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Pumpen vor Publikum

Outdoorsportler trimmen sich auf dem Wengihof. Sie helfen sich gegenseitig mit Wissen und Fitness-Apps. Die grösste Herausforderung: die Muscle-ups.

Auf dem Wengihof trainieren kundige Sportler. Die meisten kennen die Übungen von Fitness-Apps. Foto: Thomas Egli
Auf dem Wengihof trainieren kundige Sportler. Die meisten kennen die Übungen von Fitness-Apps. Foto: Thomas Egli

Keine Umkleide. Keine Réception. Keine Duschen. Keine gekühlten Getränke. Und keine Papierservietten, um den Schweiss von den Geräten zu wischen. Auf der Outdoor-Trainingsanlage Wengihof unweit der Langstrasse ist der Komfort des Fitnesscenters fern – es gibt nur eine schöne Anzahl nackter Metallstangen, in alle Richtungen angeordnet und zur eigenen Interpretation des Krafttrainings geeignet.

Street-Workout heisst, dass alle kommen können. Foto: Reto Oeschger
Street-Workout heisst, dass alle kommen können. Foto: Reto Oeschger

Hier braucht der Sportler eine gewisse Kreativität oder zumindest Trainingswissen, um sich zu ertüchtigen. Der vielleicht bemerkenswerteste Unterschied: Wo im Fitnesscenter mal aus dem Augenwinkel der Sportkollege am Gerät nebenan beobachtet wird, der bei jeder Wiederholung laute Töne von sich gibt, ist hier Beobachten nicht nur erlaubt, sondern – so macht es den Anschein – fast schon erwünscht. Auch der Besucher, der das Treiben eine Stunde lang auf der Parkbank sitzend verfolgt, wird geduldet. Kein «Was luegsch?!». Zumindest nicht an diesem warmen Juliabend.

Ein paar Stangen genügen

Die Sportler treffen einzeln auf dem Wengihof ein, absolvieren ihre Übungen, gerne oben ohne, dann gehen sie wieder, nass geschwitzt. In den Pausen beobachten sie die anderen, manchmal gibt es einen Tipp für eine Übung. Es ist ein wissender Zirkel, der hier trainiert.

Der Klimmzug, ein Klassiker der Reckstange. Foto: Reto Oeschger
Der Klimmzug, ein Klassiker der Reckstange. Foto: Reto Oeschger

Julius (30) hat sich sein Wissen mit Training-Apps erarbeitet. Es gibt unzählige, die sich mit Krafttraining beschäftigen, für die nur das eigene Körpergewicht nötig ist – und manchmal eben ein paar Stangen. «Ich bike viel und spiele Fussball. Hier trainiere ich, um diese Sportarten gut ausüben zu können», sagt er. Manchmal bringt Julius auch sein TRX-Set mit, den Schlingentrainer, den er an einer Stange festmacht, um daran seine Übungen zu absolvieren. Und natürlich noch: ein paar Klimmzüge. Es ist die klassischste Kraftübung neben dem Liegestütz – und an den Querstangen im Wengihof der Dauerbrenner. «Ich versuche jedes Mal, einen mehr zu machen. Nun bin ich bei neun», sagt Julius.

Beobachten ist nicht nur erlaubt, sondern fast schon erwünscht. Foto: Reto Oeschger
Beobachten ist nicht nur erlaubt, sondern fast schon erwünscht. Foto: Reto Oeschger

Für den Besucher eine beeindruckende Zahl. Doch nichts im Vergleich zu dem, was Andrin (29) macht. Er zieht sich an der Querstange in einer Leichtigkeit hoch und runter, als ob die Schwerkraft bei ihm nicht wirken würde. Dann tänzelt er auch noch im Handstand hin und her, als sei es ein Kinderspiel. «Mein Training hier ist ziemlich Freestyle, ich mache, worauf ich gerade Lust habe», sagt er. Bis zu viermal in der Woche kommt er vorbei, auf dem Heimweg. Auch er hält sich an eine Work-out-App. An die Stange geht er aber nur für Klimmzüge.

Manche trainieren ohne Geräte. Foto: Reto Oeschger
Manche trainieren ohne Geräte. Foto: Reto Oeschger

Mit einem Freund hat Andrin eine Challenge am Laufen: Wer schafft bis Ende Jahr mehr Muscle-ups? So heisst die Klimmzugvariante für Fortgeschrittene, bei der die Wiederholung nicht beim Kinn über der Stange fertig ist, sondern sich der Sportler von da weiter hochdrückt, bis die Stange auf Hüfthöhe ist. Andrin schafft mittlerweile drei Wiederholungen, was viel darüber sagt, wie anspruchsvoll der Muscle-up ist. Zehn sollen es bis Ende Jahr werden. Da muss also noch etwas gehen – Andrin nimmt sich deswegen vor, ­regelmässig beim Wengihof vorbeizuschauen.

Andere helfen mit Springseilen nach. Foto: Reto Oeschger
Andere helfen mit Springseilen nach. Foto: Reto Oeschger

Das tut Amauri nicht nur für die Outdoor-Work-outs – er besucht die Schule nebenan. Jetzt ist er mit Freunden hier, sie üben sich in verschiedenen Liegestützvarianten. Mit Klatschen beim Hochkommen, mit Daumen und Zeigefinger ein Rechteck bildend, mit den Händen versetzt. Anstrengend sehen sie alle aus. Amauri leitet seine beiden Freunde an, natürlich machen sie am Schluss auch Klimmzüge. Sie treffen sich hier, weil die Atmosphäre kollegialer ist als im Fitnesscenter – das sie aber auch mehrmals in der Woche aufsuchen. «Wegen der Maschinen.»

«Keine Yogibären»

Auf diese können Darina und Eveline gut verzichten. Die Arbeitskolleginnen springseilen in atemberaubendem Tempo, ehe sie eine lange Serie von Burpees durchziehen, diese fiese Übung, die einen Liegestütz mit einem Sprung aus dem Stand kombiniert. Sie trainieren hier nach der Arbeit oder über Mittag. Die beiden haben ebenfalls ein Klimmzug-Ziel: «Die breiten wollen wir schaffen, bei denen die Hände weit auseinander sind.»

Für die Übungen brauchts vor allem eins: Rohe Kraft. Foto: Reto Oeschger
Für die Übungen brauchts vor allem eins: Rohe Kraft. Foto: Reto Oeschger

Das Training draussen schätzt Nico, er wechselt zwischen verschiedenen Outdoor-Work-out-Stationen ab, trainiert mal im Wengihof, mal auf dem Hönggerberg oder auf dem Irchel. «Hier triffst du dein Publikum, das dieselben Ziele verfolgt. Nicht irgendwelche Yogibären», sagt der 27-Jährige. Auch er mag den Muscle-up am liebsten, diskutiert mit Andrin über die korrekte Ausführung. Gibt aber zu bedenken: «Den will jeder Anfänger können. Aber aufgepasst: Er kann auf die Gelenke gehen.» Er massiert seine Schulter. Dann fragt er: «Wars das?» Er möchte weitertrainieren.

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