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Platz für Ideen

Der Güterbahnhof ist weg, weit weg ist auch der Baustart für das neue Polizei- und Justizzentrum. Fünf Vorschläge für eine Zwischennutzung des Areals.

So viel Freiraum regt die Fantasie an: Das Areal des ehemaligen Güterbahnhofs in Zürich. Foto: Reto Oeschger
So viel Freiraum regt die Fantasie an: Das Areal des ehemaligen Güterbahnhofs in Zürich. Foto: Reto Oeschger

Dort, wo dereinst das Polizei- und Justizzentrum (PJZ) zu stehen kommt, ist derzeit: nichts. Und dieses Nichts erhält in einer dicht bebauten Stadt den Namen «Brache». Diese Brache bleibt uns noch eine Weile erhalten – das stört Markus Knauss (und nicht nur ihn). Der grüne Gemeinderat ist ein Mann der Ideen: Er wünscht sich eine Zwischennutzung, «zum Beispiel für ein Public Viewing». Der Mann ist aber auch ein Mann der Politik: Sein Vorschlag ist mehrheitsfähig – und mehrheitsfähig steht synonym für langweilig.

Zehntausende Quadratmeter an bester Lage: Was wäre denn darauf noch möglich?

Ein MahnmalDas kostbare Gut der Leere

Mit jedem Jahr gibt es mehr Leute in ­Zürich, das Gedränge und die Häuser werden immer grösser. Wer ihn jetzt noch nicht hat, wird ihn bald spüren: den Dichtestress. Zürich hat genug Kinos, genug Beizen, genug Läden, genug Spass, aber etwas hat die Stadt nicht: Weite, Leere. Der See bietet Weite, doch nur platonisch, auf Distanz. Man müsste über Wasser gehen können, doch wenn das alle könnten, wäre der Zürichsee längst überbaut (aus diesem Grund ­mehren sich in letzter Zeit auch die Stimmen, die sich gegen eine Seegfrörni aussprechen).

Nur die riesige PJZ-Baustelle ist entgegen ihrem Namen noch nicht bebaut. Was dem Kanton als Bauherrn keine Auszeichnung für effizientes ­Planen einbringt, öffnet mitten in der Stadt die Möglichkeit, die Leere zu erleben. Die PJZ-Brache wird zwischen­genutzt als Leere-Park. Der Park ist ­umzäunt, drinnen ist nichts ausser Weite. Der Eintritt erfolgt einzeln für jeweils eine Stunde. Reservation wird empfohlen. Entsprechend der Exklusivität des Angebots ist der Eintrittspreis hoch. Aber er dient einer guten Sache: dem Fonds für die Selbsthilfegruppe Dichtestressopfer. (jr)

Ein VergnügungsparkDas Coney Island nach New Yorker Beispiel

Das Erste, was die Immigranten auf ihren Dampfern vor 100 Jahren von New York sahen, war nicht die Freiheits­statue. Der Scheinwerfer des 100-Meter-Turms im Vergnügungspark von Coney Island toppte alles, 50 Kilometer weit strahlte er aufs Meer hinaus. Wäre das nicht auch etwas für Zürich: so eine Coney-Island-mässige Amüsementfläche? Auf der PJZ-Brache könnte man sie auf begrenzte Zeit einrichten und dabei das gute alte Amerika zitieren: Hotdog-Stände, ein künstliches Venedig mit Gondelfahrten für alle, Riesenräder, Geister- und Achterbahnen. Auf Coney Island gab es das alles und dazu täglich neu inszenierte Hausbrände, bei denen Artisten aus den Fenstern in die Feuerwehrnetze hechteten. Am 4. Juli 1947 erreichte die Besucherzahl den höchsten Wert: 1,3 Millionen Menschen. In Zürich darf es auch nur ein Zehntel sein. Aber jedenfalls ist die Brache durch den nahen S-Bahnhof Hardbrücke toll erschlossen für ein Coney Island auf Zeit. (tow)

Eine TribüneFür Technikbegeisterte mit Tagesfreizeit

Dieses Projekt kommt gleich zwei gesellschaftlichen Randgruppen zugute: den Zug- und den Baustellenbeobachtern. Durch eine Terrasse erhalten diese zwar breit abgestützten, aber politisch kaum berücksichtigten Bewegungen eine Home­base. Dafür müssen Bagger erst mal das ganze Areal planieren – was die erste Gruppe bereits anlockt. Hinweistafeln direkt beim Gleisfeld dürften die zweite Gruppe begeistern: mit Angaben zu Zugtypen und -kompositionen, Gewicht, Alter, Kaufpreis und zurückgelegten Kilometern der jeweiligen Schienenfahrzeuge. Gleich daneben finden sich an grossen Tafeln aufgeführt die Modelle der Baugeräte und deren Einsatzgebiete. Kurz: Was hier entsteht, ist ein Eldorado für Technikbegeisterte mit Tagesfreizeit. Im zugehörigen Bistro Feldstecher dürfen sich die beiden Gruppen bei ausschweifenden technischen Diskussionen näherkommen. Eine Grossleinwand zeigt in bunten Farben die mannigfaltigen Bewegungen auf dem Gleisfeld, womit auch die Sache mit dem Public Viewing sinnvoll untergebracht wäre. (dsa)

Ein GolfplatzWir Golfer werden schon heute vermisst – doch, doch

Wir Golfer sind die Städter unter den Sportlern. Wir sind Snobs, Eigenbrötler und Egoisten – deshalb wollen wir die Brache nur uns und nicht der Allgemeinheit zugänglich machen. Und wir sind Ignoranten: Was um uns herum geschieht, das nehmen wir allenfalls dann wahr, wenn wir unseren Ball verlieren (und darob die Contenance): Schöne Autobahnbrücke! Spektakuläre Eisenbahnbrücke! Gute Architektur, dieser Prime Tower! Und das SBB-Gebäude erst! In diesen Situationen denken wir Golfer mit Ausrufezeichen an Schönes und Gutes, schliesslich befinden wir uns in emotional aufgeladenem Zustand, versuchen krampfhaft, einen misslungenen Schlag zu vergessen oder zumindest zu verdrängen.

Der schöne Ball, selbes Modell wie Tiger Woods – futsch! –, der schöne Abschlag, lang und gerade wie selten – für nichts! In diesen Momenten möchten wir Golfer schnellstmöglich nach Hause. Kein Problem, liegt das Zuhause doch gerade um die Ecke: der Vorteil der Zentrumslage (von Golfplatz und Wohnung). Wir Golfer sind Snobs, Eigenbrötler, Egoisten und Ignoranten. Sind wir erst einmal weg (nach Hause oder nach der Zwischennutzung), fehlen wir dennoch – so manch ein Polizist und Richter wird sich dereinst die eleganten «Schläger» vom Golfclub Chräis 4 zurückwünschen. Doch, doch. (bra)

Ein TheaterspektakelWasserwerfer, Henker – und Karl’s kühne Brachenschau!

Eine politisch heikle, auf Monate hinaus «freie» Industriebrache? Nein, eine perfektere «Spielwiese» für Karl’s kühne Gassenschau ist schlicht nicht denkbar! Umso mehr, als das Thema «Polizei und Justiz» für die Ausgestaltung der Inszenierung ein gefundenes (Fest-)Fressen darstellt: Vor dem inneren Auge sieht man schon Polizeihelikopter auf der Jagd nach einer Kreis-4-Drogenbande im akrobatischen Tiefflug über die Zuschauertribüne rasen, nebenan eine Armada aus Wasserwerfern, die eine wütende 1.-Mai-Nachdemo zu stoppen versucht, all das angesiedelt im futuristischen «Blade Runner»-Dekor. Wow! Und die Justiz? Ah, genau, die könnte man als Anachronismus abbilden, durch eine gigantische Guillotine. Oder, noch verwegener: einen Henker à la «Game of Thrones», gespielt von Markus Notter (sein mimisches Talent hat der Ex-Justizdirektor 2014 im Theater Rigiblick ja eindrücklich bewiesen).

Um dem martialischen Spektakel dann noch ein wenig Heimatgroove zu verleihen, betitelt man das Stück einfach als «Polizischt Wäckerli reloaded». Das ist beste Action für Klein und Gross, mitten in der City, jede Vorstellung ausverkauft (was auch die Stadtkasse freut), kurz: eine Win-win-win-win-Situation! Einziger Haken: Auf der Website von Karl’s kühne Gassenschau steht was von einem neuen Programm ab Juni 2016 in Winterthur. Aber hey, wer spielt freiwillig in der Provinz, wenn er quasi eine Weltbühne zur Verfügung gestellt bekommt? (thw)

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