Mit der Luxusjacht auf dem Zürichsee unterwegs

Sie ist schnell, sie ist teuer und sie hat eine Lounge an Deck: die Endurance 33. Für den Kapitän ist der wahre Luxus aber ein anderer.

Will alleine und unerkannt über den See fahren: Der Kapitän der Luxusjacht Cranchi Endurance 33. Fotos: Andrea Zahler

Will alleine und unerkannt über den See fahren: Der Kapitän der Luxusjacht Cranchi Endurance 33. Fotos: Andrea Zahler

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Zwei Menschen auf einem Boot, das ist per Definition bereits eine Crew. Unser Kapitän, nennen wir ihn Philipp Brander, hat selten eine Crew. Am liebsten fährt der 30-Jährige alleine mit seiner Luxus-Jacht auf den Zürisee hinaus. Der See, sagt er, sei sein Rückzugsort.

Man sieht Brander das Geld, das er mit seinen Firmen gemacht hat, nicht unbedingt an. Er ist schlank, trägt bunte Bermudas und ein weisses Shirt mit einem Loch mitten auf der Brust. Er wirkt fast scheu. Als wir das Boot am Privathafen in Meilen besteigen, lässt er über die Bordlautsprecher Manu Chao laufen.

Eine riesige Fläche für sich

Es gibt im Kanton wenig bessere Orte für den Rückzug als den See. Der Deal ist nicht schlecht: Wer ein Schiff kauft, bekommt etwas mehr als 88 Quadratkilometer Raum mitgeliefert, öffentlich zwar, aber doch exklusiv nutzbar. Eine sagenhafte Weite mitten im bevölkerungsreichsten Kanton des Landes. Und teilen muss er diese nur mit wenigen. Zwar sind 12'000 Boote auf dem Zürisee angemeldet, doch befährt nur ein Bruchteil davon den See. Und selbst wenn jeder Bootsbesitzer das Gewässer nutzen würde, wären das immer noch weniger als 1 Prozent aller im Kanton lebenden Menschen.

Für die Anfahrt dieser Cranchi Endurance 33 aus Italien musste der Gotthard gesperrt werden.

Diese Exklusivität ist nicht gratis: Rund 300'000 Franken kostete Branders Jacht, eine Cranchi Endurance 33, gebaut am Comer See. Hinzu kommen mehrere Tausend Franken jährlich für Wartung, Einstellplatz sowie Benzinkosten. Eine Füllung des Tanks kostet rund 1000 Franken. Das Boot verbraucht rund 100 Liter auf 100 Kilometer. Die Endurance ist ein komfortabler Umweltsünder, aber ganz bestimmt kein Gefährt für die Massen.

Das ideale Gefährt

Nichtsdestotrotz, oder gerade deswegen: Die Jacht erscheint wie das ideale Gefährt für den Zürisee. Einsetzbar ist sie bei jeder Witterung, jene von Brander erreicht eine Geschwindigkeit von 33 Knoten, etwas mehr als 60 Kilometern pro Stunde. So kommt man herum.

Gehört dazu: Radar und TV-Schüssel auf dem Dach.

Als er nach einer kurzen, langsamen Fahrt in der Seemitte die beiden Hebel fast ganz nach vorne drückt, hebt sich der Rumpf an, der Fahrtwind bläst einem beinahe die Dächlikappe vom Kopf, hinten zischt eine weisse Gischt. Dieses Boot sieht nicht nur gut aus, es kann auch was. Zwei Volvo-V8-Motoren sorgen für den Antrieb. Zur Ausstattung gehören: Liegepolster auf Deck, ein Tischchen, das automatisch ausfährt, Küche, Dusche, eine Ledergarnitur so gross wie ein Doppelbett. Darauf bestickte Kissen.

Sorgen für den Schub: Die Motoren der Jacht.

Doch der wahre Luxus, sagt Philipp Brander, bestehe in der Privatheit, die ihm seine Jacht biete. Er nennt es «einen Ausgleich finden» zu seinem Arbeitsalltag. Den Kopf lüften. Doch es ist mehr. «Es klingt vielleicht absurd, aber ich lerne hier auf dem Schiff, die einfachen Dinge zu schätzen.» Den Wind, die Ruhe, den Blick auf die Berge. Manchmal werde er nachdenklich. Er deutet auf die Goldküste und fragt: «Ist das, was wir hier sehen, wirklich echt?» Was er damit meint: «Die Leute rennen Reichtum und Status hinterher.» Sagt einer, der selber mehrere teure Autos und diese Jacht besitzt? «Mir ist nicht wichtig, dass alle sehen, was ich habe. Ich habe Freude daran.»

Das Bild, dass sich viele Leute von Jachtbesitzern machten, sei falsch. «Es sind einfache Leute, man protzt nicht rum.» Der Zürichsee sei nicht das Mittelmeer, Stäfa nicht Portofino. Nach eigenen Angaben verbringt Philipp Brander rund 36 Stunden pro Woche alleine auf seinem Schiff. Zum Arbeiten, manchmal auch zum Schlafen. Das Plus des Zürisees: Hier gehe es freundlich zu und her. Dann und wann ein Schwätzchen, aber mehrheitlich lasse man sich in Ruhe. Nur schon das ungeschriebene Gesetz, dass Abstand zu anderen Booten halten sollte, unterstützt dies. Man bleibt nicht nur unter sich, man kann auch ganz für sich alleine sein.

Plötzlich viele Freunde

Das gilt für Brander nicht immer. Manchmal nimmt er auch die Freundin mit oder fährt an der Stree Parade mit Freunden auf den See. Seinen Luxus teilt er mit ausgesuchten Leuten. Denn er weiss: Wer eine Jacht besitzt, hat auch auf einmal viele Freunde.

Gepolsterter Luxus: Die Lounge unter Deck.

Philipp Brander ist sich den Umgang mit Geld und Reichtum gewohnt. Er ist wohlhabend aufgewachsen, sein Vater betrieb eine Immobilienfirma, die er nach dessen Tod übernahm. Danach habe er weitere Firmen aufgebaut, ein «gutes Händchen gehabt», wie er sagt. Und dann kaufte er sich vor zwei Jahren diese Jacht, die den Namen seines Vaters trägt.

Brander, dieser melancholische ­Kapitän ohne Crew, fährt langsam zurück an Land. Wo er seine Luxusjacht am Steg vertäut.

Korrektur: In einer früheren Version stand, dass 33 Knoten 70 km/h entsprechen. In Wahrheit sind es etwas mehr als 60 km/h. Die 50 Meter Abstand zu anderen Booten gilt nicht bei allen Booten auf dem See.

Erstellt: 24.07.2019, 12:04 Uhr

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