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Plötzlich sein eigener Tätowierer

Sich mit Nadel und Tinte selber zu stechen, liegt gerade im Trend. Weshalb macht man das? Die Suche nach Antworten führt an die ZHDK.

Punkt für Punkt: Die «Stächerinne» tätowieren ohne Maschine – geübt haben sie auf ihrer eigenen Haut. Video: Reto Oeschger

Jeanne-Vera Bourguignon sticht sich selber Tinte unter die Haut. Beim ersten Mal tat sie dies zwischen Zeige- und Mittelfinger der linken Hand. Ein Fischskelett hätte es werden sollen. Doch die Gräten sind heute kaum erkennbar, die Tinte ist verlaufen. «Weil ich keine Ahnung hatte, sieht es nun so aus, wie es aussieht», sagt sie. Sie bereut den schwarzen Klecks nicht. Die Platzierung empfehle sich einfach nicht. «Aber ich war noch etwas jünger und etwas ungeduldig.»

Was Bourguignon macht, nennt sich Do-it-yourself-Tattoos. Es ist ein Trend, der sich seit einiger Zeit auch in Zürich ausbreitet: Tattoos in ihrer simpelsten Art, zu Hause oder auf der Party gestochen. Mit im Internet gekauften Maschinen. Oder noch rudimentärer, so, wie es Jeanne-Vera Bourguignon macht: mit einer langen Nadel, Stich für Stich für Stich, Punkt für Punkt für Punkt. Stick-and-Poke oder Hand-Poke nennt sich die Methode.

Bourguignon ist 26 Jahre jung, braune Haare, dunkle Augen, goldener Nasenring, schwarze Tattoos. Sie sitzt im Café Lang – «weil man dort ja immer so Business macht». An der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) studiert sie Trends & Identity. Mit 21 hat sie mit den Tattoos begonnen. Sie wollte eins, hatte aber keine Lust, Hunderte Franken auszugeben. «Ich hatte da einen Kollegen, der Hand-Poke-Tattoos gestochen hat», sagt sie. Sie war fasziniert, bat ihn, ihr eins zu verpassen. «Er stach es mir hierhin», sagt sie und deutet auf ihren Solarplexus. «Ich konnte ihm genau zuschauen.» Die Frage nach dem Schmerz ist obsolet: Eine Nadel sticht Tinte unter die Haut.

«Dieses Zusammenspiel muss man fühlen. Beschreiben kann ich das nicht.»

Jeanne-Vera Bourguignon, ZHDK-Studentin

Der Kollege schenkte ihr eine Nadel. Sofort folgte Bourguignons erster Versuch: das Fischskelett. Es missriet, aber sie war dennoch angefixt. Sie übte weiter, an sich und ihren Freundinnen. «Ich stach uns ein Gang-Tattoo, drei Buchstaben FAK.» Zuerst an sich selbst, mit Tusche, weil sie keine Tattoo-Farbe hatte. «Das sieht jetzt etwas gefängnismässig aus, weil es verlaufen ist.» Der Lernprozess setzte ein. Wie verhält sich die Nadel, die Tinte, die Haut? «Dieses Zusammenspiel muss man fühlen. Beschreiben kann ich das nicht.»

Ein Tetra-Pak, ein simpler Satz

Während des vergangenen Sommers zeigte sich auf Zürichs Strassen: Der Tattoo-Hype hat sich noch einmal beschleunigt. Schnörkellose, grossflächige Werke überall, Mandalas, Eulen, Kois, Blumen und ein paar letzte «Arschgeweihe». Aber: Aus der Masse von professionell gestochenen Tattoos stechen immer wieder kleine Sujets heraus, teilweise kaum grösser als ein 20-Rappen-Stück. Motive, die an Zeichnungen im Schulheft erinnern, die nicht perfekt sind, eher comicartige Kritzeleien. Ein Milch-Tetra-Pak, ein Velo, der Satz: «Too many tabs open.»

Sticht sich selber Tinte unter die Haut: Die heute 26-jährige Jeanne-Vera Bourguignon.
Sticht sich selber Tinte unter die Haut: Die heute 26-jährige Jeanne-Vera Bourguignon.
Reto Oeschger
Das erste selbstgestochene Tattoo: Mit einem missratenen Fischskelett zwischen Zeige- und Mittelfinger auf der linken Hand hat bei ihr alles begonnen.
Das erste selbstgestochene Tattoo: Mit einem missratenen Fischskelett zwischen Zeige- und Mittelfinger auf der linken Hand hat bei ihr alles begonnen.
Reto Oeschger
Oftmals sind es kleine, comicartige Sujets.
Oftmals sind es kleine, comicartige Sujets.
Reto Oeschger
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Joel Tweitmann widmete sich in seiner Bachelorarbeit dem Phänomen Do-it-yourself-Tattoo. Er studiert ebenfalls an der Zürcher Hochschule der Künste. Laien-Tattoos waren bereits im 20. Jahrhundert ein fester Bestandteil der Kultur, schreibt er in seiner Arbeit. Meist symbolisierten sie Zugehörigkeit, sollten ihren Träger abgrenzen oder Geschichten erzählen. Matrosen sammelten sie als Souvenirs. Häftlinge verpassten sich gegenseitig Motive. In Russland zeichneten zum Beispiel Sterne auf den Schultern hochrangige Berufsverbrecher aus. Die Tattoos stachen sie sich mit rudimentären Werkzeugen, als Farbe diente offenbar eine Mischung aus verbranntem Gummi und Urin. In der Rockerszene der 70er-Jahre stachen sich junge Mitglieder in den USA mit einer Nadel selber. «Der Einstich war oftmals zu tief», schreibt Tweitmann in seiner Arbeit, «es entstanden grobe und ungenaue Tattoos.»

Die Frage, die sich der Student stellte: Was bewegt Schweizer dazu, sich Laien-Tätowierungen stechen zu lassen und dafür Imperfektionen und Hygienerisiken auf sich zu nehmen? Welchen «Mehrwert» bringt diese Art Tätowierung? Seine Antwort: «Bei der Selbststechung fliesst der Vorgang der Stechung als besondere Erinnerung in den Bedeutungswert der Tätowierung ein.»

Diesen Schluss legen Gespräche mit Personen nahe, die sich solche Tattoos gestochen haben oder stechen liessen: So berichtet etwa Sebastian in Tweitmanns Arbeit von einem alkoholgeschwängerten Abend nach dem WK in der Armee, der mit einer tätowierten Giftflasche auf dem Oberschenkel sowie einem «fuck army» auf der Pobacke endete. Die Giftflasche stimme ihn heute noch nostalgisch. Sie trage ihn zurück in eine Zeit, in der alles so egal und aus der Hüfte geschossen erschien. Etwas anders sieht Sebastian das «fuck army»-Tattoo. Er dachte schon darüber nach, es sich entfernen zu lassen.

«Es ist punky, Trotz und Rebellion!»

«Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben»: Bourguignon zählt die Tattoos durch, die sie sich selber gestochen hat. Sie zeigt dabei auf diverse Körperstellen. Das brennende «Love» auf dem rechten Arm schmerzte am meisten. Das hat sie sich allerdings nicht selber gestochen. Es war eine Freundin, die an ihr übte. Mit ihr und einer weiteren Freundin hat sie das Kollektiv «Stächerinne» gegründet. Plötzlich seien fremde Personen auf sie zugekommen und hätten sie gefragt, ob sie ihnen ein Tattoo stechen würde. «Ich fand das toll. Machte es für eine Flasche Wein oder irgendeine Herzenssache.»

Bourguignon tätowiert heute hauptsächlich andere Leute zusammen mit ihrem Kollektiv – an Partys, an Vernissagen, im Freien. Steril zu arbeiten, sei keine Hexerei, sagt sie. Steche sie andere Personen, sei sie weniger eingeschränkt und könne mit der Nase bis fast zur Haut hingehen, so wie früher beim Papier, als sie noch wissenschaftliches Zeichnen studierte, was ihr vor einigen Jahren allerdings verleidete.

Bourguignon hat keine allumfassende Erklärung für das Phänomen der Laien-Tattoos, aber eine ganz dezidierte für sich selbst. «Es ist punky, Trotz und Rebellion!» Für sie bedeutet es aber noch mehr. Sie hat darin die Geduld, die Ruhe und die Motivation gefunden, die ihr beim Zeichnen auf dem Papier entglitten ist. Und an diese persönliche Entwicklung erinnert sie noch heute ein verschwommenes Fischskelett auf der linken Hand.

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