Sieht denn keiner, wie gut der ist?

Hans Peter Riegel hat ein Problem: Er weiss um seine Qualitäten und weist gerne auf sie hin. Der Autor, Maler, Fotograf und Ex-Werber macht jetzt auch noch gute Filme.

«In der Schweiz gilt man schnell als Bluffsack»: Hans Peter Riegel.

«In der Schweiz gilt man schnell als Bluffsack»: Hans Peter Riegel. Bild: Samuel Schalch

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Mit leichtem Schritt besteigt er die Bühne des Kino Arthouse Uto, steht breitbeinig da, in karierten Hosen und kariertem Jacket. Entschlossen, selbstbewusst ergraut und mit hippem Dreitagebart präsentiert der Autor, Maler, Fotograf und jetzt auch Filmer Hans Peter Riegel sein neustes Werk «Mel. Das andere Leben». Ein Dokumentarfilm über die Zürcherin Melanie Derron, die eine schwierige Kindheit erlebte und in den Neunzigerjahren als 14-Jährige in der Drogen- und Besetzerszene landete.

Mel redet darin in die Kamera, dreht einen Joint nach dem anderen und berührt mit ihren Schilderungen. Die porträtierte junge Frau sei «eine Entdeckung», wirbt Riegel, der ihre Geschichte in ästhetisch spannende Bilder packt und damit zeigt, was heute allein mit dem iPhone möglich ist. Riegel filmte alles damit, «für nur 30'000 Franken». Und genau das ist sein wichtigstes Statement: Man kann viel umsetzen, wenn man es wagt, aber gefördert, klagt Riegel, werde hier bloss mutloses Mittelmass.

Das Künstler-System

In der hiesigen Kulturszene dominiere eine «Günstlingswirtschaft», kritisiert er im Gespräch. Selbst für den Soundtrack habe er in der hiesigen Musikszene kaum Unterstützung gefunden. Zwei Deutsche mussten es schliesslich richten. «Ich wollte Musiker aus Zürich in meine Arbeit integrieren, aber als die gemerkt haben, wie hoch meine Anforderungen sind, haben sie gekniffen.» Vielleicht habe er «die Falschen gefragt», räumt er ein. Aber die Ursache, vermutet er, liege wohl tiefer.

«In der Schweiz werden Künstler durchgefördert, wenn sie einmal im System sind.» Das Resultat sei Besitzstandsdenken und Durchschnitt auf jeder Ebene, «da sticht keiner raus». Und wenn es dann doch einer mache, so wie er, dann werde das als unangenehm empfunden. Erst recht, wenn einer Hochdeutsch spricht. «Da sind die Vorurteile schnell gemacht», sagt der 57-Jährige, «auch wenn ich mittlerweile den Schweizer Pass habe».

Ablehnung, die ihn adelt

Solothurn etwa hätte seinen Film abgelehnt. «Seilschaften», resümiert Riegel knapp. Gezeigt wurde stattdessen ‚Staatenlos’ von Erich Schmid. «Eine biedere Dokumentation, wie man sie halt macht, damit sie nachher ins TV passt», wie Riegel findet. Mittelmass eben. Nie Riegels Ding. Er weiss, er kann mehr, und kokettiert damit: «Understatement liegt mir nicht», sagt er selbstironisch offen. Aber in der Schweiz gelte man halt schnell als «Bluffsack».

Mittlerweile nimmt er den Ausdruck als Auszeichnung. «Viele können nicht damit umgehen, wenn jemand begabt ist und damit Erfolg hat.» Schnell spüre man da Neid und Eifersucht: «Man sagts dir aber nicht ins Gesicht, sondern wendet sich ab und tuschelt dann an der Vernissage.» Riegel trägts mit Fassung: «Es adelt mich, mit dieser Ablehnung zu leben.»

Auch im Sport ein Ass

Riegel weiss, dass es schwer ist, mit ihm mitzuhalten. Trotzdem mag er den Ausdruck Tausendsassa nicht. «Ich bin kein Zirkusartist, meine Arbeiten sind seriös und von einer erheblichen Tiefe.» Er selber bezeichnet sich lieber als multipel begabt und erwähnt en passant, dass er auch ein begabter Sportler sei, weiterhin aktiver Fussballspieler, der lange beim FC Zürich bei den Senioren gespielt habe und Skirennen gefahren sei. «Das ist mir einfach zugefallen, ich kann ja auch nichts dafür, es ist einfach so.» Man merkt, eine solche Begabung ist Segen und Fluch zugleich. «Es ist», fasst Riegel zusammen, «nicht einfach, damit umzugehen.»

Und jetzt also macht das Multitalent auch noch Filme. Natürlich profitierte er von einigen Startvorteilen. Durch seine musisch geprägte Erziehung etwa hat Riegel früh zu malen begonnen. «Da wächst man in ein kreatives Leben hinein», sagt er, gewisse Dinge würden so «vorgeprägt». Dazu kommt, dass man in Düsseldorf, wo Riegel in den 70er-Jahren aufwuchs, «„gar nicht an Kunst vorbei kam».

Mit 13 Jahren traf er Beuys

Dennoch merkte Riegel früh, «dass ich manches besser konnte als andere». Es drängte ihn zu tun, was in ihm steckte. Und möglichst alles sofort und aufs Mal. Schon im Gymnasium schrieb und fotografierte er für eine Stadtzeitung. Bereits im Teenageralter kam er dadurch mit dem damals noch unbekannten deutschen Künstler und Exzentriker Jörg Immendorff in Kontakt. Der brauchte Portraitfotos und Riegel lieferte sie. Und sie überzeugten. Die Fotos wurden später in amerikanischen Kunstzeitschriften publiziert.

Mit Dreizehn traf Riegel auch den Künstler Josef Beuys zum ersten Mal und staunte: «Mit Beuys konnte man einfach reden, der war offen, ohne Dünkel, obwohl er ja schon berühmt war.» Fast vierzig Jahre später, 2013, schrieb Riegel über Beuys. Es wurde eine ebenso kritische wie akribische Biographie. Sie stürzte den neben Albrecht Dürer bekanntesten deutschen Künstler vom Sockel des Unberührbaren. «Ich hielt ihn für einen linksgerichteten, ökologisch orientierten Politkünstler, dann stellt sich heraus, dass Beuys ganz anders tickt», so Riegel.

«Beuys warb für die Lehre Rudolf Steiners, sein politisches Gedankengut war rechtsgerichtet und sein Privatsekretär war ein ehemaliger SS-Mann.» Eduard Beaucamp, Doyen der deutschen Kunstkritik schrieb: «Riegel räumt mit vielen falschen Idealisierungen und Verbrämungen auf. Seine Recherchen machen grosse Teile einer apologetischen oder schwärmerischen Beuys-Literatur zur Makulatur.»

Ignoranz, die ihn schmerzt

Die Biographie schlug ein «wie eine Bombe». Riegel wurde mit einem Schlag berühmt, aber auch angegriffen. Er sei von Antroposophen beschimpft worden, habe eklige Post bekommen. «Dabei», sagt Riegel, «kritisiere ich nicht den Künstler Beuys, sondern seine Ideologie. Beuys war ein grossartiger Künstler, eine Jahrhundertfigur, ein freundlicher Mensch, unprätentiös, für jedermann zugänglich. Leider hatte er gestrige Ideen.»

«Der Spiegel» widmete dem Buch eine vierseitige Rezension, mehr als je ein anderer Schweizer Autor bekommen hat. Doch auf den Literaturpreis der Stadt Zürich hoffte Riegel vergeblich. Er deutet das auf seine Weise: «Da sass einer auf dem Posten und wollte das einfach nicht – es war ganz eindeutig Unwillen.»

Nichts anderes als Kunst

Heute sagt der Geschmähte: «Ihr hattet Eure Chance.» Obwohl er schon seit 1989 in Zürich lebe, fange man erst jetzt langsam an, sich für ihn zu interessieren. Dennoch: «Ich brauche diese Kenntnisnahme nicht», sagt er, «aber es ist bezeichnend dafür, wie man hier behandelt wird. Wenn du nicht in den Seilschaften drin bist, gibt man dir keine Chance.»

Trotz seines Selbstbewusstseins, wirkt Riegel angefasst wegen dieser Ignoranz. Immerhin hatte er schon früh viel vorzuweisen. Schon kurz nach seinem Studium in visueller Kommunikation («ich war einer der ersten, der audiovisuelle Medien studiert hat»), Fotografie und Kunstwissenschaft wurde er Anfang der Achtzigerjahre zum Projektpartner des deutschen Künstlers Immendorff. «Damals habe ich viel gemalt, grosse Gemälde. Die Bilder gibts noch». Neulich habe er sie katalogisiert und sei überrascht gewesen, «wie kraftvoll und frisch die sind». In seiner ganzen Biographie gebe es nichts anderes als Kunst: Beuys, Immendorff, Penck, Polke, Schnabel. Wenn man fast täglich mit diesen Leuten zu tun hat, sei das eine gute Schule, «eine härtere gibt es nicht».

Der Künstler, der Werbung machte

Immendorff hatte damals eine Beiz im Hamburger Kiez, kam mit Drogen in Berührung, wurde abhängig, schnell und schwer. «Ich habe ihn da rausholen müssen», erzählt Riegel. Er selber war grade mal 19 oder 20 Jahre alt und wohnte zeitweise in einem Bordell. Er lernte Gewalt kennen, die Ausbeutung von Frauen, sexuelle Abartigkeiten. «Für den Normalbürger unvorstellbar.» Es sei wild zu und her gegangen zu diesen Zeiten. «Das musst du erst mal aushalten, wenn sich zwei Meter neben dir Zuhälter blutig prügeln, und du kannst dich nicht bewegen, weil du schon ein Messer in der Seite spürst.»

Riegel hielt durch. 1983, erst 24 Jahre alt, startete er in der Werbung bei der Schweizer Werbeagentur GGK in Düsseldorf, wo er zum jüngsten Art-Director avancierte. «Das war wie eine göttliche Berufung, die beste Zeit in meiner Werberkarriere», sagt Riegel. «Kompromisslosigkeit war unsere DNA. Wir haben prinzipiell nur einen einzigen Vorschlag präsentiert, den wir mit eiserner Konsequenz vertraten.»

«Immer hundert Prozent Leidenschaft»

Riegel war ein harter Taktgeber. Er habe ihm «beigebracht, zu denken und zu schreiben, wie es bei der damaligen Überagentur GGK üblich war», sagt der bekannte Werber Alexander Jaggy, dessen erster Mentor Riegel war. «Ein Mann der Tat, fadengerade, intuitiv, talentiert und immer mit hundert Prozent Leidenschaft bei der Sache.»

Riegel kam Anfang der achtziger Jahre mit Immendorff nach Zürich, in die letzten Rauchschwaden des Kampfs ums AJZ. «Es war sehr spannend, diese Zeit mitzuerleben», sagt Riegel. Er war wie Immendorff ein Linker. «Aber die kamen ins Kunsthaus und warfen uns vor, ins bürgerliche Lager gewechselt zu haben.» Für Riegel ein seltsamer Reflex in der Kunst: «Wenn man sich anständig kleidet und nicht wie ein Freak aussieht, wird einem schnell eine bürgerliche Haltung unterstellt.»

«Drifted» ist sein nächstes Projekt

Nach Stationen bei Jean Etienne Aebi in der Leitung der BBDO-Agenturen in Zürich, mit Reini Weber bei GGK Basel und mit dem Werber Remy Fabrikant hatte Riegel 1997 genug von der traditionellen Werbung und wurde Unternehmensberater. Er befasste sich «als einer der ersten» unternehmerisch und inhaltlich mit dem Internet, produzierte Entertainment, arbeitete mit Weltstars zusammen «von Alicia Keys und Destiny’s Child bis zu den Wiener Philharmonikern».

Heute sagt er: «Die Vergangenheit interessiert mich nicht, ich lebe in der Gegenwart, will in die Zukunft.» Das Etikett des Ex-Werbers behagt ihm nicht: «Ich wollte nie, dass es heisst: Dem gehts gut. Jetzt macht der auch noch Kunst. Was ich mache ist völlige Selbstausbeutung. Ein langer, dornenreicher Weg, der erst einmal kaum Geld bringt.» Er mache schliesslich kein Kunsthandwerk.

Dann produziert er halt selbst

Riegel geht immer weiter. Seit längerem plant er ein grösseres Projekt. «Drifted» ist ein Spielfilm über einen hypersensiblen jungen Mann. Mit professionellen Schauspielern und vielen aktuellen Bezügen zur weltpolitischen Lage. Den Film hat Riegel schon lange im Kopf, nur «hat sich bisher kein Produzent an das Thema heran getraut». Also beschloss er den Film mit seiner Frau selbst zu produzieren.

Doch auch jetzt stösst er in Zürich auf Widerstand. Die Förderung von «Drifted» wurde gerade erst von der Zürcher Filmstiftung abgelehnt. «Ohne plausible Begründung, einfach weil sie nicht verstanden haben, wie wir arbeiten, weil es nicht in ihre Schablonen passt», wie Riegel es sieht.

Wenn es nicht anders geht, wird «Drifted» auch ohne die Filmstiftung produziert werden, gibt sich Riegel überzeugt. So wie schon sein Dokfilm «Mel. Das andere Leben». Heute Abend um 20 Uhr ist Premiere im Kino Xenix. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2017, 16:05 Uhr

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