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Schnecke sucht liebevolles Plätzchen

Zoologe Peter Müller hat 400 seltene Schnecken in seinem Garten und ein Problem: Im Oktober fahren die Bagger auf.

In dieser prächtigen Blumenwiese gefällt es nicht nur Peter Müller, sondern auch seiner grossen Liebe: Der äusserst seltenen Zebraschnecke. Fotos: Urs Jaudas
In dieser prächtigen Blumenwiese gefällt es nicht nur Peter Müller, sondern auch seiner grossen Liebe: Der äusserst seltenen Zebraschnecke. Fotos: Urs Jaudas

Sicher fünfzig-, vielleicht auch hundertmal hat Peter Müller den alten Velo­anhänger die steile Strasse hinaufgezogen, er hat geschwitzt und geschnauft – vom Elefantenbach zum Haus an der Witikerstrasse. Vier Kübel standen im Anhänger, randvoll mit Kies und Sand aus dem Schlammsammler unten im Tobel. 200 Kilo pro Ladung, wie er später herausfand – für 45 wäre der Kinderanhänger zugelassen. «Ich hatte mich schon gewundert, warum der Rahmen immer wieder brach», sagt Müller. Er lacht und scheint unsicher, ob der Kraftakt nun eine Dummheit war oder etwas, worauf er stolz sein soll.

Man sieht Müller an, dass er gern Velo fährt. Wären sein weisses Haar, Schnauz- und Kinnbärtchen etwas kürzer getrimmt, er ginge auch als Profisportler durch. Doch Müller ist Zoologe, Repti­lien- und Schneckenspezialist. Wegen seiner Liebe zu Zebrina, einer ganz ­speziellen Schneckenart, betrieb er denn auch den ganzen Aufwand mit dem ­Veloanhänger.

Die dunklen Längsstreifen geben der Zebraschnecke ihren Namen.
Die dunklen Längsstreifen geben der Zebraschnecke ihren Namen.

Mit dem Material aus dem Tobel hat Müller den perfekten Lebensraum für Zebrina detrita – auch Märzenschnecke, Weisse Turmschnecke, Zebraschnecke oder Kaiserstuhlschnecke genannt – in seinem Garten geschaffen: Sand- und Kiesflächen rund um die Trockenmauer angelegt, dazwischen einheimisches Grün gepflanzt. Schliesslich hat er mit zwei seiner drei Kinder im Teenageralter in Glattfelden an einer Autobahnböschung 120 Exemplare der Zebraschnecke zusammengelesen und bei sich zu Hause angesiedelt. Drei Jahre ist das her. Nun sind sie zu einer Population von über 400 angewachsen.

Wie ein Seiltänzer bewegt sich Müller zwischen blühendem Thymian, violetten Flockenblumen, hoch aufgeschossenem Ziest und rosa Nelken hindurch, um keines der Tiere zu zertrampeln.

Der Lebensraum verschwindet

Die Zebraschnecke ist klein, das Häuschen maximal 12Millimeter breit und 25lang. Sie ist hübsch anzusehen mit ihrem graubraunen, zierlichen Körper und dem cremefarbenen, manchmal mit dunklen Längsstreifen verzierten Häuschen. Diese Art hat eine für Schnecken ungewöhnlich starke Vorliebe für Wärme und Sonne, und sie ist sehr selten.

Auch in Naturschutzgebieten wird die Zebraschnecke immer seltener. Wegen des hohen Stickstoffgehalts im Regenwasser, vermutet Müller. Sie braucht offene Stellen am Boden, die Hälfte der Fläche oder besser mehr. Der Stickstoff aber lässt dort Moose wachsen. Auch sandige Magererde, lockeren Sand oder kleine Steinlinsen braucht die kleine Schnecke, etwa alle 50 Zentimeter, um sich zum Schutz vor Austrocknen oder Frost eingraben zu können. In der Stadt Zürich gibt es kaum solche Flächen, 1951 wurde sie im heutigen Irchelpark nachgewiesen, nun gibt es nur noch einen Standort in der Stadt: Müllers Garten.

Und nun droht der Zebraschnecke auch an ihrem letzten Standort Ungemach. Haus und Garten gehören Müllers Schwiegereltern. Das Haus soll verkauft oder abgerissen und das Grundstück neu überbaut werden. Im ersten Fall ist Müller angewiesen, seinen Trockenstandort wieder in einen Kunstrasen zu verwandeln. In letzterem fahren die Bagger auf. Bis im Oktober hat Müller Zeit, ein neues Zuhause für die 400 Schnecken zu finden. Er seufzt. «Das ist fast noch schwieriger als die Wohnungssuche in dieser Stadt», sagt er. Die Suche ist sogar für einen Schneckenspezialisten wie Müller schwierig, der jahrelang am Inventar der seltenen Trockenwiesen im Kanton gearbeitet hat. Er ist wegen der Schnecken mit dem Verein Hot Spots in Kontakt, der sich für die nächsten Jahre dem Schutz der Trockenwiesenschnecken verschrieben hat. Auch Grün Stadt Zürich ist involviert.

Doch bei der Stadt haben nicht nur Zoologen das Sagen, sondern auch Gartendenkmalpfleger und der Landschaftsschutz. Und diese haben mitzureden, wenn etwa in Riesbach, dort, wo einst die Villa Seeburg stand, die öde Kiesfläche entsprechend aufgewertet werden soll, so ein Vorschlag von Müller.

Rettung im Privatgarten?

Das braucht seine Zeit, welche Müller und seine Schnecken nicht haben. Darum setzt er seine Hoffnung auch in Baugenossenschaften und Private: «Vielleicht hat ja jemand eine geeignete Kiesfläche auf seinem Grundstück.» Würde man sie bis im Herbst bepflanzen und Sandlinsen anlegen, hätten die Schnecken dort eine Chance, glaubt Peter Müller.

Der Zoologe stellt gerne sein Fachwissen zur Verfügung, um ein neues Heim für seine 400 Schnecken zu schaffen. Er ist aber froh, wenn er beim Kiestransport nicht mehr involviert ist, auch wenn er sich inzwischen einen neuen Lastanhänger für das Velo zugelegt hat – einen unverwüstlichen.

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