Panzer und Granaten im Abendrot

Thomas Galler hat im Internet 13'000 Fotos von Soldaten aus Afghanistan und dem Irak gesammelt. Die Bilder zeigen: Wer in den Krieg zieht, verliert den Blick für das Schöne nicht.

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Es gibt einen globalen Konsens im Bezug auf Sonnenuntergänge. Er lautet: schön.

Es gibt einen globalen Konsens im Bezug auf Kriege: nicht schön.

Schwierig wird der Umgang mit Bildern von schönen Sonnenuntergängen, die in den hässlichen Konflikten in ­Afghanistan und vor allem in jenem im Irak entstanden sind. Das zeigt Thomas Galler in seinem neuen Buch. Er hat 2009 nach Sonnenuntergängen gesucht – und festgestellt, dass viele solche kitschige Bilder von westlichen Soldaten ins Netz gestellt wurden. Darauf hat der Zürcher Künstler begonnen, im Internet derartige Bilder zu sammeln. Er suchte weiter und weiter, entwickelte immer raffiniertere Suchmuster, die ihn weit über das Thema Sonnenuntergang in die fotografische Welt der US- und der britischen Soldaten eintauchen liessen.

Heute umfasst die Sammlung Gallers rund 13'000 Bilder. Manche davon sind perfekt arrangiert, andere sind unscharf. Sie zeigen den Krieg aus einer ­anderen Perspektive: meist ein bisschen von oben herab. Weil die Soldaten in einem Humvee oder in einem Panzer unterwegs sind. Oder von ihrer Stellung auf einem Hausdach aus fotografieren.

Seit zwei Jahren wächst Thomas Gallers Sammlung nicht mehr: So lange dauerte die Arbeit am Buch «Palm Trees, Sunsets, Turmoil», das soeben erschienen ist. Es entstand aus der gleichnamigen Sammlung mit dem Untertitel «Afghanistan and Iraq 2001–2016». «Ich suche nicht mehr weiter», sagt der 47-Jährige. Gemeinsam mit Verleger Georg ­Rutishauser und den Gestaltern Michiko Onozawa und Ben Brodmann hat er 945 Bilder ausgesucht. Er zeigt sie immer auf Doppelseiten, immer mit einem Gegenüber. Das, sagt Galler, sei die eigentliche künstlerische Arbeit gewesen: für jedes Bild das passende Gegenüber zu finden. Das sei nur im Dialog zu bewältigen, im Team, betont Galler.

Gefangen in der Bilderwelt

Aus dem Buch gibt es kaum ein Entrinnen – und das ist durchaus beabsichtigt. Die Fülle an Bildern lässt einen immer weiterblättern, man taucht in diese eigenwillige Bilderwelt ein. Und damit auch ein bisschen in die (Arbeits-)Welt der Soldaten. Die eben nicht nur mit Kriegen beschäftigt sind, sondern auch ihre Freizeit im Kriegsgebiet verbringen. Das hat etwas Verstörendes. Immer wieder wird der Betrachter irritiert. Weil da ein ausgebombter Panzer im Strassengraben oder auf der Strasse eine Leiche liegt. Weil da aber auch wunderschöne Stimmungen festgehalten sind – der Sonnenuntergang ist nur eines (und vielleicht das kitschigste) der ästhetischen Motive. Es gibt liebliche Wüstenbilder, schöne Trümmerfelder, fröhliche Gruppenbilder, liebevolle Kinderporträts.

Der grösste Fundus dieser Bilder ­findet sich auf Flickr.com; aktuell umfasst die Sammlung auf der Plattform mehr als 13 Milliarden Fotos. Flickr ging in seiner heutigen Form 2004 online – ungefähr seit dann gehört eine Kamera im Handy zur Grundausstattung. Das habe die Fotografie grundlegend verändert, sagt Thomas Galler: «Plötzlich konnten alle und immer Sachen fotografisch dokumentieren.»

Mit der Technologie hat sich auch der Blick auf Konflikte entwickelt. Ganz andere Akteure stellen Bildmaterial her und machen sie der ganzen Welt zugänglich. Die technologische Entwicklung lässt sich an Gallers Sammlung ablesen: Die Qualität der Bilder wird besser, die Bildmenge steigt.

Ein Buch aus 50 Heften

Wie wählt man aus dieser Bilderflut aus? Wie bestimmt man aus 13'000 Fotos «nur» 945 für das Buch? «Indem man die Bilder thematisch ordnet», sagt Galler, der alle Bilder in seiner Sammlung von Beginn weg verschlagwortete. Künstler, Verleger und Gestalter haben dann aus den thematischen Untersammlungen insgesamt 50 Heftchen zusammen­gestellt, jedes 32 Seiten dick. Themen, die sie zusammenhielten, waren etwa Sonnen­untergang, Palmen, Camouflagenetz, Sandsturm, Waffen. «Um die Begriffe herum haben wir Bildstrecken ­editiert», sagt Galler. Die einzelnen Heftchen wurden aneinandergereiht und nochmals mehr als 600 «vor allem schöne» Bilder aussortiert.

Das Buch «Palm Trees, Sunsets, Turmoil» zeichnet ein Stück weit ein Porträt eines Landes und eines Konflikts. Auch wenn das nicht die Absicht war. Dem Künstler ging es bei seiner Arbeit mehr darum, zu zeigen, was die Soldaten publiziert haben. «Sie stellten bewusst Fotos auf eine Plattform, von der sie wissen, dass sie viele besuchen», erklärt Galler. «Also wollen sie, dass viele Menschen ihre Bilder sehen. Millionen von Menschen auf der ganzen Welt.» Das Buch zeigt also nicht nur die beiden Konflikte aus der Sicht der Soldaten, sondern vor allem ein Bild des Konflikts, das die Soldaten zeichnen möchten.

Das Buch schliesst mit einer Bildstrecke von Sandstürmen in allen Farbnuancen. Einen Sandsturm lösen die Bilder auch im Kopf des Betrachters aus. Da geht es 945 Mal um Krieg, um Elend, ­Unrecht und Sonnenuntergänge – und man kriegt nicht genug davon. Das Buch schafft einen weiteren Konsens heraus, vielleicht ist es ebenfalls ein globaler, sicher ein irritierender: Krieg fasziniert.

Thomas Galler: Palm Trees, Sunsets, Turmoil. Afghanistan and Iraq 2001–2016. Edition Fink, Zürich, 2017; 960 Seiten, 945 Abbildungen, 48 Franken.

(Erstellt: 25.05.2017, 21:22 Uhr)

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