Melodiesinfonie reist per Knopfdruck in seine Welt

Kevin Wettstein träumt sich in eine klangliche Realität, die ausserhalb von Raum und Zeit existiert. Seine Tracks sind die Fluchthelfer dorthin.

Track «Words» feat. Junes von Melodiesinfonies neuem Album «A Journey To You».


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Er lässt Köpfe nicken, als würden sie diese Katzen nachahmen, die man in Fenstern von schmuddeligen Thai-Restaurants findet: Kevin Wettstein verquickt unter dem Künstlernamen Melodiesinfonie deftige Hip-Hop-Beats mit verträumten Synthesizer-Loops und würzt sie mit einer Prise Latin und einem Schuss Jazz. In sich gekehrt, trommelt er an Konzerten mit seinen Fingern, als wären sie Schlagzeugstöcke, über ein digitales Pad. Das ist live gespielte und elektronische Musik in einem Spagat. Dabei lässt der junge Musiker – goldene Sonnenbrille, Retro-Hawaiihemd – nicht nur äusserlich die 70er-Jahre aufleben: In seinen Tracks lebt noch immer der soulige Klang aus dem New Yorker Harlem jener Zeit.

Kevin Wettstein unter einer im Keller gefundenen Dino-Zeichnung. Bild: Boris Müller

Vom Jazz zu Punkrock und wieder zurück

Musik ist für den heute 25-Jährigen eine stete Begleiterin. Bereits als kleiner Junge versuchte er, seine ersten Schritte zu machen und stolperte zu Hause über haufenweise Tonträger. Sein Vater, Besitzer eines Hi-Fi-Geschäfts, ist Anhänger der Vinyl-Kultur und besitzt eine ansehnliche Funk-, Jazz- und Soulplattensammlung. «Ich wurde zum intellektuellen Jazzhörer erzogen», sagt Wettstein, und seine hochgezogene Augenbraue zeigt, dass er die Aussage nicht ganz ernst meint. Doch wenn er von den regelmässigen Besuchen im Bülacher Jazzclub erzählt, wird klar, dass sich hinter diesem Statement ein Körnchen Wahrheit versteckt. Zeit für ein Ohr voll aus dem neuen Album:

Track 1: «AO Longo Do Rio»: Der Bass läuft in Wellen, wird getragen von dem Bossa-Nova-Rhythmus, der sich als Herzschlag durch den Song zieht. Die Querflöte klingt wie aus einem fernen tropischen Regenwald, in dem Lianen im Wind schaukeln. Bezirzt von klaren Pianoakkorden, erklingt ein Zirpen, Schnattern und Pfeifen.

Und wie erlebt ein solcher Jungjazzer seine Pubertät? Wettsteins Rebellion kommt in Form eines Abstechers in den Punkrock. Gleichzeitig mit seiner musikalischen Neuorientierung habe er innerlich neue Rhythmen gehört: «Ich war auf der Suche nach diesem neuen Sound.» Fündig wird er am letzten Abend eines Ferienlagers. Beim Cervelatbräteln stöpselt ihm ein Kollege einen Track der Hip-Hop-Legenden The Roots ins Ohr. «Dieser Mix aus Jazz und Rap hat mich sehr inspiriert», sagt Wettstein. Endlich gab es eine äussere Übersetzung der Beats in seinem Kopf. Gleich in der Woche darauf geht er mit seinem Vater in den Laden Zero Zero und gönnt sich die Platte.

«Beats und Songs ­entstehen bei mir dann, wenn ich geerdet, im Frieden sowie in mir und bei mir bin.»Kevin Wettstein
Drummer und Produzent

Wettsteins Liebe zu ­Vinyl zeigt sich auch in seinem WG-Zimmer im Kreis drei: An der Wand hängt die Platte des grossen Jazzsaxofonisten der 50er- und 60er-Jahre, John Coltrane, ­daneben das «Eclypso»-Album des Bebop-Pianisten Tommy Flanagan. Es ist in diesem Zimmer, in dem der gelernte Drummer beginnt, seine Tracks zu komponieren. Mithilfe von Synthesizern wie dem Clavia Nord Electro 3 oder dem Yamaha DX7 arbeitet er sich zu Sounds vor.

Kollaboration mit lokalen Künstlern

«Ich lege oft perkussiv einen Rhythmus vor und schichte dann Klänge wie Puzzleteile darüber», erklärt Wettstein seinen Prozess. Damit er in einen solchen «Kreativ-Pool», wie er es nennt, springen kann, braucht es eine entsprechende Denkweise: «Beats und Songs entstehen bei mir dann, wenn ich geerdet, im Frieden sowie in mir und bei mir bin.» Diese innere Ruhe und Freude findet der seit zwei Jahren von seiner Musik lebende Zürcher in täglichen Spaziergängen. Auch arbeitet er meist an mehreren Tracks parallel: «Ich lasse eine Art Pingpong zwischen den Stücken entstehen.»

Track 10: «Tropicololo»: Gekitzelt von der karibischen Feriensonne, tanzt der Tropical-Disco-Beat voran. Und als hättest du nicht schon so eine gute Zeit, zwitschert eine Querflöte, um den Track mit Onomatopoeia zu bespritzen.

Für sein drittes Album «A Journey to You» reaktiviert Wettstein seine alte Erfolgsformel nicht. Die elektronischen Beats, Loops und Spielereien treten in den Hintergrund und machen Platz für fingerfertig gespielte Pianoläufe und eine verspielt-jazzige Querflöte. Erstmals kollaboriert Wettstein mit lokalen Künstler, die sich zur Band formieren – ein Wechsel hin zu mehr Livemusik. «Es ist faszinierend, zu ­sehen, welchen energetischen Austausch es mit den Konzertbesuchern gibt», sagt Wettstein. Als Band gelänge es noch besser, die Stimmung im Raum aufzunehmen und in die Tracks einfliessen zu lassen. Die Feuerprobe in London hat die Truppe letzte Woche bestanden.

Cover des neuen Albums «A Journey To You». Bild: zVG

Musik als spirituelle Sprache

Track 3: «Light»: «Lass dein Licht erstrahlen, erstrahlen, immer.» – Wie ein Mantra ziehen sich die Textfetzen durch. Es ist dieser Nu-Soul mit leichten Drum’n’Bass-Elementen, der dich zurücklehnen und doch deinen Kopf mit­nicken lässt. Hier erklingt das wohltemperierte Afrika und lässt Spannung und Beleuchtung im Nachklang zurück.

Die Message, die Wettstein mit seiner Musik vermitteln will, steht auf seinem Körper. «LOVE» hat er sich auf die Brust stechen lassen, ein «Spread love every­day»-Tattoo ziert den Arm. Seine Songs sollen Positives im Hörer ausrichten und Menschen zusammenbringen. «Musik ist die spirituelle Sprache, die das Individuum mit einer übermenschlichen Realität verbindet», sagt Wettstein. Sie sei die Möglichkeit, einen Weg hin zur Liebe, aber auch zu sich selbst zu bahnen. «A Journey to You» halt.

Melodiesinfonie, Plattentaufe, heute, 20 Uhr, Exil, Hardstrasse 245. «A Journey To You» (Jakarta Records, April 2019)

Erstellt: 16.05.2019, 12:18 Uhr

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