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O du Kitschige!

Zürichs Vorweihnachtszeit ist die Zeit der überzuckerten Ankündigungen. Auf manche Anlässe freuen wir uns nur deswegen.

Es soll einem warm ums Herz werden: Weihnachtsschmuck in der Silhlcity. Foto: Sabina Bobst
Es soll einem warm ums Herz werden: Weihnachtsschmuck in der Silhlcity. Foto: Sabina Bobst

Wie aufgekratzte Kinder sollen wir uns wahrscheinlich fühlen, wenn die Einkaufscenter, Hotels und die öffentlichen Plätze uns auf jene Zeit «einstimmen», die immer näher und vor allem – endlich – kommt. Diese Zeit, die vor der Tür steht: Adventszeit, Weihnachtszeit, Familienzeit. Aber auch die Zeit, um wieder einmal durchzuatmen. Es warten also Tage voller «Genuss, Entspannung» und baumelnder Seelen auf uns. Das Shoppi Tivoli bietet etwa Fotoshootings mit dem Weihnachtsmann fürs «Familienalbum» an, das Baur au Lac veranstaltet Familienkonzerte und «Coming home for Christmas»-Partys. Newsletter versprechen «weihnachtliche Nudelideen», weil Teigwaren sehr wohl zum Weihnachtsessen passen würden, und Globus bietet Tipps vom «Styling-Experten» für den «schicken Tannenbaum». O du Fröhliche! Nichts ist zu banal, um ihm eine Samichlausmütze überzuziehen.

Die Vorfreude und das fiebrige Warten vereinen uns Konsumentinnen und Konsumenten offenbar. Uns kann man ja auch alles erzählen, ausgezehrt, wie wir sind nach all den Anstrengungen des Jahres, und überzeugt davon, zum Abschluss etwas Gutes verdient zu haben. Auf dem Weg ans Fest der Liebe verzeihen wir sogar den Zuckerguss, der über den Worten und Anpreisungen liegt, die in den verbleibenden Wochen ausgepackt werden wie Christbaumschmuck. Da spricht man wieder von «strahlenden Kinderaugen» oder verweist auf Märchenfiguren, die dieses kindliche Strahlen auch in unsere Augen, die vermeintlich schon vieles gesehen haben, zurückbringen sollen. Willkommen beim Zürcher Weihnachtskitsch:

Fondue-Chalet. Das Pop-up-Fondue-Chalet bei der Sihlcity ist nicht das einzige, das man in diesen Tagen in Zürich sieht. Es preist sich aber auf eine besonders euphorische Weise an: Es wehe «frischer Wind», steht auf der Website, denn «Fräulein Holle schüttelt ihr Kissen und zaubert ein brandneues, gemütliches Fondue-Chalet auf den Kalanderplatz». Noch bis zum 30. Dezember kann man sich täglich ab 11 Uhr mit «verschiedensten Fondue-Kreationen» ein «kulinarisches Wintervergnügen» gönnen. In der digitalen Speisekarte findet sich zudem ein Gedicht zum fröhlichen Einstimmen: «Wenn draussen der Wind durch die Gassen zischt / Und der Schnee langsam munter mitmischt, / Die Menschen eilig von A nach B rennen / Und die Augen vor Kälte brennen, / Dann ists Zeit für einen Gaumenschmaus / Im Fräulein Holle, dem gemütlichen Fonduehaus.»

Santa-Cocktails. In der Nähe des Bauschänzli, beim Stadthausquai 1, kommen die Drinks, im Unterschied zu anderen Bars und anderen Zeiten, «direkt vom Weihnachtsmann» – weil das einfach «noch mehr Spass» mache. Der Weihnachtsmann teilt sich praktischerweise in ein «paar fleissige Santas» auf, die bis zum 24. Dezember in der «Noël Baba – Santa’s Cocktail Bar» – ja, richtig – Cocktails zaubern werden.

Video: Lichter in der Bahnhofstrasse

Die Weihnachtsbeleuchtung an der Bahnhofstrasse wurde angeknipst. Video: Nicolas Fäs und Lydia Lippuner

Christkindlimarkt. Traditionellerweise findet in Zürich der Markt in der Halle des Hauptbahnhofs statt, und liest man auf der Website durch, was einen dort erwartet, ist dieser Markt schon die eigentliche Bescherung, wenn nicht das Paradies: «Am Christkindlimarkt glänzen die Lichter, und überall ist Lachen zu hören. Ein Kinderchor singt Lieder wie mit Engelsstimmen, so hell ist der Klang. Die Luft ist erfüllt vom Duft weihnachtlicher Spezialitäten von nah und fern. Und ein Mann mit langem weissem Bart verschwindet in der Menge.» Und das ist noch längst nicht genug. Über den 15 Meter hohen Christbaum steht geschrieben: «Seine über 7000 kristallenen Ornamente spiegeln sich in glänzenden Augen der Menschen. Im Abendlicht funkelt der wunderschöne Weihnachtsbaum, als ob der Sternenhimmel die Erde küssen wollte.» Da Weihnachtskitsch kein Ende kennt und sogar ins Arbeitsverhältnis eindringt, liest man unter dem Kapitel «Panorama» noch dies: «Gutmütige Chefs machen früher Feierabend und plaudern mit ihren Mitarbeitenden in gemütlicher Runde.» Frieden auf Erden. Bis zum 24. Dezember.

Singender Weihnachtsbaum. Unerwartet ist Beat Seeberger, Mitgründer des Singing Christmas Tree, diesen Frühling verstorben. Kinder und Jugendliche werden aber weiterhin auf dem Werdmühleplatz auf einer Bühne singen, die wie ein überdimensionierter Christbaum gestaltet ist. Dazu gibt es einen «Foodmarkt mit Charme und tausend Lichtern!». Motto: «Singen verändert und kann zaubern!» Bis zum 23. Dezember.

Kerzenziehen. Auf dem Bürkliplatz, der «Oase der Ruhe», kann man bis zum 22. Dezember «im süssherben Duft des Bienenwachses und im Dunkel des Zeltes» in «fast meditativer Stimmung» versuchen, seine eigene Kerze zu gestalten. Man tauscht die «Hetze des Alltags» gegen Gefühle der «Besinnlichkeit und des Glücks». Ein Handel, gegen den nichts einzuwenden ist. Schön auch, dass man ihn in dieser Zeit fast an jeder Ecke finden kann.

Video: Weihnachtliche Stillosigkeit im Weissen Haus

Melania Trump präsentiert das dekorierte Weisse Haus. Video: Tamedia

Mehr Advent. Der Bahnhof Stadelhofen will auch ein bisschen Hauptbahnhof sein. Er hat zwar keinen Weihnachtsbaum, aber eine Weihnachtspyramide. Sie ist zwar nicht so hoch wie der HBBaum, aber auch hoch: achteinhalb Meter. Der Stadelhofer Ehrgeiz liegt anderswo, nämlich im Wort «mehr». «Bis zum 23. Dezember heisst es erneut: mehr Advent», so wird die Aktion Weihnachtspyramide angepriesen. Sie schaffe «nicht nur eine einmalig warme Stimmung in der Adventszeit», sie will auch mit «verführerischen Speisen» locken. Bei jeder Konsumation erhält man einen Gutschein für ein «besonders attraktives Angebot in der Einkaufspassage». Mehr ist mehr, und von nichts kommt nichts.

Musikalischer Adventskalender. «In einem Monat ist Weihnachten!», schreibt das Opernhaus Zürich freudig-erregt auf seiner Facebookseite. Es lädt dazu ein, sich mit einem der kleinen Konzerte im Opernhaus-Foyer «die Weihnachtszeit verschönern» zu lassen. Ab dem 1. bis zum 23. Dezember findet täglich ein solcher Anlass statt: «Halten Sie kurz inne im weihnachtlichen Trubel, und lassen Sie den Tag musikalisch ausklingen.» Einstimmen, geniessen, ausklingen lassen – der weihnachtliche Dreiklang.

Samichlaus. Es gibt ihn wirklich. Und er wird wirklich so angekündigt: «Hohoho!» So redet der Weihnachtsmann schliesslich. An mehreren Tagen streift er durch das Wienachtsdorf auf dem Sechseläutenplatz und «tauscht Nüsse und Mandarinen gegen Verse». Ein Spruch ist zwecks Vorbereitung auf der Website aufgeschaltet: «I bi e chliine Stumpe, / ha no churzi Bei. / Gib mir gschwind es Päckli, / de chan i wieder hei.» Das ist Kundenservice.

Silvesterzauber. Das grosse Feuerwerk zum «grandiosen Jahreswechsel in Zürich», der «Höhepunkt». Wer noch nicht genug hat, dem sei dies geraten: «Verlängern Sie den Silvesterzauber mit einem gebührenden Abschluss in einem Zürcher Hotel.» Wobei man eigentlich aufhören sollte, wenn es am schönsten ist.

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