Mundart auf den zweiten Blick

Dominic Oppligers Buch ist so berührend, dass man unbedingt wissen will, wer es geschrieben hat – und weshalb in kaum lesbarer exotischer Mundart. Ein Mailwechsel.

Wenn es nicht Literatur ist, dann mag Autor Dominic Oppliger keine kryptischen Texte. Dann soll es schnell geschrieben und schnell verstanden werden.

Wenn es nicht Literatur ist, dann mag Autor Dominic Oppliger keine kryptischen Texte. Dann soll es schnell geschrieben und schnell verstanden werden. Bild: PD

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Liäbä Herr Oppliger,
zerscht, woni dr Titel vo Ihrem erschte Buech gläse han, «Acht schtumpfo züri empfernt», hani dänkt: acht Schtümpfä? Was isch das? So öpis wie siebä Zwärgä, eifach anderscht?

Liebe Frau Müller,
vielen Dank, Ihre E-Mail freut mich sehr. Jedoch ist es mir so gut wie unmöglich, eine schriftliche Konversation, die über «bisch scho da?» hinausgeht, auf Mundart zu verfassen. Ich erlaube mir daher, auf Deutsch zu antworten und hii und taa einen Mundart-Ausdruck einzustreuen. Diese Haltung hat verschiedene Gründe, die ich Ihnen auf Wunsch gerne erläutern kann. Allzu spannend sind sie jedoch nicht.

«Geschrieben geht mir mein Schweizer Hochdeutsch dann doch ringer von den Fingern.»

Liäbä Herr Oppliger,
isch das guet, wäni trotzdem bim Mundart blieb? Und ja: Gärn würd ich die Gründ ghöre – die sind sicher schpannender, als Sie meinet.

Liebe Frau Müller,
ah, da bin ich froh. Vielen Dank, dass Sie in dieser Hinsicht nicht so kompliziert sind wie ich. Gerne dürfen Sie mir weiterhin auf Mundart schreiben. Darf ich raten: Lese ich Glarner Dialekt? Warum ich selber nicht so gerne E-Mails oder SMS in Mundart schreibe? Geschrieben geht mir mein Schweizer Hochdeutsch dann doch ringer von den Fingern. Und gleichzeitig bin ich ein Pedant, wenn es um Mundart-Schreibweise geht. Das ist erstens zeitaufwendig, zweitens für mein Gegenüber nur mit Anstrengung lesbar und drittens: Ich schreibe am liebsten Mundart, wenn ich auch derjenige bin, der das Gut zum Druck gibt.

Dominic Oppliger liest aus seinem Buch.

«Meiner Meinung nach spielt die Frage nach richtig/falsch im Zusammenhang mit Sprache eine viel zu grosse Rolle.»

Liäbä Herr Oppliger,
nur scho de Buechtitel würd ich anderscht, chli eifacher schriebe: Acht Schtund vo Züri entfernt. Bini da scho zu sehr im Hochdütschä drin? Überintegriert quasi? PS: Ja, Glarnerdütsch! Hett nöd dänkt, dass das so offesichtlich isch – han gmeint, ich schriebi Züridütsch.

Liebe Frau Müller,
überintegriert? Würde ich hier Stellung nehmen, schlüge ich in eine Kerbe, die ich mit der Schreibweise meines Buches ein Stück weit zu füllen versuchte: Meiner Meinung nach spielt die Frage nach richtig/falsch im Zusammenhang mit Sprache eine viel zu grosse Rolle. Die Blockade, die Isolation, die sie zum Effekt hat, kenne ich aus persönlicher Erfahrung – ich traute mich über Jahre hinweg nicht, Französisch zu sprechen, obwohl ich mich (wie ich mit circa 30 merkte) problemlos verständigen kann. Ähnliche Gefühle der Unsicherheit (oder treffender: Scham) kenne ich auch mit der deutschen Sprache. Ich kenne sie aber auch in Zusammenhang mit meinem Nicht- oder Halb-Dialekt, der kein wirkliches Zuhause hat (und sich aus einer Kindheit an der Grenze Zürich/ Aargau und einem Elternhaus mit Luzerner und Emmentaler Dialekt ergab). Was mich also an meiner Schreibweise fasziniert: dass sie funktioniert, obwohl sie auf den ersten Blick so verkehrt daherkommt – oder dass sie eben gerade darum funktioniert, weil sie so verkehrt daherkommt. Wüssezi, wini mein?

«In meinem Fall hilft die Verfremdung vor allem, eine Illusion zu erzeugen.»

Liäbä Herr Oppliger,
ich glaub, ich verstah: Sie nähmet also im Buech schpielerisch uf, dass die eiget Sprach chan främd würke, oder? Sie schriebet zum Bispil: «Unzläbe gaat irgendwiä wiiter. Unte ander häpwaschinli ä gschiders ztue als deneide heile wält es iimeyl zschriibe.» Oder: «chpi fecheltet xi.» Nach welem Prinzip schriebet Sie uf Mundart? Wämer sich Ihres Buech luut vorliist, tönts plötzlich wieder vertraut, und mer verstaht, was mer liist.

Liebe Frau Müller,
es ist genau das, was Sie schreiben. Durch die schriftbildliche Exotisierung der Alltagssprache passiert beim Leser, der Leserin etwas Ungewohntes: Es muss über das Hören gelesen werden, exotische Buchstabenfolgen müssen schon fast laut ausgesprochen werden.

Im Gegensatz zum kryptischen Schriftbild ertönen sie dann aber unerwartet vertraut und im Klang der Stimme des Lesers, der Leserin (meistens auf jeden Fall). In meinem Fall hilft die Verfremdung vor allem, die Illusion einer authentisch-klingenden Erzählstimme zu erzeugen. Auf jeden Fall: Für die Schweizer Mundart habe nicht ich diese Schreibweise erfunden, sondern – soweit ich weiss – der liebe Martin Frank, der sie 1979 mit «Ter fögi ische souhung» und später mit «La mort de chevrolet» entwickelt und verfeinert hat.

Sie sehen, wenn ich mal anfange, komme ich von einem ins andere. Stellen Sie sich das mal in Mundart vor. Das gäbe ja schon fast ein neues Buch.

«Lese ich den Text vor Publikum, spiele ich natürlich damit, dass ich in diesem Moment zum Erzähler der Geschichte werde.»

Liäbä Herr Oppliger,
also dänn würdet Sie Ihres Buech au niä als Hörbuech spräche? Will dänn isch de Erzähler gar kei Illusion me, sondern tatsächlich – de wäret dänn ja Sie.

Guten Tag Frau Müller,
da habe ich kein Problem. Der ganze Text ist ein Spiel mit Wahrheit und Fiktion. Lese ich den Text vor Publikum, spiele ich natürlich damit, dass ich in diesem Moment zum Erzähler der Geschichte werde. Die Bühne (und die Mundart) hilft also, die Illusion zu erzeugen, dass dem jungen Mann dort vorne diese Geschichte genauso passiert ist und er sie so freimütig mit einem Publikum teilt.

«Hat man aber ‹fecheltet› gelesen und verstanden, merkt man, dass das ja eigentlich der Aussprache viel näherkommt.»

Liäbä Herr Oppliger,
und uf Mundart funktioniert die Illusion nomal me: Sie isch d Sprach, wo Unmittelbarkeit schafft. Bim Läse isch mr ufgfalle, dass ide Mundart au sehr viel Komik steckt. Immer hani wieder chli müsse lache. Zum Bispiel bi dem Satz: «Hahalkli länger prucht, pi ja so mega mipmim eigete schitt beschäftixi.» Oder au ebe da: «chpi fecheltet xi.» Warum isch das luschtig?

Guten Tag Frau Müller,
ich finde auch, dass viel Humor in der Mundart steckt. Ich glaube, eine Sache ist die, dass man eben erst aufs zweite Lesen hin versteht, was geschrieben steht. Diese kleinen Rätsel zu knacken, macht manchen wohl Freude, und ein bisschen muss man über sich lachen, weil man sich von der Schreibweise auf den ersten Blick übertölpeln liess. Eine andere Sache könnte sein, dass man ja eigentlich eher «verchältet» schreiben würde. Hat man aber «fecheltet» gelesen und verstanden, merkt man, dass das ja eigentlich der Aussprache – je nach Dialekt und allenfalls auch Milieu – viel näherkommt. Neu und lustig ist sicher auch, dass man sich von Mundart zu einem grossen Teil bestimmte Erzählgesten und Geschichten gewohnt ist und somit überrascht wird, wenn ein Text damit bricht. Oder haben Sie schon mal einen Thriller auf Mundart gelesen? Oder eine Horrorstory à la Stephen King? Einen Don Quijote?

«Das wäre mir dann im Vorbeigehen passiert.»

Liäbä Herr Oppliger,
ja, «fecheltet» tönt härziger als «verchältet», sympathisch und lakonisch. D Tonalität vom Mundart passt au sehr guet zum Charakter vo Ihrer Hauptfigur: emne jungä Maa, wo ame Bahnhof, acht schtumpfo züri empfernt, uf sini Exfründin wartet. Er wachst eim as Herz. Ei letschti Frag: Isch das dr Trost für die universelli Einsamkeit? Dass mer sich wenigschtens mit Ihrem Protagonist verbunde fühlt?

Liebe Frau Müller,
hm, das ist jetzt eine schwierige Frage, a so öppis tänkpme ja nöd umbedingt, wämme schriibt – oder ich zumindest nicht. Natürlich geht es um Einsamkeit, um die sechs Monate im Leben des Protagonisten, in denen er sich emotional mindestens acht schtumpfo sich sälber empfernt aufhielt.

Die Wahl dieser Schreibweise hat in erster Linie mit meiner Begeisterung für Franks «Ter fögi ische souhung» zu tun. Beim Lesen vom Fögi klang die Stimme von Beni (dem Erzähler) derart laut und vertraut in meinem Kopf, dass ich zuweilen nicht mehr wusste, ob ich es mit meinen oder mit Benis Gedanken zu tun hatte (nicht immer eine angenehme Erfahrung und gerade darum umso faszinierender). Mit meinem Text einen ähnlichen Effekt zu erzeugen, war definitiv ein Ziel beim Schreiben von «acht schtumpfo züri».

Sollte der Inhalt Gefühle universeller Einsamkeit heraufbeschwören, die Form jedoch gleichzeitig in der Lage sein zu trösten – wunderbar. Aber das wäre mir dann im Vorbeigehen passiert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2019, 14:45 Uhr

Ein junger Mann, der wartet

Dominic Oppliger, 1983 geboren, ist im Aargau aufgewachsen und lebt heute in Zürich.

Der Autor und Musiker hat 2018 sein erstes Buch «Acht schtumpfo züri empfernt» veröffentlicht – eine Mundart-Novelle, die in der Edition Spoken Script beim Verlag Der gesunde Menschenversand erschienen ist. Die Novelle handelt von einem jungen Mann, der an einem Bahnhof acht Stunden von Zürich entfernt auf seine Ex-Freundin wartet. (slm)

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