Pilcherreise durch Zürich

Der Tod von Rosamunde Pilcher hat das Bellevue inspiriert. Wir haben Locationscouts losgeschickt – und einige pilchereske Plots geschrieben.

Uetliberg – dieser magische Ort hilft nicht nur Raimondi, 
ein Herzlein zu enteisen. Foto: Jost Fetzer

Uetliberg – dieser magische Ort hilft nicht nur Raimondi, ein Herzlein zu enteisen. Foto: Jost Fetzer

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1 – Pilcher am Flughafen

Früher hätte Rosamunde Pilcher «Vogelperspektive» geschrieben, heute schreibt sie, «als sei Fässler Pilot einer Drohne, der herabschaut und sich selber an der Bye-Bye-Bar sitzen sieht».

Fässler stellte sich manchmal vor, wie es wäre, Romanfigur Rosamunde Pilchers zu sein. Wenn er im Geheimen die Filme schaute. 145 Folgen Pilcher hat das ZDF bisher abgedreht, Fässler war bei 121 angelangt: «Ghostwriter». Wie passend für seine Situation. Jetzt stellte er sich das nicht mehr nur vor, jetzt war er diese Romanfigur.

Eben noch trank Fässler mit seiner Jacqueline diesen viel zu süssen Rosé-Champagner, jetzt flog sie schon mal vor. In Argentinien wollten sie sich wiedersehen (Episode 127: «Argentinischer Tango»), sie wird am Flughafen dort auf ihn warten. Fässlers Flug ging in zwei Stunden. «Wird später heute Abend, ­sorry», sah er sich als Romanfigur in sein Handy tippen. Der Fässler dort unten stand auf. Was hat er vor? Ah, er muss pissen. (bra)

2 – Pilcher zwischen den Hölzern

Anfang Mai kam der Frühling endlich nach Zürich. Vroni, ein junges Fräulein von sechsundzwanzig Jahren, hat schon viele Schattenseiten des Lebens kennen gelernt. Nun liegt sie im sonnengewärmten Gras des Freibads zwischen den Hölzern und lässt ihre Gedanken frühlingshaft wandern.

«Du hast sie sehr geliebt, nicht wahr?», holt sie eine raue Männerstimme in die Wirklichkeit zurück. Vor ihr steht Doktor Bergmüller, der Arzt, der ihre Mutter während deren Leukämie behandelt hat. «Ja», haucht Vroni und wischt sich ein paar Tränen weg. Die stahlblauen Augen des Doktors fixieren sie lieblich. Erst jetzt nimmt Vroni die starken Schultern des Doktors wahr, auf denen winzige Wassertropfen glitzern. «Ein Kaffee im Hölzli-Bistro?», fragt der Arzt und streckt ihr den Arm zum Aufstehen hin. Als Vroni auf seine Hand in ihrer blickt, spürt sie, dass dieser Frühling nicht nur in Zürich, sondern auch in ihrem Herzen einziehen wird. (saf)

3 – Pilcher auf dem Steinkluppen

Ich gebs gleich zu. Ich habe keine Ahnung von Rosamunde Pilcher. Ich weiss, dass es die Filme gibt. Ich weiss, dass es um Liebe geht. Ich meine beim Zappen schon gesehen zu haben, wie darin reiche Menschen in Range Rovers zu ihren Gestüten fahren.

Mit dem Range Rover haben wir schon elegant den Übergang geschafft, dieser Wagen gehört ja in den Fuhrpark eines jeden ordentlich bezahlten Fussballers. Und mit dem Fussballer sind wir auch schon beim rosamundigsten Sportplatz der Stadt Zürich angekommen, der Steinkluppe.

Das Idyll liegt versteckt zwischen Wohnhäusern beim Milchbuck, wer es nicht sucht, findet es auch nicht. Gerade das mag ein monumentaler Gegensatz zur Liebe sein, soll aber dieses Geschwurbel hier nicht bremsen. Auf der Steinkluppe ist schon manche Liebe zum Ball entstanden, etwa beim kleinen Blerim Dzemaili, dem später die Herzen der FCZler zuflogen. Auf den Bäumen rundherum legen sich bestimmt Herr und Frau Kohlmeise ins gemeinsame Nest. Und auf dem Rasen könnten nicht nur Fussballerbeine laufen, sondern auch Pferde weiden (wäre es kein Kunstrasen). Es gibt keinen Zweifel: Frau Pilcher hätte ihre grösste Freude gehabt an dieser Szenerie. (ukä)

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4 – Pilcher auf der Waid

Sie sind beide ausser Atem, aber er keucht mehr als sie. Sie weiss, dass es wegen der vielen Zigaretten ist, die er in letzter Zeit geraucht hat – ihretwegen. Aber sie mag sich keine Sorgen machen um ihn, nicht in diesem Moment. Sie sind nach Zürich gereist, damit es besser wird zwischen ihnen, weil alle der Stadt Romantik nachsagen. Sie waren auf dem Mühlesteg hinter dem Globusprovisorium, haben am Geländergitter ein Vorhängeschloss befestigt, sich umarmt und sich beide einen Schlüssel eingesteckt. Dann sind sie Hand in Hand flussabwärts die Limmat entlanggegangen. Lange hatten sie das nicht mehr getan, konnten nicht wegen allem, was passiert war.

Nun merkt sie wieder, wie gut ihre Hand in die seine passt. Er spürt seit langem wieder einmal Wärme. «Schön, oder?», sagt er. «Ja, sehr schön», sagt sie. Irgendwann zieht sie ihn durch die Häuserzeilen den Berg hinauf. Sie will, dass es aufwärtsgeht. «Lass uns alles, was war, hinter uns lassen», sagt sie. Er keucht.

Auf der Anhöhe oberhalb der Schrebergärten halten sie inne und setzen sich auf eine Sitzbank. Er ist erschöpft, schaut auf den Boden. Irgendwann sagt er: «Ich liebe dich.» Sie schaut ihn an und sagt: «Lass uns nach Zürich ziehen.» Dann keuchen sie wieder – vom Küssen. (ema)

5 – Pilcher am Escher-Wyss

Es war Anfang Februar, ein herrlicher, klarer Wintertag, leicht tanzten die Schneeflocken durch die Luft und legten sich über die betongraue Weite am Escher-Wyss-Platz, wo sich die Tram­linien verknoten und die Strasse zur Limmat hin schroff abfällt.

Froh gelaunt sass sie am Fenster im Tram, und es kam ihr vor, als hätte sie die vertraute Betonlandschaft noch nie so schön erlebt. Das Rauschen der LKW drang von der Brücke herunter und vermählte sich mit den ersten dumpfen Bässen des nahen Clubs zu einer vertrauten Melodie.

Behände stieg sie aus, immer noch ungläubig über das Glück, endlich wieder hier zu sein. Bei ihm. Mit ihm. Auf ihrem Handy leuchtete eine Nachricht auf. «Warte im Happy Beck auf dich. Habe ein Mozzarella-Gipfeli scharf bestellt.» Ihr Herz klopfte schneller. (thu)

6 – Pilcher an der Langstrasse

Die Morgenröte hat sich sanft über die Partymeile gelegt. Geschäftig hasten die Menschen zur Arbeit, der elegante Duft von frischem Rasierwasser und Rosenparfüm liegt in der Luft. Mitten im Getümmel: zwei Gestalten in Lumpen. Sie riechen nicht nach Rosen. Sind auch nicht auf Rosen gebettet. Aber sie haben sich. Fest halten sie sich an den Händen, als sie im morgendlichen Wirrwarr den 32er-Bus besteigen.

«Hast du die Kleinen?», fragt die dürre Frau und sieht ihren Mann an. «Ja, hab keine Sorge», sagt er und schaut zu seinen Füssen herab. Drei abgewetzte Pudel blicken verängstigt empor. Auch der Fleischkäse, den ihnen der Mann ­hinabreicht, duftet nicht nach Rosen. Wenigstens ist er rosa. (ahl)

7 – Pilcher im Sihlfeld

Catherine steht am offenen Grab im Sihlfeld A. Regen tropft von ihrem ­Schirm und von der Nase eines Engels.Es ist, als würde die Steinfigur mit ihr trauern.

James löst sich aus der kleinen Trauergemeinde und erfasst ihre Hand. «Mach dir keine Vorwürfe», sagt er, «niemand wusste, dass sie in Zürich war.» Sie spürt seinen Blick.

Konnte sie ihre Gefühle für ihn nun noch zulassen? Jetzt, da sie wusste, dass Roger, ihr Cousin dritten Grades, eine Affäre mit der Tochter des Schwagers ihrer Tante hatte – und der Enkel der Verstorbenen James’ Neffe ist, der im Dienste von Sir Collin stand? Dem Mann, der in jener verhängnisvollen Nacht im Muraltengut dabei war. Einzig Lady ­Julia wusste, was sich damals wirklich abspielte – und sie hat die Wahrheit mit ins Grab genommen.

«Es hätte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein können», sagt sie mit tränenerstickter Stimme zu James, «doch Liebe ist ein Reisender auf dem Fluss ohne Wiederkehr. Hasta la vista, Baby!»

Und sie entschwindet im 72er in eine ungewisse Zukunft, die irgendwo im Morgental beginnt. (tif)

8 – Pilcher im Seefeld

Unter dem Apfelbaum: Lukas, vor ­wenigen Wochen erst nach Zürich gezogen, jung, ambitioniert, Wiener Akzent, schneidiger Schnauz, berührt die Hand von Annika, der temporären Hofmitarbeiterin (jung, Tattoos, Brückenangebote für Jugendliche der Sozialen Einrichtungen der Stadt Zürich). Sie küssen sich.

Bebenden Herzens gehen die beiden den Fussweg zum Quartierhof auf der Anhöhe hoch (ein selbst verwalteter soziokultureller Begegnungsort im Besitz der Stadt Zürich am Burghölzlihügel). Die Abendsonne scheint golden in den Blühstreifen nach Direktzahlungsverordnung des BLW, angelegt von der Naturschutzgruppe. Annika streift mit ihrer Hand durchs hohe Gras. Meint er es ernst mit ihr? Immerhin hat er für seine Karriere bei der Zeitung seine Frau zurückgelassen. Sie hält inne, kaut am Lippenpiercing.

Beim Wollschweingehege: Lukas schaut zu Boden, ringt seine Zweifel nieder. Nutzt er Annika aus? Eber Ampère knabbert andächtig am Ohr von Sau Elektra. Lukas und Annika schauen zu. Dann lächeln sie sich an. Elektra grunzt. Maultier Mara lässt zur Linken ihr lachendes Wiehern hören. (lop)

9 – Pilcher am Uetliberg

Da standen sie nun, an diesem magischen Ort, der ihnen Beziehungstrainer Flitzer geschildert hatte. «Unterhalb des Fernsehturms auf dem Uetliberg, da, wo am Gratweg noch einige Ferienhäuser stehen, geht es sehr steil runter», sagte Flitzer. «Dort, wo der Döltschibach entspringt und ins Quartier Friesenberg runtermurmelt.» 10842 Franken hatte Raimondi in den letzten drei Monaten an Flitzer überwiesen. Um die «Blockade» zu lösen, die sein Wendely seit einem halben Jahr, eben, blockiert.

Wenn sie gemeinsam ihre Angst überwinden könnten, hatte sie gesagt, dann könnten sie alle Hindernisse des Lebens gemeinsam meistern. Bloss: Raimondi hatte keine Angst. Er stand da oben vor dem Powderhängli und dachte daran, endgültig abzuschwingen. Zum Glück hatte er am Morgen noch diese verspiegelte Skibrille gekauft: Wendely sah so seine Augenwinkel nicht zucken. Wie weit hätte es Raimondi bringen können, wenn ihn nicht dieses nervöse Zucken permanent beim Lügen entlarvt hätte?

Unten am Hang zuckte Raimondis Augenwinkel nicht mehr. Der Eisblock hatte Tränen in den Augen. Flitzer hatte recht: Das war kurz und heftig. Er spürte, wie in seiner Brust das Feuer der Liebe aufflammte. Blöd nur, dass er beim Öffnen von Wendelys Overall etwas ungestüm war – und den Lawinenairbag auslöste. (bra)

Erstellt: 09.02.2019, 12:02 Uhr

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