Skifahren trotz allem

Braune Hänge statt Pulverberge, kaum Sonnenschein: Dieser Winter hat nichts übrig für Wintersportler. Oder doch ein bisschen was?

Der Hoch-Ybrig: Kein Winterwunderland. Dafür hat es viel Platz.

Der Hoch-Ybrig: Kein Winterwunderland. Dafür hat es viel Platz. Bild: Marius Huber

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Oje, die Bilder dieser Webcam wollen wir lieber gleich wieder aus dem Gedächtnis löschen. War das etwa Regen, der da auf die Skipiste prasselte? Egal, verdrängen, warm anziehen und den Krempel packen. Die Mission: testen, wie das geht mit dem Skifahren in diesem Winter, der keiner ist. Das Ziel: der Hoch-Ybrig, nur eine knappe Fahrstunde von Zürich.

Unterwegs kommt man sich vor wie in einem jener Horrorfilme, in denen hinter jeder Kurve ein böses Omen auftaucht – offensichtlich für jeden ausser den naiven Helden, der unbeirrt ins Verderben fährt. Schon am Horgnerberg senken sich die Wolken bis knapp über das Autodach und ersticken die Welt in einem griesgrämigen Nieselregen. Der Sihlsee liegt in seiner Wanne wie ein schwarzes Kuhauge, eingefasst von morastigen, braunen Hängen, an denen sich ein paar schmutzige Schneereste festhalten. Die Strasse endet in Weg­losen, diesem trostlosen Kessel, wo der Wald schwarz und schweigend unter schroffen Felswänden steht. In der Talstation der Seilbahn, die den Charme ­eines Operationssaals hat, befindet sich ausser mir keine Menschenseele. Ein Bildschirm informiert: «Noch 104 Plätze frei». Von 105?

Eine Gondel wie in Versailles
Nein, ausser mir hat sich noch eine deutsche Familie in die riesige Gondel verirrt. Die vier setzen sich am anderen Ende auf eine Bank, zwischen uns unendliche Weiten. «So schön leer», entfährt es einem der Mädchen. «Megacool», nickt die Schwester. «Letztes Jahr war alles so voll.» Es stimmt: Dieses Raumgefühl – wenn Versailles eine Seilbahn gehabt hätte, müsste es so eine sein (mit einem Tick mehr Klimbim, ­versteht sich).

Auch sonst verbuchen wir auf der Habenseite inzwischen den einen oder anderen Punkt. Erstens: keine Ich-bin-zu-spät-dran-und-muss-deshalb-sicher-ewig-anstehen-Paranoia am Morgen. Zweitens: ein VIP-Parkplatz direkt neben dem Eingang zur Talstation. Drittens: ein vergünstigter Tagespass, weil einer der Lifte nicht fährt. Aber das wär alles für die Katz, wenn oben die Pisten nichts taugen. Der Mann im Sportgeschäft hat zwar gesagt, das Skigebiet profitiere diesen Winter davon, dass es am Schattenhang liege. Im Gegensatz zu anderen sei man nicht von Schneekanonen abhängig, und es habe zehn Zentimeter Neuschnee gegeben. Aber im Kopf hängen noch die Bilder der Webcam.

Dann ist der Moment der Wahrheit da. Gut, Pulverschnee ist es nicht gerade, was da unter den Brettern schmiert. Die Konsistenz ist eher die von Zitronensorbet. Es habe halt reingeregnet am Morgen, sagt der Mann am Skilift. Aber die überraschende Erkenntnis ist: Es fährt sich ganz okay auf dieser ­Unterlage. Sie ist nicht hart, vereiste Stellen sind selten.

Zitronensorbet mit Streusel
Der Schnee verhält sich zwar träg wie Sand, aber wenn man ihm keine neue Spur aufzwingen will, zeigt er sich gnädig. Sogar drüben am Spirstock, wo die Piste stellenweise gefärbt ist wie der Schaum eines Cappuccinos, gesprenkelt mit schwarzen Schokostreuseln – nasse Felsbrocken, manche davon faustgross. Es ist vielleicht kein Winterwunderland, aber dafür ist es meines. Nur 1200 Leute sind übers Skigebiet verstreut – an guten Tagen wären es fünfmal mehr.

Zwei, drei Stunden später schiebt sich von Westen her plötzlich ein grauer Schleier heran. Innert Minuten hat er die Gipfel der Mythen verhüllt, dann die umliegenden Bergrücken. Das wird doch nicht etwa Regen sein? Der Schleier verschluckt jetzt das Restaurant, den Skilift, die Piste. Es ist Schnee. Dichter Schnee. Man sieht nur noch Weiss. Der Rest ist Schweigen.

Erstellt: 04.01.2016, 10:57 Uhr

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