Dabei hätte es mit der Dachterrasse nicht so enden müssen

Warum schauen die anderen Dachterrassen im Kreis 4 neuerdings so aus wie eine Instagram-Kampagne des Magazins «Living Dreams», aber die eigene nicht?

Paradise Lost: Die Dachterrasse des Autors im Kreis 4. Bilder: Urs Jaudas

Paradise Lost: Die Dachterrasse des Autors im Kreis 4. Bilder: Urs Jaudas

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That the grass is always greener on the other side The neighbor’s got a new car that you want to drive And when time is running out you want to stay alive
Travis, Side

Es gibt wenig Symbolhafteres als einen Garten. Er steht für Fruchtbarkeit, Leben, den ewigen Kreislauf von Wachstum und Tod. In seiner anderen Form bedeutet er Zähmung der Natur, Kultiviertheit, Paradies. Und dieses entfaltet sich manchmal gleich gegenüber, auf der nachbarschaftlichen Dachterrasse.

Doch was sagt deren Wohlgepflegtheit über die eigene Dachterrasse aus? Mit ihren alten Töpfen voller alter Erde und dem wild verstreuten Granulat am Boden, dem Unkraut, das vielfältig und prächtig wächst, auch an Stellen, an denen man es nicht denken würde. Auch das ist symbolhaft: In der Bibel steht Unkraut für die Strafe Gottes am Sündenfall. Was aber sagt das alles schliesslich über die Besitzer dieser Dachterrasse aus? Man möchte es gar nicht so genau wissen. Der Spruch aber, dass in Nachbarsgarten das Gras immer grüner blüht, ist immer dann richtig, wenn der eigene Garten eine Staubwüste ist. Darüber denkt man selten nach. Ebenso wenig, dass Neid ganz normal ist, wenn das Paradies nur eine schmale Häuserschlucht entfernt liegt.

Nur eine Häuserschlucht entfernt: Das grüne Paradies der Nachbarn.

Wenn auf der Dachterrasse gegenüber Chrysanthemen und Buxuskugeln strotzen, während im Eigenheim die Natur immer mehr überhandnimmt. Wenn da drüben wieder gearbeitet wird mit Bohrmaschine und Schere, sobald die Sonne scheint, während man selber in einem Gartenstuhl sitzt, das Käppi zurechtrückt, über die Dächer schaut und sich Fragen stellt:

Wie war das schon wieder mit diesem Sündenfall? Was ist genau schiefgelaufen? Aber auch: Was ist denn das schon wieder für eine originelle Sonneninsel, die sich geschmeidig ins Lounge-Möbel-Ensemble einfügt? Was ist mit dem Farn, der fröhlich durch das Pergola-Dach wächst? Und was mit dem Bambus, der unermüdlich dem frühlingsblauen Himmel entgegenspriesst? Soll ich mir noch eine Zigarette anzünden?

Man lässt den Blick in die andere Richtung schwenken. Noch mehr Fragen: Woher kommen bloss diese neckischen Schwanköpfe, die aus dem Tulpenbeet lugen? Und was ist mit dieser Hollywoodschaukel? Sowieso: Warum schauen die Dächer im Kreis 4 neuerdings so aus wie eine Instagram-Kampagne des Magazins «Living Dreams»? Habe ich die Sonnencreme schon wieder verlegt?

Des Nachbars Kirschen

Immer klarer wurde in den letzten Jahren indes dies: Kein Des-Nachbars-Kirschen-sind-süsser-Syndrom kann so ausgeprägt sein, dass vorstellbar wäre, dass unsere Nachbarin dann und wann über ihren mit Wildreben bewachsenen Sichtschutz zu uns herüberschaut und seufzt: «Ach, hätte ich es doch nur so schön wie die da drüben!» Denkbar ist aber dieser innere Monolog: «Diese bröckelnden alten Töpfe, aus denen nichts ragt ausser verdorrte Stängel, an denen zudem unermüdlich Heerscharen von Ameisen hochklettern. Sie passen zu diesen Jungs wie Dünger zu nährstoffarmer Erde. Ich hoffe nur, da wächst nie etwas von denen zu mir herüber!»

Es wächst etwas: Die zahlreich niemals gepflanzten Gewächse.

Dabei: In einer gerechten Welt würde man diese Wunder der Natur, die bei uns auf dem Dach zu bestaunen sind, zu schätzen wissen. Das Moos auf dem Boden, die zahlreichen, niemals gepflanzten, aber trotzdem gedeihenden Gewächse mit Namen wie Gänsefuss, Hühnerhirse oder Geruchlose Kamille – die nicht zuletzt aus einem Loch eines unbenutzten Sacks Erde spriessen. Diese spannenden Symbole der Vergänglichkeit und der Verderbnis. Aber weil in der westlichen Welt zwar kein Unkraut wächst, dafür aber eine Gartenzubehörindustrie wild wuchert, und weil uns die Werbung ein besseres Leben verspricht, solange wir nur unsere Terrasse «feinfühlig» einrichten, so lange haben wir keine Chance! Leute wie wir sind auf verlorenem Posten, für immer aus dem Paradies verstossen. Und irgendwann transportieren Ameisen Grilladenreste über unsere leblosen Körper, während an der lauschigen Party im Nachbargarten der Jazz sanft dudelt.

Vorteil: Wildwuchs

Dabei hätte es nicht so kommen müssen. Einmal haben wir es mit Samenbeuteln aus der Migros und ein paar Säcken Erde versucht. Haben zahlreiche von unseren Vorgängern übernommenen Töpfe entsorgt, haben Erde aus den Töpfen in Säcke geschaufelt. Es gab sogar so was wie einen Bepflanzungsplan, überall zeugten kleine, hölzerne Schildchen in der Erde von unseren hehren Absichten. Darauf standen so schöne Worte wie Löwenmäulchen, Schmuckkörbchen Lichterspiel, Glockenrebe, Sonnenhut oder Himalajamohn. Doch irgendwas ging schief. Im Ansatz sprossen die Blumen zwar, aber bald setzten sich wieder die Unkräuter durch. Immerhin blühte am Schluss irgendwo eine Sonnenblume. Die Nachbarin muss gelacht haben, als auch diese einging. Seither leben wir wieder inmitten von Wildwuchs. Jäten uns manchmal durch diesen hindurch wie durch einen Dschungel.

Wir haben uns mit der Situation arrangiert. Mussten wir ja. Unser Bepflanzungskonzept heisst Schadensbegrenzung – manchmal auch Resignation. Hat ja auch seine Vorteile, so ein Wildwuchs, redet man sich ein. Man muss sich um fast nichts kümmern, und trotzdem wächst es. Wie ein Bart. Und wie dieser könnte auch unsere ungepflegte Dachterrasse wieder in Mode kommen. Wir brauchen nur noch ein paar Jahre nichts zu tun. Das sollte klappen. Vielleicht, so geht es einem in stillen Momenten durch den Kopf, müsste man sich auch einfach mehr Mühe geben. Man könnte zum Beispiel einmal richtig investieren. Etwa in einen Sichtschutz. Damit niemand unser Brachland sehen kann. Und uns die Paradiese auf den nachbarschaftlichen Dachterrassen verborgen bleiben.

Erstellt: 11.05.2018, 13:32 Uhr

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