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Wie ein Orgasmus im Kopf

Flüstervideos gehören zum Skurrilsten, was es auf Youtube derzeit zu sehen gibt. Viele schwören auf das Kribbeln, das gehauchte Wörter auslösen.

Rosa glänzende, volle Lippen, weisse Zähne, eine stark gepuderte Kinnpartie, umrahmt von dunklen langen Haaren: Mehr ist im Videoausschnitt nicht zu ­sehen. Die Frau haucht ein «Hallo» in die Kamera. Sie nennt sich CocoASMR und spricht am Sonntag im Fotomuseum Winterthur über ihre Youtube-Leidenschaft: in die Kamera zu flüstern.

«Heute möchte ich versuchen, dass du ein bisschen besser einschläfst», sagt sie in einem Video. Sie spricht langsam. «Such dir einen ruhigen Ort.» Sie macht Pausen zwischen den Sätzen. «Nun konzentriere dich auf deine Atmung. Atme durch die Nase ein. Durch den Mund wieder aus. Stell dir vor, dass du Energie durch die Nase einatmest, und all das Schlechte, das du durch den Tag erfahren hast, ausatmest. Okay.»

Die Amerikanerin Heather Feather gehört zu den «Stars» der Szene.

Die Videos der Deutschen gehören zur Kategorie ASMR – «autonomous sensory meridian response». So heisst die Reaktion der Menschen auf die Videos, ein kribbelndes Gefühl auf der Haut, das entspannend und bei Einschlafproblemen sowie Migräne und Phobien wirken soll. Es beginnt auf der Kopfhaut und breitet sich von da über den Nacken im Körper aus. Wer es erlebt, spricht von Kopforgasmus. Aber längst nicht alle reagieren auf die Reize.

Rascheln, streicheln, hobeln

ASMR wurde durch Videos im Netz ­geprägt. Die ersten zirkulierten 2010, heute gibt es Millionen. Die Fangmeinde ist immens. Heather Feather und Bob Ross, ein 1995 verstorbener Maler – beide aus den USA –, gehören zu den «Stars» – Coco ist eine der bekanntesten deutschen ASMR-Youtuberinnen.

Ihre wispernde Entspannung beginnt bei der Innenhand: Sie reibt sich die Handinnenfläche, ihre farbigen Kunstnägel werden sichtbar. Sie lenkt die Energie über die Schultern zum Nacken. «Stell dir vor, jemand massiert dich da. Spür das Kribbeln im Hinterkopf.»

Dieses Gefühl auslösen können auch leichte Berührungen im Kopfbereich, die Nähe und die grazilen Handbewegungen einer Person. Bestimmte Geräusche wie Rascheln oder wiederholtes Streichen über eine Oberfläche dienen ebenso als Trigger. Meist sind es Frauen, die nah an der Kamera ins Mikrofon hauchen. Letzteres ist so fein eingestellt, dass die feinsten Berührungen von Ober- und Unterlippe sowie Zunge hörbar werden. Das Video eines männlichen Seifenschnitzers gehört ebenso zur Sparte ASMR. 45 Minuten lang sind nur seine Hände zu sehen. Sie lassen das Papier knistern, sie raspeln, schleifen, hobeln – 10 Millionen Mal angeklickt!

45 Minuten lang mit einer Seife Geräusche erzeugen – auch das ist ASMR.

Gemäss Umfragen sind ASMR-Videos bei Frauen und Männern gleichermassen beliebt. Viele sind jung und schauen sich die Videos am späten Abend an. Selbst Technikbegeisterte und Gamer nutzen ASMR zur Entspannung, es gibt gar einen ASMR-Gamer-Kanal – und auch in die Werbung hat ASMR Eingang gefunden: Die Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken warb mit Flüstern und dem Biss ins knusprige Hähnchen, Ikea präsentierte kürzlich die neue Schlafzimmerkollektion mit ASMR-Videos.

Wissenschaftlich ist das Phänomen noch nicht umfassend erforscht. Einige Forscher vergleichen es mit Synästhesie, der Kopplung zweier oder mehrerer ­Bereiche der Wahrnehmung – etwa Farbe, Temperatur und Ton.

Die Reaktionen auf Cocos Videos sind meist positiv. Fans können dank ihnen besser einschlafen, sagen, Cocos Stimme sei Balsam für die Seele. Dass die Youtuberin bei manchen durchaus erotisierend wirkt, zeigen andere Kommentare.

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