Wir wichteln Zürich

Was schenkt man jemandem, der alles hat? Diese Frage haben wir Zürich und seinen Protagonisten gestellt.

Wichteln in Zürich: Was würden die Protagonisten der Stadt einander schenken? Foto: Getty Images, iStockphoto

Wichteln in Zürich: Was würden die Protagonisten der Stadt einander schenken? Foto: Getty Images, iStockphoto

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer heute noch nicht in Weihnachtsstimmung ist, hat (wohl grippebedingt) den letzten Sonntagsverkauf verpasst. Oder sich vom Geschenkewahnsinn losgesagt. Oder die Mittelvariante gewählt, die sich in immer mehr Familien grosser Beliebtheit erfreut: Wichteln, das. Die Definition im Duden (der wäre doch ein Weihnachtsgeschenk!): (in der Vorweihnachtszeit) innerhalb einer Gruppe kleine Geschenke, die von den teilnehmenden Personen bereitgestellt werden, nach einem bestimmten System unter ebendiesen Personen verteilen.

Das bestimmte System. Wir vom Bellevue beginnen mit einem kleinen Geschenklein. Die von uns beschenkte Person beschenkt eine andere, und so weiter. Wer wen beschenkt, bestimmt das Los, der Zufall. Der Zufall sind wir!

Im System gibt es Regeln. Sie besagen zum Beispiel, wie viel ein Geschenk kosten darf. Bei den Geschenken in unserem Schenkkreis geht es mehr um die Geste als um das Materielle.

Rosen? Immer, meint Vujo

Der viel beklagten und manchmal auch geschundenen Europaallee, dieser lang gezogenen Ödnis an einer der zentralsten Stellen der Stadt, schenken wir 21 Gramm: So wenig soll die Seele wiegen. So schwer wiegt das Defizit des Einkaufskomplexes. Das Geschenk ist ein Friedensangebot im Namen der Stadt, das dieses «Quartier voll Zürich», wie die Europaallee sich selbst bezeichnet, mit dem Zürich rundherum versöhnt. Die Europaallee ihrerseits verdankt es mit der Laufkundschaft, die sie via Google zu Vujo und seinem Zwillingsbruder in deren Bar Twins schickt. Man hilft, wo man kann. Wir hätten ja den Duden vorgeschlagen (siehe oben), aber dieser Eingriff verstösst gegen das «bestimmte System» (siehe ebenfalls oben).

Vujo bleibt Vujo und schenkt Liebe. In Form von roten Rosen – die gehen schliesslich immer. Meint er. Und in Form eines Sonnenuntergangs. Weil: «Ich habe mir jetzt noch etwas Romantisches einfallen lassen – und zwar einen superschönen Sonnenuntergang.» Das sagte er einst am Fernsehen, und was Vujo einmal sagte, das gilt. Forever, Baby.

Und wie gelegen kommt Filippo Leutenegger dieser Sonnenuntergang, zumal ein superschöner! Leutenegger hatte im Sommer ja so seine Kämpfe mit Sonnenschirmen und Sonnendächern, weil die ständig kaputtgingen. Und jetzt: Sonne aus, Problem gelöst. Voller Dankbarkeit, salbungsvoller Worte, mit einer eigens dafür einstudierten Fotopose und einem ironischen Augenzwinkern schenkt der Vorsteher des Tiefbaudepartements seinerseits eine Carrera-Bahn – bestehend aus Velowegen –, garniert mit Vujos Rosen. Als Vater eines ehemaligen Bachelors (Vujos Vorgänger Lorenzo) hat Leutenegger genug von diesem Gewächs. Beides geht an Markus Knauss, den grünen Gemeinderat (der wird ja wohl ein Herz für das Obenrotunten-grün haben).

Dessen grössten Wunsch nämlich kann (und will) leider niemand erfüllen: kein Formel-E-Rennen in der Zürcher Innenstadt. Es findet statt, bereits im kommenden Sommer. Die Carrera-Bahn als Trostpreis tut es allemal. Knauss wird das Präsent als Symbol zu deuten wissen: Als eine Art Vision für ein flächendeckendes Velonetz für Zürich. Irgendwann. Vielleicht.

Grosse Sympathie wiederum hegt Knauss (Stichwort Langsamverkehr!) für Corine Mauch. Die Stadtpräsidentin macht zu Fuss Wahlkampf – als Hausiererin. Als Klinkenputzerin. Als Handschüttlerin mit dem gemeinen Volk. Was Handliches, Nützliches käme ihr ganz gelegen, und da Knauss ein Gespür für Menschen hat, hat er auch eine gute Idee: ein Fläschchen Handdesinfektionsmittel. Kann sie auch sonst mal brauchen in der Grippesaison.

Weil die Weihnachtszeit eine Zeit der Besinnlichkeit und Besinnung sein soll, gibt Mauch ihrem Parteikollegen Mario Fehr einen Nothilfebatzen, bar auf die Hand. Was sehr grosszügig ist, weil die 8.50 Franken eigentlich nur bekommt, wer sich in einer Notunterkunft befindet und sich zweimal täglich dort meldet. Morgens und abends.

Da knüpft Regierungsrat Fehr mit seiner Idee an: Eine Übernachtung in einer solchen Unterkunft schenkt er liebend gerne (Schenken tut so gut!), und zwar Pfarrer Sieber und den Bewohnern vom Pfuusbus.

Pfarrer Sieber wiederum, der bekommt viele Sachspenden für den Pfuusbus. Aber wie das so ist mit den Sachspenden: Manche missbrauchen sie. Wie viele total durchgelatschte Sandaletten sind wohl schon in der Altkleidersammlung gelandet? Eben. Und so bekam Pfarrer Sieber nicht nur Zustupfe in Form von Früchtejoghurts, sondern auch von ranzigem Rapsöl. Die Flasche, gepaart mit der Schwarmintelligenz der Pfuusbuspfuser, sind in Symbiose zu einer wegweisenden Erfindung geworden, die sie den VBZ schenken: ein Schienenund Weichenschmiermittel, das den grössten Mangel des Flexity-Trams wettmacht: Es rollt künftig nahezu geräuschund komplett quietschlos durch Zürich.

Video: «Das Tram muss quietschen»

Die Basler haben die Züri-Trams bereits. Was sie davon halten. Video: Lea Koch

Apropos Schmiermittel. Die Geschäfte von E.K.R., Hannes Hug, Skor liefen stets wie geschmiert. Die Herren, heute bekannt als Hip-Hop-Urvater, Filmproduzent und Rapper sowie Moderator, vereint ihre Vergangenheit: Sie alle haben eine Lehre als Radio-/TV-Verkäufer gemacht. Wie sie sich kürzlich in einem Interview im «Tages-Anzeiger» darüber geäussert haben, erweckte den Eindruck, als seien sie ziemlich wehmütig. Und Wehmut, diese Sehnsucht nach den guten alten Zeiten, kennen die VBZ nun wirklich allzu gut. Darum schenken sie den dreien einen Röhrenfernseher (je einen) und eine Garantieverlängerung obendrauf.

Alternativ wäre auch die Weihnachtsbeleuchtung «World’s Largest Timepiece» möglich gewesen. Das waren auch Röhren, sie gehören auch der Vergangenheit an, obwohl: Aus dem Blickfeld verschwunden sind sie, weil die Zeit in Zürich offenbar noch nicht reif dafür war.

Video: Lucy wird angeknipst

Die Zürcher Bahnhofstrasse leuchtet wieder. (Video: Nicolas Fäs und Lydia Lippuner).

Und weil die WLTP-Röhren noch da sind, irgendwo aufbewahrt, haben E.K.R., Skor, Hannes Hug auch ein Geschenk für die Bahnhofstrasse zur Hand. Auf der Weihnachtskarte steht: Willkommen zurück, wir schauen gerne an statt in die Röhren und erfreuen uns am Surround-Soundteppich, der das Gemotze legt!

Das WLTP ist ein Geschenk, das beschenkt: im Namen der Bahnhofstrasse die Bahnhofstrasse mit kühlem Licht. Damit sich der Schenkkreis nun nicht in eine Endlosschleife verirrt, gehört unser Dank dem 8er-Tram, das gerade durch die Bahnhofstrasse ruckelt. Es ist sich Helles (Scheinwerferlicht) in diesen Tagen ja gewohnt und bewegt sich darin auch wie ein alter Profi. Das beeindruckt das WLTP so sehr, dass es kurzerhand eine 201 für das 8er-Tram durch die Bahnhofstrasse wandern lässt (man erinnere sich: Die Röhren liessen sich damals frei programmieren).

Video: 700 Meter Gleise in 60 Sekunden

Die Extrafahrt zur Eröffnung der neuen Tramverbindung Hardbrücke.

Die neue Tramlinie 8 hat bereits einen Rekord; sie ist die einzige Tramlinie der Stadt, die Zuggleise quert. Wow! Damit die Leute auch wissen, wo sie beim Escher-Wyss-Platz, der neuen Haltestelle, einsteigen müssen, steht dort gut sichtbar eine grosse Acht. Damit die Leute auch wissen, wann sie denn einsteigen sollen – man denke sich nun die leuchtende 201 dazu... 2018: Also immer. Das neue Jahr gehört dem 8er.

Der 8er wiederum schenkt der Europaallee und allen Zürcherinnen und Zürchern eine gute Fahrt durch die Weihnachtstage und wünscht ein gutes neues Jahr. Vielleicht gibt es ein Selfie vom Tramfahrer – wobei Handys in der Fahrkabine? Kam 2017 nicht so gut an.

Erstellt: 21.12.2017, 09:00 Uhr

Artikel zum Thema

Schenken oder nicht schenken...

... das ist in der Vorweihnachtszeit die Frage. Unsere Autorin hat darauf ein paar Antworten – und Ratschläge. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Traumpisten und Bilderbuchdörfer

In dem Bündner Hochtal können Feriengäste in der Nationalparkregion des Schweizerischen Nationalparks in eine intakte Welt eintauchen.

Blogs

Sweet Home So wird es schnell gemütlich

Geldblog Wohin mit dem Freizügigkeitsgeld?

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...