Mister Zuversicht

Der Zürcher Reggaesänger Phenomden, vor fünf Jahren nach Jamaika ausgewandert, meldet sich mit ersten Songs in englischer Sprache zurück.

«Ich kann nicht in Jamaika sitzen und Songs auf Schweizerdeutsch schreiben»: Der Zürcher Musiker Phenomden. Foto: PD

«Ich kann nicht in Jamaika sitzen und Songs auf Schweizerdeutsch schreiben»: Der Zürcher Musiker Phenomden. Foto: PD

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«Heiler», das klingt so seltsam. So esoterisch. So unseriös. So als würde einem jemand irgendwo seine zittrigen Hände auflegen, einen verklärten Blick aufsetzen und irgendwas murmeln.

Trotzdem ist es die beste Bezeichnung, die einem für den Zürcher Reggaesänger Phenomden in den Sinn kommt. Warum? Weil seine Lieder für einen Teil der Deutschschweizer Bevölkerung das sind, was diejenigen von Gilberto Gil für Brasilianer bedeuten. Oder die von Bob Marley für die Bevölkerung von Jamaika und weite Teile der restlichen Welt. Sie lassen einen den Alltag kurzzeitig vergessen. Sie verströmen Zuversicht und Freude, vermitteln ein Stück Heimat.

Jahrelang sang Dennis Furrer, so sein richtiger Name, von Zürich, vom See, von Wiedikon, von hiesigen Streifenpolizisten und ihrer Jagd auf harmlose Kiffer, von schlechtem Kaffee, von zu viel Spam in seiner Mailbox. Davon, in der Schweiz zu leben und auf Schweizer Bühnen zu stehen. Seine Musik war eine perfekte Adaption von klassischem Reggae. Gemeinsam mit der Basler Band The Scrucialists und ein paar befreundeten Sängern, Produzenten und Musikern hatte der gebürtige Adlis­wiler, nach ein paar Gehversuchen im Rap, ab 2004 begonnen, seine ganz ­eigene Version zu schaffen. Genauso ­beseelt, genauso rund in der Sprache, genauso ichbezogen wie die Kollegen in der Karibik, genauso insiderisch und melodieverliebt, aber eben auf Schweizerdeutsch.

«Nah Give up». Quelle: Youtube

Es war keine Anbiederung, es war kein Imitat. Das, was Furrer machte, war identitätsstiftender Reggae aus Zürich. Was er damit auslöste, zeigte der Erfolg seiner vier Alben. Zeigte sich an unzähligen Konzerten in der ganzen Deutschschweiz, zeigte sich aber immer am besten an den legendären Plattentaufen in der Aktionshalle der Roten Fabrik. Viel mehr als die Kollegen von der Hip-Hop-Zunft schaffte es Furrer, mit seiner Mundartmusik ein Gefühl von Lokalstolz, Gemeinschaft und Ausgelassenheit zu kreieren.

Was er damit auslöste, lässt sich aber auch nach wie vor jedes Wochenende in irgendeiner Bar, irgendeinem Klub, irgendeinem Wohnzimmer erleben. Obwohl er seit mittlerweile fünf Jahren kein Album mehr veröffentlicht hat, reagieren die Leute immer noch fast schon ekstatisch auf seine Stücke. Erklingt in einem Club zu später Stunde ein Stück wie «Stah da», «Gueti Musig», «Wiedike» oder «Lied im Ohr», geht meist eine Art kollektiver Seufzer der Erleichterung durch den Raum. Seine Musik zu hören, ist jedes Mal, wie nach Hause zu kommen. Seine Lieder sind für viele Zürcher das, was für Furrer in seiner Jugend Reggaesongs aus Jamaika waren. Kleine Versöhnungen, kleine Friedenspfeifen.

«Ist schon seltsam: Die Leute hier können teilweise überhaupt nicht verstehen, wieso ich hierhergezogen bin.»

Seit fünf Jahren ist er nun weg. Mit Ausnahme von wenigen Blitzauftritten verschwunden von der Bildfläche. Ausgewandert. Sesshaft geworden auf jener Insel, deren Kultur ihn seit zwanzig ­Jahren fasziniert. «Ich wollte der Sache richtig auf den Grund gehen», sagt er via Skype aus Kingston. «Ich konnte nicht weiter aus der Distanz diese Musik machen, ohne wirklich zu wissen, wie sich das anfühlt.»

Jetzt, nach fünf Jahren, weiss er, wie sich das anfühlt: «Gut» sagt er. «Richtig!», sagt er. Aber eben auch: «hart.» Und: «bitter.» Der Alltag in Jamaika sei zwangsläufig auch mit Ärger und Stress verknüpft. Man müsse sich Gedanken um seine Sicherheit machen. Und man müsse grundsätzlich eher davon ausgehen, dass etwas nicht klappt, als dass etwas klappt. «Ist schon seltsam: Die Leute hier können teilweise überhaupt nicht verstehen, wieso ich hierhergezogen bin.» Manchmal, wenn er mit Problemen konfrontiert sei, frage er sich auch selber: «Warum musste ich das alles so genau wissen?»

«Eiland». Quelle: Youtube

Furrer sitzt in seinem zitronengelb gestrichenen Übungsraum mitten in Jamaikas Hauptstadt. Mitten im Epizentrum der Kultur: Im gleichen Gebäudekomplex sind u. a. die Studios von Sly & Robbie und Stephen Stanley untergebracht. Namen, die den Puls von Reggaefans höher schlagen lassen. Hier feilt er täglich an seiner Musik, übt Gesang, Gitarre, Klavier, schreibt Songs. «Practise, weisch? Wie sagt man das auf Deutsch? Also ich bin im Moment mehr auf dem Üben-Vibe.»

Irgendwann während der langen Skype-Session nimmt er dann auch die Gitarre in die Hand, spielt einen neuen Song an, den er geschrieben hat. Reggae klingt darin nur noch entfernt an. Es ist ein Soulprojekt, das er gerade mit einer Band umsetzt. Furrer erweitert derzeit seinen Horizont, entdeckt neue Musik, versucht sich in anderen Sparten, arbeitet via Skype mit einer Songwriterin aus Los Angeles an modernen Popsongs, schwimmt sich auch ein bisschen frei von der Insel, auf der er wohnt und die er in den letzten Jahren kaum verlassen hat.

Gib nicht auf!

Zuletzt in der Schweiz war er im Sommer 2014, vor ein paar Wochen kurz in Miami, wo sein Bruder ein Hotel führt. Ansonsten war er mehrheitlich in Kingston, ist tief eingetaucht in das karibische Leben (so tief, wie es halt für einen hellhäutigen Schweizer möglich ist), hat geheiratet, eine Familie gegründet, ist immer wieder umgezogen und hat geübt, geübt, geübt. Die beiden englischsprachigen Singles «Nah Give Up» und «Turn Back Time», die jetzt erschienen sind, wurden schon Anfang letzten Jahres aufgenommen. Die Videos vergangenen Sommer gedreht. Hier mahlen die Mühlen etwas langsamer, auch daran müsse man sich gewöhnen.

«Nah Give Up», das erste Stück, das jetzt die grosse Runde macht und auch in der Schweiz beworben wird, klingt seltsamerweise gar nicht so anders als die Mundartstücke von früher. Gut, da ist die englische Sprache, aber von der Ausstrahlung und der Aussage her, ist das immer noch der alte Phenomden. Es ist ein Motivationssong. Ein Lass-den-Kopf-nicht-hängen-Stück. Wer sich den Videoclip anschaut, wird sofort feststellen: Furrer vermittelt den Song genauso mit Stimme und Sprache wie mit den Augen. Darin liegt Lebensfreude, Zuversicht, Hoffnung. «Gib nicht auf!», singt er uns zu – und man merkt trotz aller Fröhlichkeit, dass er sich diesen Song immer wieder selber zusingen musste.

«Lange war es mir etwas unangenehm, dass mich Songs mit einer religiösen Botschaft ansprachen.»

Interessant auch: Der Song wirkt etwas klischiert. So wird, wie in fast jedem Roots-Reggae-Song, auch «Jah», also Gott, gepriesen. Und das von einem Schweizer, keinem Rastafari. «Lange war es mir etwas unangenehm, dass mich Songs mit einer religiösen Botschaft ansprachen», sagt Furrer. «Jetzt, da ich hier wohne, ist Gott präsenter denn je. Oder eher: die Idee von Gott. Die Idee, einen Ansprechpartner zu haben, der über den Dingen steht. Und deswegen kommuniziere ich mit ihm.»

Aber wieso kommuniziert er denn nicht mehr direkt mit seiner nach wie vor intakten Fangemeinde in der Schweiz? Wieso gibt er keine Konzerte hier? «Diese Frage hat mich total beschäftigt», gibt er zu. «Die Antwort ist: Es geht leider nicht anders. Ich kann nicht ständig hin- und herreisen. Und ich kann nicht in Jamaika sitzen und Songs auf Schweizerdeutsch schreiben. Das funktioniert einfach nicht.» Er müsse immer in der Sprache texten, die er auch im Alltag spreche.

Bis der Magen knurrt

«Hey, es tut richtig gut, ein bisschen Schweizerdeutsch zu reden!», sagt er trotzdem nach über einer Stunde Redezeit. Zwischendurch klingelt sein Handy. Seine Frau. «Schätzeli, I’m doing an interview!», vertröstet er sie auf später. Sie sprechen Patois miteinander. Irgendwann zieht das Gespräch immer weitere Kreise. Wir sprechen über die Schweizer Musikszene, über neue Künstler, über das Leben im Ausland. Die Interviewstruktur haben wir schon lange verlassen. Ein richtig schönes, befreiendes Gespräch. Wir reden so lange, bis es in Zürich längst dunkel geworden ist – und beiden so stark der Magen knurrt, dass wir uns verabschieden. Hunger kann er leider noch nicht heilen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2016, 19:48 Uhr

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