Prost Parmelin!

Heute macht das Bellevue einen Abstecher zu Bundesrat Parmelin nach Bursins und trinkt ein, zwei Gläser Weissen. Das Waadtländer Dorf ist ein kleines Königreich.

Bursins: Ein Paradies inmitten von Rebbergen. Bild: Olivier Vogelsang

Bursins: Ein Paradies inmitten von Rebbergen. Bild: Olivier Vogelsang

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Erst gerade angekommen und schon ­angesäuselt. Die ganze Fahrt von der Autobahnausfahrt Rolle habe ich aus dem Fenster auf diese Rebreihen geschaut, gut vier Kilometer Überland, bei Tempo 80 – das fühlt sich jetzt an wie nach dem ersten Halbeli Weissen.

Also gut. Angekommen.

In der Waadt, in Bursins, mitten in den Weinbergen und damit beim Thema dieses Besuchs: Weisswein. Das ist doch auch wieder so ein Klischee der Schweiz, sicher aber der Westschweiz. Sogar der Sanitär am Dorfeingang hat am Logo die Wassertropfen so angeordnet, dass sie auf einer Weinetikette als Traubendolde durchgehen würden.

Bursins ist ein kleines Königreich. Der König heisst Philippe Parmelin. Parmelin wie der Bundesrat, wie der Flugpionier und wie so viele in diesem Waadtländer Dörfchen. Er ist Winzer (wie es der Bundesrat war) und Syndic des Ortes, seine offizielle Anschrift lautet: Place du Soleil 1. Der Regentensitz wird sich später als heisser Dachstock eines Hotels herausstellen, der Regent selber als abwesend.

Place du Soleil 1, die Sonne knallt, und die Bursiner, die Bursinois, les Cacadraches, wie man sie in der Umgebung nennt, haben sich verzogen. Einige ­Portugiesen bauen im Auftrag einer Madame Parmelin an einem Haus. Sonst ist hier das meiste schön, manches ­kitschig, vieles sogar perfekt, aber fast alles leblos.

Die Ruhe in Bursins wird höchstens durch ein Traktörli gestört, das ein bisschen Chemie zwischen die Reben bläst. Bild: Olivier Vogelsang

Die Fensterläden der Häuser sind grün-weiss in den Waadtländer Kantonsfarben gestrichen, aus den Brunnen der Gemeinde sprudelt das vielleicht klarste Wasser der Schweiz, es würde einen zumindest nicht erstaunen.

An einem Baugerüst hängt eine ­Girlande mit ausgebleichten Schweiz-Wimpeln. Als wären die Arbeiten just am 1. August des vergangenen Jahres ­eingestellt worden. Der Fotograf sagt: «Kein Wunder stimmen die hier anders als wir in der Stadt. Wenn man hier ist, will man doch vor allem eines: dass sich nichts ändert.»

Das Schloss, Ustinovs Grab, und käsige Malakoffs

Im Restaurant l’Union mitten im historischen Dorfkern deckt die Serviertochter gerade die Tische auf der Terrasse. Grosse Leere hier, die Sonnenschirme sind noch nicht aufgespannt, der Teich in der Mitte der Terrasse ist trockengelegt. Man erwartet Gäste auf den Mittag, Reservationen gibt es zwar keine, aber man ist zuversichtlich, dass der Hunger die Bursinois aus dem Schatten treibt. Was muss man gesehen haben in Bursins? Die Serviertochter schaut mit grossen Augen, ruft nach der Chefin. Yasmine Daglia weiss auch nicht recht. Das Schloss oben sicher. Sir Peter Ustinovs Grab unten.

Wichtig scheint ihr vor allem, dass wir zum Mittagessen zu ihnen zurückkehren. Die Spezialität des Hauses: Malakoff. Ein Käsetoast, könnte man rudimentär sagen. Im l’Union ist das ein luftiges Soufflé auf einer dünnen Scheibe Brot. «Muss man probieren», sagt Daglia, «il faut pas mourir idiot!»

Die Malakoffs sind so gut, dass die Küchenbrigade vom l’Union sie auf Einladung von Bundesrat Guy Parmelin auf dem Landsitz Lohn BE für dessen ­Gäste zubereitete. Und dass sich der Verteidigungsminister regelmässig bei Daglias, vierte Generation im Betrieb, zum ­Essen anmeldet. Und zwar das nächste Mal ­bereits wieder am kommenden Wochenende, wie die Chefin stolz erklärt.

Überhaupt, die Prominenz, sagt Yasmine Daglia. Neben dem Schauspieler und Autor Ustinov würden Musiker Phil Collins oder der ehemalige französische Fussballer Frank Lebœuf den ruhigen Ort schätzen, Marie-Thérèse Porchet auch, die Kunstfigur des Genfer Komikers Joseph Gorgoni. Ihre Unterschriften hängen drinnen an der Wand. Guy Parmelin habe sie ja bereits erwähnt, oder?

Zu erwähnen wäre noch Agénor Parmelin, der Überflieger, nach dem unten im Dorf eine Strasse benannt ist. Dem Piloten mit Schnauz gelang am 11. Februar 1914 der erste Überflug des Montblanc. Unweit liegt Sir Peter Ustinov auf dem kleinen Friedhof. Das grösste Grab, ein Wieslein davor, eine Sitzbank dahinter. Von der Bank aus sieht man zwei Fleckchen See, ein bisschen Autobahn und einige Baukräne. Die Autobahn Lausanne–Genf gehört ebenfalls zu Bursins. Inklusive Raststätte. Wer ein Restaurant googelt, weil das Soleil am Montag Ruhetag hat, findet an fünfter Stelle den Burger King.

Whopper und Weisswein? Das passt nicht.

Der «Petit blanc Suisse» und die Vorurteile

Philippe Parmelin, den parteilosen Syndic, erreichen wir später am Telefon. Ach, in Bursins sei das Leben noch in Ordnung, sagt er. Die Leute würden sich kennen und einander helfen, das Dorfleben funktioniere bestens. Alles entspannt. Kein Wunder: Hier teilen sich 228 Einwohner einen Quadratkilometer. Dichtestress wie in der Stadt Zürich (4580 pro km2) kennt man hier höchstens in den Reben.

Da lichten sie gerade die Reihen, schneiden Blätter raus und überzählige Dolden. Auf dreirädrigen Hockern rollen sie Rebe für Rebe den Hang runter. Der Chef trägt Moccasins, es ist Guy (wie der Bundesrat!) Rolaz. Die eine Hälfte seiner Reben steht in Bursins, die andere im Nachbardorf Gilly. Rolaz hält Männer mit Notizheften generell für Arbeitskontrolleure, auch wenn diese erst vor einer Woche hier waren. Alles in Ordnung, versichert er.

Später bei einem Glas Wein in seinem Keller in Gilly erzählt Guy Rolaz vom Weisswein. Das Klischee sei eigentlich ein Vorurteil: dass man einen Schweizer Weisswein, «le petit blanc Suisse», jung trinken müsse, dass er billig sein müsse. Beides sei Blödsinn!

Vorurteil billig: Wie viel Arbeit doch in einem Wein steckt! Handarbeit, und die kostet. Auch wenn in den Reben ­Saisonniers aus Portugal und Ungarn chrampfen. Auch wenn die Reihen heute 180 statt nur 110 Zentimeter auseinanderstehen, damit die Maschinen durchpassen.

Vorurteil Alter: Neulich habe er zusammen mit einem Kunden einen 1947er Chasselas geöffnet. «Eine Offenbarung. Aber im Restaurant müssen sie schauen, wie sie einen 2016er an den Gast bringen.» Immerhin, es bessert. Der Schweizer suche wieder nach einheimischen Produkten, nach Authentizität, «das hilft».

Geld scheint kein Problem, alles ist gepützelt und renoviert

Der Wein ist im Dorf überall präsent. Noch das kleinste Stücklein Land zwischen den Häusern: Reben. Die Weinbauern hier sollten aber nicht auf Wein reduziert werden, findet Philippe Parmelin. Sie würden auch viel zur Pflege der typischen Landschaft beitragen. Das lässt sich in Bursins fast perfekt betrachten. Wären da bloss die Villen oben am Hang nicht. Sie stehen mitten in den Reben, rausgepützelt, grosse Gittertore, Kameras. Das wurde in den 70er-Jahren eingezont, die Gemeinde brauchte Geld. «Leider», sagt Philippe Parmelin.

Heute scheint vom Geld genug vorhanden. Wenn man von oben über die Dachlandschaft des Ortes schaut – alles neu, alles feinsäuberlich renoviert, das kostet. «Reich, nun ...», wiegelt Parmelin ab, «... reich an Geschichte und kulturellem Erbe, sicher.» Reich an Erbe, reiche Erben. Typisch Schweiz.

Im l’Union trinken die Gäste nach dem Mittagessen aus. Auf jedem Tisch steht eine Flasche. Wer sich an die Empfehlung der Chefin hält: Malakoff!, der verträgt auch ein Glas oder zwei mehr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 22:25 Uhr

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