So geht Schwertkampf wie im Mittelalter

Unsere Autorin hat ein Ziel: kämpfen, wie es einst auch Jeanne d’Arc tat. Am Schluss fühlt sie sich eher wie ein geprügelter Hund.

«Niemand tötet uns, ausser wir selbst» – so der neue Leitspruch unserer Autorin.

«Niemand tötet uns, ausser wir selbst» – so der neue Leitspruch unserer Autorin. Bild: Samuel Schalch

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Es begann als langweilige Gymi-Lektüre. Doch als Schiller diese löwenherzge Jungfrau, Johanna von Orléans, in den Kampf gegen die Engländer ziehen liess, da brüllte auch mein Kämpferinnenherz beim Lesen:

«Mit Götterkraft berühret mich sein Eisen, Und mich durchflammt der Mut der Cherubim, Ins Kriegsgewühl hinein will es mich reissen, es treibt mich fort mit Sturmes Ungestüm (...)»Johanna von Orléans in Schillers Drama

Noch weit weg von solchen Erlebnissen, begebe ich mich in das Training des sogenannten Hema-Fechtens – echt historisch mittelalterlich halt. Im Vergleich mit Johannas Welt erinnert diese Wiese im ländlichen Williberg (die kleinste Gemeinde im Kanton Aargau) eher an Gotthelfs als an Ritters Zeiten. Mein Trainer für den Abend – Stephan Wullschleger, leider nicht in Ritterrüstung – lässt mich erst Schwerter zum Platz schleppen (schwerer als gedacht). Und schon verliere ich den Überblick: Da gibt es die, die man einhändig schwingt, dann die Zweihandschwerter, dann die, die man einzig für Duelle nutzte, und jene aus Gummi, für die Anfängerfehler … uff.

Ich stehe bereit, Beine leicht gebeugt, so kann ich schneller agieren. Meine Hand umklammert das Bastardschwert – ihm werden grosse Elastizität und Leichtigkeit nachgesagt. Der Griff ist mit Lederband umwickelt, die Klinge geht bis zum Knauf, ist aber nicht geschärft. Hergestellt hat es ein Waffenschmied, der noch mittelalterliche Eisenaufwertung beherrscht. «Wir sind nicht die einzigen Freaks in der Mittelalterszene», sagt Wullschleger. Ich glaube ihm.

Ein Schmied, der das Eisen mit Techniken aus dem Mittelalter bearbeitet gibt am Greenfield 2017 Einblick in seine Arbeit. Video: Martin Bürki

Im Schnellverfahren gehts durch die Hau-, Schlag- und Schirmtechniken. Da ist der «Ochse», der zum sogenannten Oberhau einleitet: Er wird seitlich oben diagonal spaltend auf die untere Seite geführt; ausholen über dem Kopf, mit gestrecktem Arm gehauen. «Ziele immer auf mein Schlüsselbein», fordert der Coach. Mit «Eber» ist die gegenläufige Bewegung gemeint, sie soll bei der Ausführung aussehen wie ein wildes Borstentier, das, von Jagdhunden umringt, ums Überleben kämpft. Zunehmend merke ich, dass es besonders die Rückhandhiebe sind, die schwerfallen.

So sieht es bei den Profis bei den Ritterspielen in Wolfwil aus. Bild: Dominique Meienberg

Ich fühle mich wie in einem Comic, mit «klirr», «zisch» und «zack» treffen die Schwertklingen aufeinander – oder auch mal nicht. Und mit zunehmendem Tempo spüre ich nun zum ersten Mal Furcht, so ganz ohne Rüstung und Schutz. Es gibt zwar gepolsterte Fechtmäntel, die früheren Gambesons nachempfunden sind, Brust- oder Lendenschutz, Schienbeinschoner und Masken – doch bei den Grundlagenübungen wird das alles nicht verwendet. Auch die (ironiefreien!) Aussagen von Coach Wullschleger – «einen blauen Fleck oder einen gebrochenen Finger kann es schon mal geben» – wirken nicht eben beruhigend. Und plötzlich ruft er: «Nicht zurückschrecken! Zieh die Klinge durch, schliesslich müssen deine Schläge auf eine Tötung abzielen!» Uff.

Gummi- statt Gotteskraft

Nach der Übung ist vor dem gegenseitigen Figurenvorführen (in der Kämpfersprache auch Drill genannt). Ohne Gegenüber fühlen sich die Bewegungen nun tänzerisch und leicht an. Weg von «Eber» und «Ochse», hin zu kraftvoller Eleganz und anmutiger Balance.

Als sich das Training dem Ende zuneigt, kommen Machtgelüste hoch – wir ziehen wettbewerbsmässig gegeneinander in den Kampf! Regeln gibt es wenige, gar Kicks sind erlaubt. Etwas enttäuscht bin ich schon, dass ich fast als Einzige bloss mit dem Gummischwert draufhauen darf. Ich bin zu langsam, kassiere «tödliche Stiche» auf Schulter und Arm. Diese Verlusttreffer führen zu einem ungeahnten Zorn, blöderweise lässt sich damit das Schwert nicht überlegter führen. Als mir doch noch ein Gewinnhieb gelingt, müsste es sich eigentlich anfühlen, als ob Gotteskraft mein (Gummi-)Eisen durchfahren hätte. Tatsächlich empfinde ich mich eher als geprügelter Hund, dem man einen Mitleidsknochen hingeworfen hat.

Für die Anfängerin gibt es ein Gummi-Eisen. Bild: Samuel Schalch

Sehnsucht nach der Kinderwelt

Für das erfolgreiche Absolvieren des Trainings gibt es trotzdem ein rotes Abzeichen. Darauf prangt das Fabeltier Baskerhund und darüber in lateinischen Lettern ein Leitvers: «Niemand tötet uns, ausser wir selbst.» Am nächsten Tag fühlen sich meine Armmuskeln tatsächlich an, als hätte ich sie getötet. Der Schmerz erinnert auch an die Zeit, als wir noch jeden Sommer die Wiesen der Grosseltern heuen mussten. Und für einen Moment wünsche ich sie mir zurück, diese bauernkindliche Welt, die weder Mord noch Totschlag kannte.

Wer selbst zum Schwert greifen will, melde sich hier: www.baskerhunde.ch

Erstellt: 31.07.2019, 13:28 Uhr

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