«O nein, MC Politflow!»

77 Gemeinderatskandidaten haben dem TA ihren 30-Sekunden-Wahlspot zugestellt. Ob sie den Ansprüchen der Digital Kids entsprechen, beurteilen zwei Gymnasiastinnen.

Das Experiment in voller Länge: 77 Spots von Zürcher Gemeinderatskandidaten. Videos: Lea Blum

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Die junge Generation macht es vor: Wer sich heute in Szene setzen will, macht das per Video. Sei es beim Rolltreppen fahren, beim Telefonieren, beim Gitarre spielen oder beim Biken, Hauptsache bewegtes Bild. So bewegt man heute, macht andere auf sich aufmerksam.

Aufmerksamkeit wollen auch alle Kandidaten, die bis morgen für das Gemeindeparlament in Zürich zur Wahl stehen. Ausgangslage: 125 Sitze, 1054 Kandidaten. Da kann manchem No-Name-Politiker Werbung in eigener Sache nicht schaden.

Der TA hat die Kandidatinnen und Kandidaten dazu aufgerufen, der Redaktion einen persönlichen Wahlspot von 30 Sekunden zuzustellen. 77 Politiker haben das Experiment gewagt. Die Redaktion hat alle Clips zu einer Kollektion zusammengestellt. 35 Minuten mit Köpfen aller Couleur, ein oberflächlicher Tiefblick in die Zürcher Politlandschaft.

Ob das mit der Aufmerksamkeit auch wirklich klappt, haben wir Zürcher Gymnasiastinnen gefragt, die ohne Youtube und Snapchat nicht mehr leben könnten. Leah Borer und Moana Biedermann haben für den TA die Kollektion kommentiert.

Die Jury: Moana Biedermann (links) und Leah Borer.

Moana: Mein Gott, ich habe keine Ahnung, wer die da sind.
Leah: Ich weiss nur, dass alle, wie wir, aus der Stadt kommen und man sie wählen kann. Weisst du, wohin?
Moana: Keine Ahnung.
Leah: Nicht in den Stadtrat, in das andere. Keine Ahnung, wie das heisst.

Laufzeit: 00:24. An einer lärmigen ­Strasse stehen zwei Politiker der Grünen und reden miteinander: Nationalrat Bastien Girod, Res Marti ist der andere.

Leah: Ist es das schon? Sieht aus wie Werbung. Welcher von beiden ist denn nun der Kandidat, der sich bewirbt?
Moana: Weiss nicht. Man hört ja gar nichts, weil die auf der Strasse stehen.
Leah: Das Video ist nicht wirklich gut.
Moana: Ich habs nicht gecheckt.
Leah: Oh, nun einer von der SP. Der geht auf die soziale Schiene. Der setzt sich für bezahlbare Wohnungen ein. Yeah, finde ich auch.
Moana: Hä, wo steht denn die?
Leah: Wieder an einer Strasse. Aha, eine Grüne.
Moana: Eine Verkehrsmaschine, die stinkt, sagt sie. Wer ist das?
Leah: Weiss nicht.
Leah: Die will die Strassen wegmachen, oder wie?

03:03. Diesmal trifft Bastien Girod Urs Riklin. Dieser wirbt für längere Öffnungszeiten der Bibliotheken in den Quartierzentren.¨

Leah: Wieder dieser Schauspieler.
Moana: Die setzen sich für Bibliotheken ein?
Leah: Das Video dieses SP-Politikers finde ich gut, obwohl er nicht richtig sprechen kann. Es ist einfach und klar.
Moana: Man versteht ihn. Nicht wie jene, die an der Strasse stehen.
Moana: Schau die. Diese (Anm. d. Red.: PDA) stehen alle vor einer Plakatwand. Voll langweilig.
Leah: Sie sprechen über die Ausbeutung von Menschen. Voll dramatisch.

07:27. AL-Kandidat Patrik Maillard macht in einem Dachzimmer vor einem Bücherregal sitzend Werbung für sich.

Moana: Diese Augenbrauen!
Leah: Hihi.

09:26. Gabriela Rothenfluh, Co-Präsidentin der SP in der Stadt, verteilt am Rigiplatz ihre Wahlflyer.

Moana: Schon wieder die SP.
Leah: Das ist ja eine grosse Partei.
Moana: Und die machen das sehr professionell.
Leah: Die geben sich alle so sozial. Man sieht sie immer mit Passanten.
Moana: Also, die präsentieren sich sehr überzeugend. Bilder, Ton, alles gut.
Leah: Ah, die wirbt für Tagesschulen. Das ist auch noch eine gute Idee. Das betrifft ja viele.

11:46. SP-Kandidat Matthias Egloff filmt sich selber.

Moana: Ui. Noch einer von der SP. Mit Handystick.
Leah: Der erinnert mich an den Grossvater im Heidi-Film.

14:39. Dieses Mal trifft Bastien Girod den Fraktionspräsidenten der Grünen Markus Kunz auf dem Spielplatz der Kalkbreite.

Leah: Wieder der. Immer der gleiche Schauspieler. Die haben den sicher engagiert.

15:56. Regisseur Paul Riniker, AL-Kandidat, macht folgendes Geständnis: «Ich bin zwar alt, habe aber immer noch eine Unruhe im Herzen. Pubertiere noch ein bisschen.»

Moana: Der ist herzig.
Leah: Paul, wir verstehen dich. Pubertät ist schwierig.
Leah: Oh, jetzt der. Scheint motiviert.
Moana: Klimawandel. Klima in der Politik. Na ja, was für ein Wortspiel.
Leah: Mein Gott, der ist Arzt. Für die Grünen.
Leah: Jetzt wieder SP.
Moana: Ich finds voll gut.
Moana: Oh, einer aus dem Kreis 8. Wir wohnen ja beide im Kreis 8, Andri Silberschmidt.
Leah: Der ist ja voll jung.
Moana: Der andere denkt sich: Was labert der?

22:13. Bettina Aeppli parliert für die FDP vor einer Betonwand mit Banner.

Moana: Schon wieder FDP. So langweilig, die stehen alle vor demselben Hintergrund.
Moana: Einer von der AL. Was heisst AL?
Leah: Alles Listige?
Moana: Wo ist der Friesenberg?
Leah: Für mich sind alle spannenden Filme vorbei.
Leah: Oh, AL heisst Alternative Liste.
Moana: Die erzählt von Seebach. Seebach!
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2018, 20:31 Uhr

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