodenpreisen kommen ständig neue Bauten hinzu. Wo Zürcher denken, zwei Häuser stehen nahe beisammen, sehen die Zermatter eine klaffende Baulücke. Der minimale Gebäudeabstand beträgt sechs Meter! Und so schaut man dann aus manch einer Ferienwohnung, von der im Internet nur Superlative zu lesen waren, in die Waschküche eines Hotelriegels.

Dafür springt einem das Matterhorn in den Souvenirläden in unzähligen Varianten entgegen: als Aschenbecher, Flachmann, Bleistiftspitzer, Golfball oder Ziegenbutter-Kräutersalbe. Als Panorama mit den Bergbahnen gibt es das Matterhorn sogar als Socke oder Unterhose. Bekanntestes Matterhorn-Produkt ist zweifellos die Toblerone. Nur im Zermatter Wappen kommt das Matterhorn nicht vor. Es zeigt einen Löwen, ähnlich dem Thurgauer Löwen, jedoch ohne «Mannheit» wie die Heraldiker sagen. Gemeint ist des Löwen Rüebli.

«Welch hoher Geist ward hier zerstört.»

Das 4478 Meter hohe Matterhorn ist so einzigartig und mächtig, dass es zum nationalen Wahrzeichen geworden ist, zum Sinnbild für Schweizer Qualität. Durch und durch schweizerisch ist dieser Berg aber keineswegs. Er steht zur Hälfte in Italien, wirkt von Cervinia aus aber ungehobelt. Geologisch betrachtet, ist das Matterhorn ein Immigrant aus Afrika. Vor 30 Millionen Jahren wurde das Gestein mit der Kontinentalverschiebung nach Europa gedrückt. Die afrikanische Platte stiess auf die europäische und kam darauf teilweise über sie zu liegen. Für die Feinarbeit, das Modellieren der aufgetürmten Gesteinsplatten, war danach die ortsansässige Erosion zuständig: Wasser, Eis und Wind in Zusammenarbeit mit der Schwerkraft. Auch die weltweite Berühmtheit gründet nicht auf Schweizer Initiative, sondern auf englischer. Am 14. Juli 1865 bestieg Edward Whymper als Erster den Gipfel zusammen mit drei Landsleuten sowie den Zermatter Bergführern Peter Taugwalder Vater und Sohn und Michel Croz aus Chamonix. Beim Abstieg stürzten die vorderen vier der Gruppe ab, und wäre das dünne Verbindungsseil nicht gerissen, hätten auch Whymper und die Taugwalders nicht überlebt. Der Absturz machte Zermatt schlagartig bekannt.

Wie das Dorf zu jener Zeit ausgesehen hat, zeigt das Matterhorn-Museum. Dort ist auch ein Stück des gerissenen Hanfseils zu sehen, das mehr einer Wäscheleine gleicht als einem Bergseil. Taugwalder habe es im Moment des Sturzes durchgeschnitten, hiess es damals in der Sensationspresse. Stimmt nicht, versichert heute Reinhold Messner in der Ausstellung per Video.

Die Toten vom Matterhorn gehören zum Marketing; der Bergsteigerfriedhof wird den Touristen als «historisches Highlight» empfohlen. Dort erfährt man auf verwitterten Grabsteinen etwa, dass der 1925 abgestürzte Herbert Jaritz Depotkassier der Wiener Bank in der Filiale Klagenfurt war. Herbert Lothar Braum, Dr. med., Oberleutnant i. R., abgestürzt am Matterhorn am 20. Juli 1924, wird mit den Worten geehrt: «Welch hoher Geist ward hier zerstört.»

1200 Meter in acht Stunden

Heute kostet ein Bergführer fürs Matterhorn 1215 Franken, zusätzlich zweimal 150 Franken für Kost und Logis in der Hörnlihütte. Man muss kein Spitzenalpinist sein, aber überaus fit. Eine Stundenleistung von mindestens 500 Höhenmetern nennt der Bergführerverein als Konditionsvorgabe. In etwa acht Stunden müssen die 1200 Meter zum Gipfel und zurück geschafft werden. Ist der Gast zu langsam, bricht der Bergführer die Tour ab – ohne Rückerstattung. Es geht aber auch bequemer: 220 Franken kosten 20 Minuten Helikopterflug rund ums Horn.

Da die Bergsteiger wegen der vielen Viertausender ohnehin nach Zermatt kommen, zielt das Marketing mehr Richtung Mountainbiker, Familien, «genussorientierte Wanderer» und Premium-Shopper. Um sie alle zufriedenzustellen, hat Zermatt Tourismus eine Initiative gestartet mit dem Motto «Wagaguz» – Wir Arbeiten Gemeinsam Am Gedeihen Unseres Zermatt». Alle touristisch Tätigen sind aufgefordert, noch freundlicher zu sein, als es die Gäste erwarten. Zum Projekt gehört ein Fahrkurs für Elektroautos. In der Tat ist Zermatt zwar benzinautofrei, aber die vielen wild herumkurvenden Elektrotaxis und Elektrocamions sind eine Gefahr.

Kann einem das Matterhorn verleiden? Den Touristen sicher nicht, aber wie gehts den Einheimischen? Wir fragen die Gemeindepräsidentin Romy Biner-Hauser, eine gebürtige Zermatterin. «Verleiden? Nie! Am Morgen gilt dem mein erster Blick und am Abend der letzte. Denn das Matterhorn strahlt eine grosse Kraft und Energie aus – etwas Mystisches.» Es stört sie nicht, wenn der Berg mit der Schweiz identifiziert wird, solange es um Werte wie Beständigkeit und Zuverlässigkeit gehe. Aber für sie bleibt das Matterhorn zuallererst ein Zermatter Berg. Schon zweimal stand sie oben, tief bewegt.

Die Kraft der Pyramidenform

Auch Andreas Biner schaut jeden Morgen zum Matterhorn, auf dem Balkon mit einem Kaffee in der Hand. Biner ist Präsident der Burgergemeinde, in der die alten Zermatter Geschlechter Einsitz haben wie die Julen, Perren, Taugwalder, Biner. Wenn das Matterhorn der Berg der Berge ist, dann ist Andreas Biner der Zermatter der Zermatter. Er sagt: «Ich orientiere mich stark am Berg, schaue, was das Wetter macht, und nehme die Kraft wahr, jeden Tag.» Woher kommt diese Kraft? Biner führt sie auf die Pyramidenform zurück und auf das Alleinstehen. Es gebe weltweit etwa 20 Berge mit ähnlicher Form, aber alle sind Teil einer Gruppe. Nur das Matterhorn steht dermassen exponiert da.

Biner zufolge hat jeder Zermatter Bürger das innere Bedürfnis, den Berg zu besteigen. Ihn stört auch nicht, wenn Auswärtige das Matterhorn als Sinnbild für die ganze Schweiz vereinnahmen, solange man darin ein Symbol für Heimat und die Kraft der Natur sehe. Und allen touristischen Klischees zum Trotz: «Es ist ein Zermatter Berg!» Ein einheimischer Witz geht so: Giftelt ein St. Moritzer Bergführer zum Zermatter Kollegen: «Was wärt ihr ohne das Matterhorn?» Antwortet der Zermatter: «Wie St. Moritz.»

Erstellt: 01.08.2018, 19:07 Uhr

Collection

Grand Tour

Das Bellevue-Team begibt sich mit Unterstützung von Schweiz Tourismus sechs Wochen auf die Grand Tour of Switzerland. Die Aufgabe an uns selber: Tourist sein im eigenen Land. Wir wollen die Schweiz und ihre Klischees kennen lernen und hinterfragen. Neben den Liveberichten lesen Sie Reportagen von Typisch-Schweiz-Orten. Zudem fahren wir Auto mit Alt-Bundesrat Adolf Ogi auf dem Beifahrersitz – oder bei Musikerin Melanie Oesch auf dem Beifahrersitz.

Artikel zum Thema

Den bösen Wallisern auf der Spur

Bellevue Was ist das eigentlich, die Walliser Art? Unser Halt auf der Grand Tour im Obergoms gibt unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Mehr...

Als Kulisse nicht mehr gefragt

Bellevue Die Grand Tour soll uns helfen, etwas Ruhe abseits der hektischen Stadt zu finden. Das gelingt besonders gut in der Leventina, inmitten einer beeindruckenden Kulisse aus der Belle Epoque. Mehr...

«Butter in Spaghetti ist sehr schweizerisch»

Bellevue Heute macht das Bellevue halt bei Dietmar Sawyere und Armin Egli in Andermatt. Wie denken die beiden Spitzenköche über Riz Casimir, Bratwurst und Aromat? Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Paid Post

Mit CallDoc clever und flexibel versichert

Lassen Sie sich rund um die Uhr medizinisch beraten – und sparen Sie dabei! Profitieren Sie vom Prämienrabatt der Grundversicherung. Jetzt Offerte anfordern.

Kommentare

Zurück von der grossen Tour 

Was bleibt von einer sechswöchigen Reise einmal rund um die Schweiz? Mehr...

Und wie steht es mit Downtown Switzerland?

Bellevue Sechs Wochen lang haben wir das eigene Land bereist. Zum Abschluss wollen wir schauen, was Zürich zu bieten hat. Mehr...

Die schönste Nebenstrasse von Luzern

Bellevue Bevor es zurück nach Zürich geht, machen wir noch den Grand-Tour-Schlenker nach Luzern. Mehr...