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«Seine Leibspeise ist die Mamlaka»

Es gibt bloss ein Foto – der mysteriöse Autor Alain Sax hat eine passionierte Zürcher Fangemeinde. Wie ist das möglich? Wir befragen drei Experten.

Thomas Wyss
Eine ganze Menge Alain-Sax-Wissen im selben Raum: Tomi Geiger, Dimitris Depountis und Thomas Hohler (v.l.).
Eine ganze Menge Alain-Sax-Wissen im selben Raum: Tomi Geiger, Dimitris Depountis und Thomas Hohler (v.l.).
Doris Fanconi

Vor drei Jahren passierte Sonderbares. Die Buchhandlung Paranoia City hatte eine Lesung mit Alain Sax angekündigt, einem Autor, «der unsere (ab-)gestandene Belletristik einer mittleren Revolution unterzieht». Der Anlass musste jedoch ohne Hauptdarsteller auskommen, der Franzose blieb am Abend unauffindbar (was angeblich keine Seltenheit ist), warum, wusste niemand. Erstaunlicher war, dass alle, die dem «Event» dennoch beigewohnt hatten, aus dem Schwärmen kaum mehr herauskamen; da und dort wurden gar «ephemere Lesezirkel» gegründet, die sich mit Sax’ Literaturgattung beschäftigen. Handkehrum wurde er von der seriösen Literaturkritik fast schon systematisch ignoriert.

Nun sind drei neue Sax-Lesungen angekündigt, die erste soll am Freitag wiederum im Paranoia City stattfinden. Der ideale Moment, um herauszufinden, ob es sich bei Sax um ein genuines Phänomen oder bloss um ein keckes «Se non è vero, è ben trovato»-Ding handelt. Versucht haben wir das mit drei Experten, die den ominösen Mann wohl näher kennen als sonst jemand: sein Übersetzer Dimitris Depountis, Paranoia-City-Inhaber Tomi Geiger und Thomas Hohler, «geistiger Programmleiter» des Zehn-Bücher-Verlags, der Sax’ Werk publiziert.

Herr Geiger, vor drei Jahren wurden Sie von Alain Sax «versecklet», um es auf gut Deutsch zu sagen. Warum bekommt er eine zweite Chance?

Thomas Geiger: Alain Sax ist der wichtigste lebende Exponent des Ephemerismus. Der Ephemerismus zeichnet sich aus durch die Überwindung starrer Zeichensysteme wie Bilder und Worte. Das heisst, Alain Sax war in der letzten Veranstaltung, die wir mit ihm gemacht haben, sehr wohl präsent, wobei sich sein Werk eben ephemer manifestierte.

Was genau macht die Faszination des Ephemerismus aus?

Geiger: Der Ausdruck des Ephemeristen ist die Episode. Es ist vergleichbar mit dem Rauch, der ephemer ist und bei jedem Betrachter eine Episode auslöst. Dimitris Depountis: Ich möchte an die Aussage Sax’ erinnern, dass er Seiten seiner Bücher am liebsten einzeln ausreisst und in die Luft wirft, weil erst in diesem Schweben das komplex Flüchtige zum Ausdruck kommt, das ihnen geziemt.

Kann man Sax mit den legendären US-Schreibern J. D. Salinger und Thomas Pynchon vergleichen, die praktisch ein «Phantom»-Dasein führten oder noch führen?

Geiger: Bei Pynchon ist es so, dass die Leute, die mit ihm Kontakt haben – Übersetzer, Agenten –, sich verpflichten, seine geheime Identität zu wahren. Salinger hat sich selbst für ein Abtauchen entschieden. Alain Sax jedoch ist weder ab- noch aufgetaucht.Depountis: Zu Pynchon gibt es meiner Meinung nach schon formale Parallelen, vorab das Nicht-Beharren auf einer Geschichte, das durch die Ausbreitung eines Geflechts von Andeutungen und Hinweisen ersetzt wird.Thomas Hohler: Wie Pynchon ist auch Sax in gewisser Weise ein Suchender, bei dem das Objekt der Suche nicht immer ganz klar ist.Geiger: Ein Widerspruch! Wer sucht, weiss wonach . . . ansonsten findet er.Hohler: Das scheint mir jetzt allzu klar ausgedrückt.

Die Frage war vielleicht zu komplex für eine eindeutige Antwort, bei der nächsten sollte das einfacher gehen: Ist es wahr, dass von Alain Sax bloss ein einziges Foto existiert?

Depountis: Das ist wahr. Das Foto ist plötzlich aufgetaucht, im Zusammenhang mit der Lesung vor drei Jahren.

Plötzlich aufgetaucht? Das führt zur Frage, wie Sie seitens des Verlags überhaupt mit Sax kommunizieren?

Hohler: Vor allem über E-Mail. Dieser Mailverkehr aber ist nicht immer ganz einfach, da uns Alain Sax zum Teil nur einzelne Worte schickt, und dann von uns erwartet, dass wir mit ihnen etwas Konstruktives anfangen können.

Ziemlich bizarr. Gibt es bei ihm auch eine «Normalität»? Hat er ein Alter? Ein Zuhause? Eine Leibspeise?

Depountis: In den Texten wird immer wieder suggeriert, dass er etwas mit Le Havre zu tun hat. Es gibt sogar eine Adresse, die mal genannt wird . . .Hohler: . . . die Rue des Oiseaux . . .Depountis: . . . doch wenn man online danach sucht, findet man nur den Saxofonisten Alain Sax, mit dem er nicht verwandt ist. Und bisweilen spricht er auch von der «Alain-Sax-Gasse», aus der er einfach nicht herauskomme. Allerdings bezieht sich das nicht auf den Wohnort.Geiger: Wir wissen auch von seiner Leibspeise, das ist die Mamlaka, ein Auflauf. Er besteht aus Wisent-Gulasch, das zwei Wochen lang in Randenschnaps eingelegt und dann mit Rosenkohl und Bananen vermengt wird.Hohler: Das Alter ist für ihn kein wesentliches Thema, er versteht sich als Geworfener in diese Welt, aber ich würde einfach mal spontan sagen: 55.

Kommen wir zur Essenz: Welches ist der zentrale Satz in Sax’ Schaffen?

Depountis: Ich denke, dass wir uns in diesem Punkt einig sind, wobei es nicht ein Satz, sondern ein Passage ist. Sie kommt im Buch «Arbabundanien und Jalanzien» vor, seinem Hauptwerk. Ich zitiere: «Ein echter Freund von mir ist ein finnischer Seebär // Ruutana heisst er // Ruutana ist aber auch ein Fisch // Die Dammkarusse, der Tarass // die Roda // Er ist immer unterwegs.» Diese Passage zeigt exemplarisch das Flüchtige, Weichende oder eben Ephemere, das sein ganzes Werk prägt.

Weshalb hat das Feuilleton noch nie über Sax geschrieben, wenn er doch so einzigartig ist, wie Sie andeuten?

Hohler: Ich könnte mir vorstellen, dass die geeigneten Instrumente fehlen, um sein Werk in einem Feuilleton feuilletonistisch einzuordnen.Geiger: Den Kernpunkt der Ignoranz sehe ich darin begründet, dass das Feuilleton den Ephemerismus noch nicht als solchen wahrgenommen hat. Obwohl ja der Taoist Laotse durch Aussagen wie «der Begriff, der genannt werden kann, ist nicht ein gültiger Begriff» als einer der frühesten Ephemeristen gilt. Sobald dieser Schritt aber passiert, wird Sax als einer der grossen Künstler des Genres gesehen werden.Depountis: Eine von Sax’ Lieblingsfragen lautet: «Oder weder noch?» Um solches zu popularisieren, wäre eine Würdigung der Literaturkritik gewünscht.

Wie überhaupt fanden Ihr kleiner Schweizer Verlag und dieser grosse französische Autor zueinander?

Depountis: Es ist nicht so, dass wir ihn angefragt haben, er hat uns aufgesucht. Wahrscheinlich, weil er gespürt hat, dass er bei uns auch eigenwilligste Projekte realisieren kann wie das Ausprobieren unterschiedlicher Identitäten oder seinen jüngsten Wurf, die Agenda zur Literaturgattung zu erklären.

Das Wichtigste zum Finale: Wird Sax diesmal an der Lesung präsent sein?Geiger: Er wird wieder da sein, ja.

Lesungen von Alain Sax: 10. 11., 19 Uhr, Paranoia City, Ankerstr. 12. / 19. 11., 18.30 Uhr, Lyceum Club, Rämistr. 26. / 26. 11., 11 Uhr, Museum Wollishofen.

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