So isst die Schweiz – Birchermüesli und Bloderkäse

Im Landesmuseum Zürich beleuchtet eine Ausstellung die nationale Esskultur – mit viel Wissen und einigem Witz.

Die gestrickte Metzgerei von Madame Tricot. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Die gestrickte Metzgerei von Madame Tricot. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

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Ein Highlight der Ausstellung ist die Metzgerei, an der auch Vegetarier ihre Freude haben dürften. Denn all das Fleisch, das in den Auslagen liegt und an den Haken hängt, ist nicht essbar. Kein Tier musste sein Leben lassen. Die Wurst ist ebenso wie der Braten – gestrickt. Ja, gestrickt. Mit Wolle und Stricknadeln. Von weitem sieht alles so echt aus wie in einer echten Metzgerei. Von nahem sieht man die Wollfäden, die in sich verknüpft sind und Formen annehmen – zum Beispiel zu einem ganzen Saukopf.

In Handarbeit hergestellt hat diese kleinen Kunstwerke Madame Tricot alias Dominique Kähler. Ihre Metzgerei ist Teil der Ausstellung «Was isst die Schweiz?» im Landesmuseum Zürich, die das Nationalmuseum letztes Jahr bereits in Schwyz gezeigt hat. Sie thematisiert vor allem das kulturelle Erbe des Essens in der Schweiz, wagt aber auch einen Ausblick in die Zukunft und stellt zum Beispiel die Frage, ob Insekten dereinst Teil des täglichen Speiseplans sein werden. Der Verkauf der kleinen, für viele gruseligen Viecher ist seit kurzer Zeit im Land gesetzlich erlaubt. Die Ausstellung zeigt auf, wie Jahrhunderte zuvor höchst Exotisches wie Äpfel, Kartoffeln oder Mais den weiten Weg aus fernen Landen in die Schweizer Küchen gefunden hat.

Keine nationale Küche

Die zentrale Frage zu «Was isst die Schweiz?» beantwortet die Ausstellung gleich beim Eingang auf einem grossen Plakat: «Eine Schweizer Nationalküche gibt es nicht. Die kulturelle Vielfalt und die politische Realität spiegeln sich in der Schweizer Küche wider. Jede Landesgegend bringt ihre eigenen Gerichte und Spezialitäten hervor.»

Natürlich zeigt die Ausstellung kulinarische Errungenschaften aus der Schweiz, die international zu Ruhm gekommen sind: das Birchermüesli, die Toblerone, die Maggiwürze. Doch daneben heben die Ausstellungsmacher rund um Kuratorin Pia Schubiger lokale Spezialitäten hervor, die seit Jahrhunderten hergestellt werden, aber nur gerade in der eigenen Region bekannt sind: den Gangfisch in der Bodenseeregion zum Beispiel. Oder den Urkäse im Toggenburg, der auch Bloderkäse heisst, und der ohne Lab hergestellt wird.

Eindrücklich ist eine Tonbildschau, die darstellt, wie sich die Alltagsküche von Arm und Reich in den letzten Jahrhunderten entwickelt hat. So bestand der Speiseplan einfacher Leute im 15. Jahrhundert oft aus Hafer, Ziger und Dörrbirnen. Äusserst trist war der also. Die Ausstellung stellt auch immer wieder Vergleiche an: So stellt sie den Diätwahn, der im letzten Jahrhundert durch all den Überfluss entstanden ist, dem religiösen Fasten entgegen, das aus dem Jahreszyklus mit Getreideernten und Schlachten entstanden ist. Oder sie stellt den wachsenden Fleischverzehr dem trendigen Veganismus entgegen.

Prunkstück der Show ist ganz klar das immense Einsiedler Service, das erstmals 1776 aufgetischt wurde. Daneben liegt das Menü, das damals bei der Engelsweihe serviert wurde.

Die Ausstellung ist lehrreich, doch nicht moralisch. Sie beleuchtet Tabus und Tischsitten genauso wie Trends und Tafelkultur. Und immer wieder trifft man auf Humoresken. Zum Beispiel im Kurzfilm «Putzete», einer avantgardistischen Betrachtung des weihnachtlichen Schlemmens. Er ist aber nicht von einem Experimentalfilmer fabriziert, sondern für das «Freitagsmagazin» des Schweizer Schwarzweissfernsehens im Jahr 1961. Guten Appetit!


Video: Insekten auf dem Teller

Oft bleibt es bei einem einmaligen Versuch. Video: SDA/Tamedia


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2018, 15:08 Uhr

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