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«Sie starb viel zu jung»

Für den «Blick» war sie «Zürichs bekannteste Dirne». Gabriel Baur zeichnet im neuen Dokumentarfilm «Glow» das Leben der Zürcher Ikone Irene Staub nach.

Gabriel Baur (l.) und Ursula Rodel haben mit Lady Shiva (Bild rechts oben) ein gemeinsames Thema. Foto: Reto Oeschger
Gabriel Baur (l.) und Ursula Rodel haben mit Lady Shiva (Bild rechts oben) ein gemeinsames Thema. Foto: Reto Oeschger

Das Gespräch dauert viel länger als geplant. Vielleicht deshalb, weil Ursula Rodel und Gabriel Baur sich bestens verstehen. Und auch, weil das Gespräch bald zur Zeitreise in die wilden Siebziger wird, als Zürich noch rauer und aufregender war. Gegen Ende sass man in einer geselligen Weissweinrunde und besprach eine weite Themenpalette, die sich zwischen Catherine Deneuves erotischer Ausstrahlung, dem Berlin der 1980er-Jahre und Social Media bewegte. Der Grund für das Treffen war Baurs neuer Dokumentarfilm «Glow» über Irene Staub alias Lady Shiva, «Zürichs bekannteste Dirne», wie der «Blick» damals schrieb, und Muse der avantgardistischen Modemacherin Rodel.

Ort des Gesprächs war Rodels Kreis- 4-Atelier, das mit ihren Skizzen, der proppenvollen Bücherwand und dem Stapel alter «Vogue»-Ausgaben den passenden Rahmen bildet, um einer Figur wie Lady Shiva auf die Spur zu kommen. Die Frauen setzen sich in zwei Fauteuils – der Interviewer nimmt auf einem Hocker gegenüber Platz, über den ein Leopardenfell spannt. Es stamme aus Lady Shivas Nachlass, sagt Rodel.

Es wurde schon viel über Irene Staub alias Lady Shiva publiziert. Es gab Filme, Bücher, sie wurde als Ikone der Postmoderne gezeigt. Warum nochmals ein Film?

Gabriel Baur: Es gibt tatsächlich schon zahlreiche Publikationen. Doch der letzte Film über sie stammt aus den Siebzigerjahren. Und er zeigt eine andere Phase von Irene.

Ursula Rodel: In keiner dieser Publikationen wird Irene so authentisch erfasst wie jetzt in diesem Film. Niemand ist bisher so nahe an sie herangekommen wie Gabriel.

Baur: Ich wollte Irene mit meinem Film auch von diesem Prostituiertenimage wegbringen, in das sie zeitlebens gedrängt wurde. Ich wollte sie als Sängerin zeigen und als lebenshungrige Künstlerin. Ursula, für die Irene eine Muse war, spielt deshalb auch eine so zentrale Rolle in meinem Film.

Die Geschichte endete bekanntlich tragisch. Irene Staub starb Ende der 1980er-Jahre in Thailand bei einem Motorradunfall. Warum ist die Figur heute noch bedeutungsvoll?

Baur: Klar, sie starb viel zu jung, doch sie hat auch richtig gelebt. Das zu zeigen, war ein zentrales Anliegen von mir. Sie war eine grosszügige, offenherzige Person. Ich wollte Irene mit dem Film ein Stück weit wieder zum Leben erwecken. Dazu kommt: Sie ist auch modern mit ihren vielen Ansprüchen und ihrem Drang zur Selbstdarstellung.

Sie eckte überall an und den Feministinnen war sie zu sexy: Lady Shiva auf einer undatierten Aufnahme.
Sie eckte überall an und den Feministinnen war sie zu sexy: Lady Shiva auf einer undatierten Aufnahme.
Aus dem besprochenen Buch
Auf der Spanischen Treppe in Rom, fotografiert von Roswitha Hecke: Irene Staub wurde auch von Helmut Newton abgelichtet, die Fotos sind aber unauffindbar.
Auf der Spanischen Treppe in Rom, fotografiert von Roswitha Hecke: Irene Staub wurde auch von Helmut Newton abgelichtet, die Fotos sind aber unauffindbar.
PD
Fuhr auch mal im durchsichtigen Regenmantel über das Limmatquai: Irene Staub, undatierte Aufnahme.
Fuhr auch mal im durchsichtigen Regenmantel über das Limmatquai: Irene Staub, undatierte Aufnahme.
Aus dem besprochenen Buch
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Frau Rodel, Sie haben Irene Staub, die damals noch als Prostituierte arbeitete, auf der Stelle für Ihr Modelabel Thema Selection als Model engagiert. Wie ist es dazu gekommen?

Rodel: Sie arbeitete damals an der Schoffelgasse im Niederdorf, wo auch unser Laden war. Als sie eines Tages bei uns reinspazierte, war ich sofort fasziniert von ihr. Sie war für mich der Inbegriff von Weiblichkeit und wurde zu einer grossen Inspiration für mich. Sie hat meine Arbeit nachhaltig beeinflusst.

Baur: Man muss auch sagen, dass Frau Rodel sehr viele attraktive Frauen um sich scharte.

Rodel: Ja, so war das wohl damals – vielleicht weil ich eine so freundliche Person bin. Im Ernst: Irene ist wirklich herausgestochen. Ich habe niemals mehr eine solche Person getroffen.

Video: Der Trailer zum Film.

Frau Baur, Sie sagten auch, Irene Staub könnte heute noch ein Vorbild sein für viele junge Frauen. Wie meinen Sie das genau?

Baur: Es gibt einige sehr interessante Charaktereigenschaften bei ihr – etwa, dass sie der eigenen Stimme gefolgt ist, obwohl sie dauernd angegriffen wurde. Das hat Ursula Rodel ja auch gemacht, deshalb haben sie zusammengepasst. Irene hat zudem Tabus gebrochen, indem sie zu ihrem damals noch sehr verpönten Beruf stand. Ihre Einzigartigkeit zeigte sich auch in ihrer Kleidung, für die Ursula Rodel verantwortlich war.

Rodel: Am liebsten habe ich sie in Herrenkleider gesteckt, das Androgyne passte gut zu ihr und war damals angesagt. Ich habe auch gefährlich anmutende Kleider für sie entworfen, um die Männer abzuschrecken.

Wie hat die Öffentlichkeit damals reagiert, als Sie Irene für Ihr Modelabel engagierten?

Rodel: Man sagte mir, ich könne mir als Modeschöpferin keine Hure auf dem Laufsteg leisten. Die Einstellung der Leute änderte sich erst, als Irene Teil der besseren Gesellschaft wurde. Leider hat sie aber die Chancen, die sich ihr dadurch ergaben, nicht wahrgenommen.

Was war der Grund, warum sie nicht hat Fuss fassen können? Eine mögliche Erklärung ist sicher die Herkunft, doch die wird im Film gänzlich ausgeklammert.

Rodel: Darüber wollte sie nie sprechen. Nicht einmal mit mir. Ich weiss beinahe nichts von ihrer Kindheit.

Baur: Es gibt dazu ja schon ein gut recherchiertes Buch von Willi Wottreng. Ich habe weiterrecherchiert und unter anderem auch das Mädchenheim in Mollis gefunden, doch war mir diese Kindheit als Erklärungsansatz zu einfach. Deshalb wollte ich sie im Film weglassen. Nicht zuletzt, weil Irene selber nicht als Opfer gesehen werden wollte.

Irene führte ja auch ein glamouröses Leben. Dazu gibt es zahlreiche Geschichten...

Rodel: Die Band The Stranglers war mit ihr verbandelt. Mit David Bowie pflegte sie Kontakt. Von Mick Jagger bekam sie 50 Rosen. Den Helmut Newton aber verschmähte sie, weil sie von ihm nicht als Sexobjekt gesehen werden wollte. Es gab auch Catherine Deneuve, eine Freundin von mir. Aber auch da ging es Irene darum, die Hauptrolle zu spielen. Dank ihres Charismas gelang ihr das. Sie hatte darin Ähnlichkeiten mit Marilyn Monroe.

Baur: Viele Leute hatten auch Angst vor ihr. Und der Unterschied zu Monroe ist: Diese wurde von einem amerikanischen Fotografen entdeckt, Irene Staub von einem Schweizer Zuhälter.

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