So lebt es sich in der Gnossi in Zürich Nord

Das Hunziker-Areal soll zu einer lockeren Gemeinschaft wachsen. Dafür braucht es viel Einsatz von vielen Menschen.

Auch im Aufenthaltsraum einer Clusterwohnung ist man manchmal allein. Hier leben sieben Menschen, alle haben ein Zimmer mit eigenem Bad. Fotos: Urs Jaudas

Auch im Aufenthaltsraum einer Clusterwohnung ist man manchmal allein. Hier leben sieben Menschen, alle haben ein Zimmer mit eigenem Bad. Fotos: Urs Jaudas

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Ein höheres Ziel hätten sich die Planer kaum setzen können. Zu einem zweiten Idaplatz soll sich der Hunziker-Platz entwickeln, einem Ort, wo sich das städtische Leben bündelt, wo geschwatzt wird und gespielt, eingekauft und vorgeführt, getrunken und geraucht.

Und das alles auf einer ehemaligen Wiese in Leutschenbach.

Die Genossenschaft Mehr als Wohnen, die das Hunziker-Areal gebaut hat, unternimmt viel, um ihren zentralen Platz zu beleben. Zahllose Workshops und Echoräume wurden durchgeführt, ebenso viele Quartiergruppen und runde Tische gegründet.

Ein grosser Gemeinschaftsraum liegt direkt am Hauptplatz. Der Quartierkalender ist nicht ganz aktuell.

Der Zwischenstand, viereinhalb ­Jahre nach der Eröffnung des Areals, fällt durchzogen aus. «Gemessen am Idaplatz läuft hier deutlich weniger», sagt Anna Haller, die Partizipationsverantwortliche der Genossenschaft. Der Idaplatz liege allerdings mitten im ­lebhaften Kreis 3. In Zürich-Nord herrsche noch lange nicht die gleiche Betriebsamkeit. «Und im Vergleich mit anderen Siedlungen in Leutschenbach haben wir schon viel erreicht.»

Das lässt sich gut nachprüfen an der Siedlung, die gleich neben dem Hunziker-Areal liegt. Sie ist ähnlich jung und fast so gross, gehört aber privaten Investoren, die weniger Wert auf die Mitwirkung ihrer Mieterinnen legen. Rund um diese Blöcke wirkt der Aussenraum steril und ungenutzt, Wege schneiden sich durch streng gemähten Rasen. Menschen wagen sich kaum auf das «Umgebungsgrün».

Ganz anders sieht es zwischen den 13 Häusern aus, die das ­Hunziker-Areal bilden. Dort blühen Gärten, es gibt Grillstellen, Bänke, Pingpong-Tische, Blumentöpfe – Zeugen von Leben, auch wenn sich gerade niemand dort aufhält.

Zwischen den Häusern blühen die Gärten.

Rund 35 Zürcher Genossenschaften haben sich im Jahr 2007 zusammengetan, um das Hunziker-Areal zu planen. Das Ziel: neue Arten des genossenschaftlichen Wohnens zu testen. Anna Haller führt regelmässig Neugierige durchs Quartier. Das Areal hat einen Ausstellungsraum, wissenschaftliche Studien begleiten das Projekt.

Ein Sechstel will mitreden

Ein Schwerpunkt des Hunziker-Experiments liegt auf dem Zusammenleben. «Die Bewohnerinnen und Bewohner sollen mitbestimmen können, was in ihrem Umfeld geschieht», sagt Anna Haller. Ihr Job ist es, dieses Mitwirken zu fördern. Dabei gehe es nicht darum, die Menschen zu animieren. Entscheidend sei vielmehr, optimale Voraussetzungen zu schaffen. Dazu gehören Räume, die Anwohner nutzen und einrichten können. Dazu gehören auch Geld und Beratung. Pro Jahr stellt die Genossenschaft rund 80000 Franken bereit, um Projekte umzusetzen. Über deren Verteilung bestimmt die Allmendkommission. So sind ein Indoorspielplatz entstanden, ein Yoga-Studio, ein Fitnessraum oder eine Bibliothek.

Bewohner haben einen Indoorspielplatz aufgebaut.

Aber längst nicht alle nutzen diese Möglichkeit. «Bei den Workshops treffen sich immer wieder die üblichen Verdächtigen», sagt Anna Haller. Tendenziell beteiligten sich gut Ausgebildete aus der Mittelschicht. Etwa 200 Leute umfasse die aktive Gruppe – bei insgesamt 1265 Bewohnerinnen. Vielen fehle die Zeit, um am Abend noch etwas anzureissen. «Oder sie sind es sich nicht gewohnt.» Eine Pflicht zur Partizipation gebe es nicht, sagt Haller. «Es ist okay, sich nicht zu engagieren.»

Versuche können auch schiefgehen. Manche Ideen versanden. Andere funktionieren nicht. So liess die Genossenschaft am Anfang gewisse Gemeinschaftsräume und Terrassen Tag und Nacht unverriegelt. Das führte zu Problemen. «Es ist wichtig, solche Grenzen auszuhandeln», sagt Haller.

Von aussen betrachtet, können Genossenschaften wie Mehr als Wohnen als geschlossene Gesellschaften wirken, in denen sich alle kennen. Das treffe beim Hunziker-Areal gar nicht zu, sagt Anna Haller. Freie Wohnungen würden öffentlich ausgeschrieben. Zahlreiche Kriterien regeln die Vergabe. «Wir bemühen uns, die Bevölkerungsverteilung der Stadt bei uns wiederzugeben.»

Die Fähnchen machen deutlich: Man spannt zusammen.

Neue Formen des Zusammenlebens sollen sich auch hinter den Mauern ergeben. So besteht das Haus namens «Innenstadt» aus elf grossen Clusterwohnungen, 1- oder 2-Zimmer-Wohneinheiten, die sich um eine grosse Küche und weitere Aufenthaltsräume anordnen. Das ermöglicht eine Mischung aus Allein-Wohnen und WG-Alltag.

Rückzug geht auch

Der Grundriss der Clusterwohnungen orientiert sich an der Art, wie die Gebäude des Hunziker-Areals zueinander stehen. Das Grosse soll sich im Kleinen abbilden. Zumindest bei den Verhaltensweisen der Bewohner trifft dies zu. «Manche von uns bleiben oft für sich», sagt Moritz Zimmer, der seit der Eröffnung einen Siebner-Cluster bewohnt. «Manche bewegen sich lieber in den öffentlichen Zonen und prägen diese mit.» Zimmer selber gehört zur zweiten Sorte. Ihn störe es aber nicht, wenn sich jemand zurückziehe.

In den elf Cluster-Wohnungen hätten sich verschiedene Arten des Zusammenlebens herausgebildet, erzählt Zimmer. Bei ihnen gelte: so wenig Regeln wie möglich. «Wir haben keinen fixen WG-Tag in der Woche.» Man treffe sich aber regelmässig, um gemeinsam zu kochen oder – wenn nötig – Schwierigkeiten zu besprechen. Insgesamt klappe das Zusammenleben gut, sagt Zimmer. «Wir haben wenige Wechsel.» Er selber gehört mit seinen 46 Jahren zu den Älteren im Haus. «Ich hab aber nicht vor, bald auszuziehen.»

Fast ein Symbol, dieses Ensemble aus Pflanzen.

Am Anfang wirkte Moritz Zimmer auch an Projekten im Grossen mit. Später habe er sich zurückgezogen, auch weil er die Zusammensetzung der Gruppen zu einheitlich fand. «Diese Art des Mitdiskutierens schafft eine natürliche Eintrittshürde.» Nun habe er sich vorgenommen, bei der Brettspielgruppe einzusteigen. «Diese scheint mir recht vielfältig zu sein.»

Auf dem Hunziker-Platz kommt gegen sechs Uhr etwas Leben auf. Ein paar Tische des angrenzenden Restaurants sind besetzt. Im grossen Brunnen, genannt «Dorfbadi», planschen Kinder. Bewohnerinnen kehren von der Arbeit zurück. Manche schlendern. Andere schreiten entschlossen nach Hause. Zumindest an diesem Sommerabend reicht es ihnen, nur zu wohnen.

Erstellt: 16.08.2019, 17:37 Uhr

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