Selbst gebraut und selbst gezapft

Im neuen Bierlab an der Zürcher Grüngasse sieht der Besucher nicht nur, wo das Getränk hergestellt wird – er trifft auch gleich dessen Macher.

Die Neu-Wirte Urs Ebneter, Pierre Elser und Daniele Torresin (v.l.) holen ihr Craft-Bier aus dem Keller. Foto: Tom Egli

Die Neu-Wirte Urs Ebneter, Pierre Elser und Daniele Torresin (v.l.) holen ihr Craft-Bier aus dem Keller. Foto: Tom Egli

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Ein Hauch von Quartierbeiz ist geblieben an der Grüngasse – trotz aller augenfälligen Veränderungen, die der Einzug des Bierlab mit sich bringt. Dort, wo früher der Stammtisch stand, ist jetzt die massive, blitzende 500-Liter-Brauanlage; vom Gastraum getrennt durch eine gläserne Schiebewand. Der neue Tresen besteht aus wuchtigem Holz, doch die alte Wandvertäfelung ist geblieben, ebenso die Fenster. Früher gab es im Moléson währschafte Küche, heute ein Novum in Zürich: das erste Pub der Stadt, in dem Craft-Brauer ihr selbst produziertes Bier ausschenken.

Zweifelsohne boomt die Craft-Bier-Szene in der Schweiz – allein in der Region Zürich mittels Brausyndikat, Dr. Brauwolf oder der Brauerei Oerlikon. Doch die Ende 2016 gegründete Brauerei Bear ’N’ Stein schlägt im Kreis 4 mit seiner Beiz Bierlab nochmals neue Wege ein: Zwar gibt es mit dem Steinfels an der Hardbrücke bereits ein alteingesessenes Brauereilokal in der Stadt, aber dass Craft-Brauer den Vertrieb umgehen und ihr Bier fast exklusiv an der Braustätte zapfen, das ist neu.

Stets ansprechbar

Bear ’N’ Stein ist benannt nach den zwei Gründern Urs Ebneter und Pierre Elser: Lateinisch heisst der Bär Ursus, Pierre ist französisch für Stein – Bear ’N’ Stein. Sie ist, wie so viele Craft-Bier-Brauereien, das Resultat einer Bierliebe. Pierre schenkte seinem Kollegen Urs, mit dem er damals bei einem ETH-Spin-off arbeitete, einst ein Brauset zum Geburtstag. Urs, aufgewachsen im Appenzell, direkt neben der Brauerei Locher, gelingt ein guter erster Sud.

Das gefundene Hobby der beiden wird schnell mehr als blosse Freizeitbeschäftigung. Auch die Freunde verlangen bald nach dem hausgemachten Gebräu. So tritt ihre Mikrobrauerei ein gutes halbes Jahr nach der Gründung erstmals beim Craft-Bier-Festival im Altstetter Spirgarten an und fällt dort mit seinen nach Pop-Songs benannten Bieren auf. Das Pils, für das das herbe Jever Pate stand, heisst «Nordisch By Nature», das dunkle Stout «Paint It, Black», das hopfige India Pale Ale «California Dreamin’». Es war die Musik, die beim Brauen lief, die den Anstoss für diese ungewöhnliche Nomenklatur gab.

Besucher, die regelmässig kommen, können immer wieder neue Biere entdecken.

Bear ’N’ Stein sind heute zu viert: Pierre, der mittlerweile bei ABB arbeitet, lernte über seinen Chef Daniele Torresin kennen – die gemeinsame Liebe zum Bier bringt sie zusammen. Jessica Stabile komplettiert das Quartett und kümmert sich um das Finanzielle.

Zum Konzept des Bierlab gehört, dass es eine Vielfalt an festgelegten Bierstilen gibt, die Sude selbst aber variieren. Besucher, die regelmässig kommen, können so immer wieder neue Biere entdecken. Sieben der acht Zapfhähne sind für eigene Kreationen reserviert, am letzten Hahn gibt es wechselnd Craft-Biere von anderen Brauereien.

Begegnungsstätte für Bierliebhaber

Das Hauptziel sei es, ein Bewusstsein für verschiedene Bierstile zu schaffen. Darüber hinaus will das Bierlab eine Begegnungsstätte für Bierliebhaber und Brauer sein – Daniele, Urs und Pierre wollen für ihre Gäste stets ansprechbar sein und zum Small Talk über das Getränk im Glas anregen. Und wer sich selbst mal als Brauer probieren möchte, kann auch das im Bierlab: Wahlweise darf man den Brauern bei der Arbeit über die Schulter gucken, einen Braukurs bei ihnen belegen oder – unter Anleitung natürlich – grad selbst brauen.

Warum aber macht Bear ’N’ Stein es nicht wie die anderen – Bier brauen, in Flaschen abfüllen und ab damit ins Spezialitätengeschäft? Den vier fiel diese Entscheidung leicht: «Mit dem Konzept behalten wir uns Flexibilität und haben direktes Feedback vom Kunden», sagt Pierre. Auch konkurriere man so nicht mit dem, was in den Regalen der Grossverteiler stehe. «So können wir es uns erlauben, auch einmal Lindt-Schoggi ins Bier zu werfen – da es sowieso nur einmal gebraut wird.» Den Einwand, ob das nicht eintönig sei, immer nur das eigene Bier am Hahn zu haben, lassen sie nicht gelten. Stattdessen wollen sie zeigen, dass man Biere nicht importieren muss, sondern sie auch hier brauen kann.

Bier im Zwangsurlaub

Vorerst betreibt das Viererteam das Bierlab selbst – alle arbeiten noch in ihren Jobs mit reduziertem Pensum. Doch: «Langfristig wollen wir uns alle drei aufs Brauen konzentrieren und Barpersonal anstellen», sagt Pierre und ergänzt, dass die Brauer dann immer noch ansprechbar seien für die Kunden. Eigentlich sollte das Pub schon vergangenen November öffnen, doch die Bauabnahme verzögerte die Eröffnung. Das Bier schlummerte derweil in den Tanks im Keller, schlecht geworden sei nichts. Ausser Miete und Nerven halten sich die Kosten durch die zweimonatige Zwangspause also in Grenzen; am Samstag kann es nun endlich losgehen.

Die Bierpreise sind für Craft-Bierevergleichsweise moderat: Zwischen 6.50 und 9 Franken kostet die Stange. Für alle, die partout kein Bier trinken möchten, gibt es an der Grüngasse hausgemachten Kombucha und je einen Hauswein in Weiss und Rot, ausserdem sollen zwei alkoholfreie Biere ins Angebot genommen werden – ein eigenes und das Lola aus Bern. Und wem trotz Hopfentrank noch nach fester Nahrung ist: Es werden Apéroteller und frisch gebackene Brezeln serviert.

Eröffnung am Samstag, 26. Januar, ab 17 Uhr, weitere Infos unter Bierlab.ch.

Erstellt: 23.01.2019, 11:41 Uhr

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