Zum Hauptinhalt springen

So nah und doch so fern

Gelebter Egoismus oder gelebte Individualität? Das ist nur eine der grossen Fragen, die unbeantwortet bleiben, wenn ein Nostalgiker und ein Modernist durchs Säuliamt cruisen.

Diese Autobahn durch den Uetliberg ist selbst zwar keine Attraktion, sie hat als (Schnellanschluss) das Säuliamt als Wohnort für viele Zürcher aber dennoch attraktiv gemacht.
Diese Autobahn durch den Uetliberg ist selbst zwar keine Attraktion, sie hat als (Schnellanschluss) das Säuliamt als Wohnort für viele Zürcher aber dennoch attraktiv gemacht.
Thomas Wyss
Wirkt irgendwie wie «Wohnen ab Stange»: Diese Häuserzeile in Wettswil war das erste, was unser zwei Reporter vom Säuliamt erblickten.
Wirkt irgendwie wie «Wohnen ab Stange»: Diese Häuserzeile in Wettswil war das erste, was unser zwei Reporter vom Säuliamt erblickten.
Thomas Wyss
Und das Schönste kommt zum Schluss: Der Türlersee, der in diesem spätherbstlichen Zustand irgendwie an eine Miniaturausgabe des schottischen Loch Lomond erinnert.
Und das Schönste kommt zum Schluss: Der Türlersee, der in diesem spätherbstlichen Zustand irgendwie an eine Miniaturausgabe des schottischen Loch Lomond erinnert.
Thomas Wyss
1 / 11

Wie merkt man, dass man sich nicht mehr in der Stadt befindet? Genau. An den Schildern der Geschäfte. Auf denen steht dann: «Fassreinigung Amstutz», «Willys Wohnmobile», «Expert Senn» oder «Wax.ch».

Thomas Wyss: What the f***, Wax.ch? Ein Enthaarungsstudio im Säuliamt?

Beat Metzler: Du kaputtes Stadtkind! Wax.ch verkauft unschuldigen Skiwachs.

Wir cruisen durchs Knonauer Amt, im Volksmund «Säuliamt» genannt. Das ist jener Kantonsteil, der hinterm «Hausberg» liegt, aber fast zur Stadt gehört, weil seit acht Jahren der Autobahntunnel unter dem Uetliberg das Rurale mit dem Urbanen verbindet. Diese Schnellspur in die City hat dazu geführt, dass sich im Säuliamt die Bodenpreise binnen der letzten fünf Jahre um 14 Prozent erhöht haben – wodurch die Region zur sechstteuersten im Kanton aufgestiegen ist. Höchste Zeit also, die «neue Goldküste» (Zitat aus dieser Zeitung) mit einem Besuch zu beehren.

Da der Zug noch immer im weiten Bogen um den «Uetsgi» herumkurvt, tun wir das per Auto. Für die Tunneldurchquerung braucht man nur wenige Minuten, kurz vor dem Ende kann man einspuren Richtung Wettswil, einmal blinken, leicht abbremsen, et voilà: Schon ist man mittendrin in der Herrlichkeit.

Wyss (sich umblickend): Ein Autobahnportal, Terrassenhäuser ab Stange. Kein vorteilhafter Einstieg.

Metzler: Autobahneinfahrten sind selten Prachtbauten. Aber das ist nicht die Schuld des Säuliamts. Dafür ist man wirklich verdammt schnell hier.

Nach einer Würdigung der pittoresk farbigen Bäume (für die das Säuliamt ebenfalls nichts kann) fahren wir durch Wettswil, Bonstetten (wo wir eine Extrarunde durch den alten Dorfkern drehen, so, wie das sich verfahrende Agglos in Stadtquartieren machen) und Hedingen. Überall dasselbe: Nachkriegsjahr-Einfamilienhäuser wechseln sich ab mit Neusiedlungen, einigen alten Bauernhöfen und Gewerbehallen. Sauber abgegrenzt wird das alles durch Tujahecken, Maschendrahtzäune und Lärmschutzwände. Eingeborene jedoch sieht man an diesem Dienstagvormittag kaum.

Metzler: Erstaunlich, wie schnell die Ausstrahlung einer Stadt nachlässt. Wir könnten irgendwo im Mittelland sein.

Wyss: Mir fehlt die Harmonie, der übergeordnete Gestaltungswille. Jeder macht auf seinem Grundstück, was er will, das ist gelebter Egoismus.

Metzler: Oder gelebte Individualität. Das ist doch eine Eigenschaft, die du als weltoffener Städter schätzen solltest.

Wyss: Aber nicht im Strassenbild! Dieser Dekoplunder vor den Häusern, diese in Kürbisse geschnitzte Niedlichkeit, diese aufgeräumte Idylle – als ob man bei den Leuten in der Stube stünde. Metzler: Das zeigt nur, wie wohl sich die Menschen fühlen. Und wie sicher! Im Kreis 4 wären die Kürbisse längst Matsch.

Wyss: Genau. Zerschlagen von Agglos im Ausgang.

Die Dörfer sind weniger verhaltensauffällig: An den Rändern und Hängen wird gebaut, im Zentrum steht ein Volg. Immerhin, ab Hedingen weitet sich der Horizont unter den dramatischen Wolken, und das weckt bei Wyss Erinnerungen, plötzlich schwärmt er von Frankreich, wo solche Dörfer noch immer aussähen wie bei «Asterix & Obelix».

Metzler: Elender Nostalgiker. Das Säuliamt geht halt voran. Hier ist das Leben zweckmässig, modern.

Wyss: Und hässlich. Sogar die S-Bahn-Züge haben diesen sachlichen Look.

Metzler: Und in 100 Jahren fahren Leute wie du durch das Säuliamt und schwärmen von der Siedlungsplanung der frühen 2000er-Jahre.

Wyss: Dir fehlt das Gespür für die universelle Ästhetik, die in Hedingen übrigens definitiv nicht verwirklicht ist.

Wir erreichen Affoltern am Albis. Wo wir am Bahnhof das «Bockenkrieg»-Denkmal und darauf den schillernden Namen Schneebeli entdecken (der offenbar kein Urahne unseres gleichnamigen TA-Haudegens ist, sich aber 1804 mit anderen Säuliämtler Bauern gegen Zürich auflehnte, um die Abschaffung des Zehnten zu erreichen). Dann, nach rosa Zwillingshäuschen und einem Tennisclub, machen wir die Fussballanlage Im Moos aus, auf der Wyss als E- bis A-Junior des FC Wollishofen viele Siege feierte, wie er mit dem wehmütigen Blick eines Veteranen preisgibt.

Wyss: Obwohl das häufig enge Duelle waren, ich erinnere mich . . .

Metzler (schlotternd und Wyss unterbrechend): Können wir gehen?

Was früher rebellisches Untertanengebiet war, ist heute gut situierte Agglo: Unweit vom Denkmal entfernt, neben der Autobahneinfahrt Affoltern, entsteht eine Filiale der Baumarktkette Hornbach – sie liefert den Beweis, dass das Knonauer Amt jetzt im Konzert der relevanten Kantonsgebiete mitspielt.

Wyss: Diese Hornbach-Dinger eröffnen sie nur in Gegenden, die wirtschaftlich funktionieren.

Metzler: Mag sein. Aber für eine Ikea scheint es noch nicht zu reichen.

Die nächsten Stationen heissen Obfelden, Dachlissen, Mettmenstetten, Rifferswil und Hausen a. A., von Ort zu Ort wird unser Ausflug idyllischer: Der Riegelhaus-Koeffizient steigt, man sieht weniger Reihenhäuschen und weniger Neubauten mit verglasten Balkonen, dafür Schilder, die auf Hornussplätze hinweisen. Der Zugersee erscheint am Horizont, der Blick reicht bis in die Innerschweiz, vom «Paradiesli» aus, einem Aussichtspunkt über Mettmenstetten, lässt sich das besonders gut geniessen.

Wyss: Hier ist man endlich auf dem Land, nicht mehr in der Agglo.

Metzler: Stimmt. Wenn man sich das Autobahnrauschen wegdenken kann.

Wir durchmessen das Seleger Moor (dessen Besuch alle Einheimischen, die offizielle Website und jetzt auch wir empfehlen, weil ein mächtiger und prächtiger Mäusebussard direkt neben unserem Auto gelandet ist), bestaunen die Wälder des Albiskamms, deren Blätter noch einmal richtig gelb leuchten, bevor sie auf dem Waldboden vermodern müssen. Euphorie kommt auf.

Wyss: Fast wie in Kanada!

Metzler: Nur hats dort keinen Volg.

Es folgt ein Abstecher zum Zürichberg des Säuliamts (also zum Zürichberg der neuen Goldküste), nach Aeugst a. A. Das den tiefsten Steuersatz und die tollste Aussicht der Region bietet. Hier wirken gar alte Scheunen aufgebrezelt, hier ist man definitiv «auf der Sonnenseite», wie der offizielle Slogan des Bezirks lautet.

Doch das Schönste folgt (dank kluger Routenwahl) zum Schluss: der Türlersee! Im nachtblauen Wasser spiegeln sich die Wolken, der Zeltplatz ist leer geräumt, ein paar Enten gondeln vorbei, wir hören den Sound of Silence.

Metzler und Wyss: Einfach sauschön.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch