Soll man mitten in der Stadt fitten?

Sport in der Gruppe im Park ist in Mode. Was für die einen pure Überzeugung, ist für die anderen die reinste Zumutung.

Auch auf der Fussgängerinsel am Bürkliplatz lässt sich unter gezielter Anleitung Sport treiben. Foto: Dieter Seeger

Auch auf der Fussgängerinsel am Bürkliplatz lässt sich unter gezielter Anleitung Sport treiben. Foto: Dieter Seeger

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Ja

Sport ist gut, egal wo und wie. Das gilt auch für all jene, die sich derzeit überall in der Stadt ertüchtigen. Ich gehöre auch zu jener belächelten Spezies, die in der Gruppe an Ort joggt, im Takt Mauern hoch und runter springt oder auf dem Asphaltboden im Brett verharrt. Und nur, weil es mir mein Coach befiehlt. Doch ich mache das nicht erst seit gestern, sondern seit fünf Jahren, aus purer Überzeugung.

Niemand zweifelt daran, dass Sport an der frischen Luft gesundheitsfördernd ist. Das steigert die Serotoninausschüttung, treibt an. Im Wald noch mehr als in der Stadt. Doch manchmal ist der Weg dorthin zu weit, das Training wird deshalb mitten in die Stadt verlegt und wird so sichtbar für alle. Biertrinker am Helvetiaplatz mögen das Tun der Sportgruppe nebenan als öffentliches Zelebrieren der Fitness abtun. Doch daraus spricht nur der Neid aller Unsportlichen, für die der Sport im öffentlichen Raum ein Unding ist. Unsereins hält sich auch nicht erst bei Apéro-Temperaturen draussen auf, sondern ganzjährig. Dafür sind wir im Winter nie krank.

Zum Erlebnis macht diese Art von Sport die Gruppe. Das sage ausgerechnet ich, bekennende Kollektiv-Meiderin. Mehr noch: Ich hasse Menschenaufläufe, besonders, wenn die Masse leistungsbesessen einem Trend hinterherhechelt. Doch das Team ist entscheidend. Meins ist anders. Es besteht aus Gleichgesinnten, sprich berufstätigen Müttern (einige gar mit Kindern im Schlepptau), die Verständnis für Augenringe haben! Keine ist Marathonläuferin, keine hat ein Sixpack oder höhere Ambitionen. Uns zu messen, haben wir nicht nötig: Mit Familie und Beruf gute Figur zu machen, ist Spitzensport pur. Wir wollen uns nur fit fühlen, attraktiv bleiben. Klar könnten wir allein Liegestützen machen, dazu sind wir diszipliniert genug. Aber in der Gruppe macht Sport mehr Spass, die Dynamik spornt an, das Erlebnis schweisst zusammen und macht glücklich. Gemeinsam den Vita-Parcours abzulaufen, wäre dafür kein Ersatz. Wir wollen gezielt trainieren, Beckenboden, Bauchmuskeln, Rücken, immer eine Nuance mehr.

Das weiss die Trainerin. Sie stellt die Übungen zusammen. Sie stoppt die Zeit, zählt mit und ruft «Mehr Speed» oder «Go! Go! Go!» in die Runde. Das mag wie Drill tönen, aber für uns Sportlerinnen ist das rein motivierende Lenkung. Im Moment des Trainierens will ich nicht denken, nur machen, ausführen. Ganz auf meinen Körper fokussiert. Ich weiss, das können auch Apps wie «Seven» oder «Freeletics» für wenig Geld leisten. Selbst die Applewatch kann mir Sporteinheiten verordnen. Doch das ist nicht alles. Lenkung heisst auch Überwachung. Meine Trainerin sagt mir, wenn meine Schultern im Plank nicht über den Händen sind, wenn die Knie beim Squat nicht in Richtung grosse Zehen schauen. Das können Apps nicht. Deshalb bezahle ich die Trainerin auch gern.

Mit unserem Tun beleben wir Sportler Zürichs öffentlichen Raum, ohne zu stören. Wir treffen uns, erleben etwas. Das unterstützt Zürich mit viel Geld. Wir tun es gratis. Und sind erst noch gesunde und glückliche Mitbürger.

Nein

Es ist schon seltsam. Man beobachtet oft Gruppen in Parks in knall bunten Leggings und atmungsaktiven Träger-Shirts, wie sie auf kleine Podeste treten, Medizinbälle stemmen oder stehend Kugeln durch ihre Beine schwingen. Dabei erröten ihre Gesichter wie Tomaten, verzerrt vor Schmerz, als ob eine Langhantel ihre Füsse zerquetschen würde. Die Sportler stossen dabei Laute aus, die an Affenkäfige im Frühling erinnern. Und schliesslich lassen sie sich von eifrigen Instruktoren mit Kurzhaarfrisuren und definierten Oberarmen anschreien wie Marinesoldaten am ersten Ausbildungstag: «Go! Go! Go!»

Man könnte jetzt natürlich anführen, dass diese Sportler nichts anderes sind als die Darsteller in einer Komödie, über die sich alle anderen Park­besucher amüsieren könnten, während sie an einem Bier nuckeln und an einer Zigarette ziehen. Man könnte diese Hampelmänner – in einem wörtlichen Sinn gemeint – als Bereicherung des öffentlichen Raums sehen. Doch ist die Tendenz beängstigend. Es werden immer mehr! Das lässt den Schluss zu: Immer mehr Leute sind auf sich und ihren Körper fixiert. Immer mehr keuchen und schnaufen beim Versuch, ein besseres Selbst aus sich zu formen. Immer mehr ersetzen Spass mit Anstrengung. Sport in Ehren, jeder soll so viel machen, wie er will. Und doch: Was ist Sport eigentlich anderes als Schadensbegrenzung? Als ein Ausgleich zu einem Leben voller ungesunder Sachen wie etwa Pommes frites oder Streit mit dem Partner? Er ist eine Hilfe, nicht frühzeitig aus dem Leim zu gehen. Mehr nicht. Warum man diese Schadensbegrenzung in aller Öffentlichkeit ausführt, im Park, wo sonst eine friedfertige Atmosphäre vorherrscht, bleibt schleierhaft. Warum man so tut, als wäre die Sache mehr als nur notwendig, ebenso.

Das ist doch, als ob man dauernd demonstrativ öffentlich duschen würde. Es geht zwar nicht ohne Hygiene, klar, sonst schichtet sich irgendwann der Dreck; und trotzdem sucht man dafür im Idealfall einen dafür vorgesehenen Rahmen auf.

Es ist schon erstaunlich: Dort, wo früher Junkies die Spritzen tauschten, lassen sich heute junge Menschen mit roten Köpfen freiwillig anschreien. Nur in einer Sache gleichen sich die Drogenabhängigen und die Sportler: Beide schämen sich nicht vor denen, die sie beobachten. Wer sich nicht anständig zu langweilen versteht, treibt Sport. Dabei sollte man sich besser fragen, wie ein Leben abseits des Selbstoptimierungswahns funktionieren könnte.

Zürich war einmal eine Triple-A-Stadt: Asoziale, Arbeitslose, Alte. Das muss nicht wieder so werden. Doch darf sich die Sachlage auch nicht zugunsten der Selbstoptimierer verschieben. Zugunsten derer, die Sport im Rudel betreiben und so tun, als hätte das ganze Gehetze irgendetwas mit Spass zu tun. Sie machen aus der Stadt einen riesigen Vita-Parcours. Und wer möchte in einem solchen leben?

Vielleicht wäre es an der Zeit, einen Schritt zurück zu machen und anstatt den Alterungsprozess zu bekämpfen, darüber zu lachen. Zum Beispiel bei einem Bier in der Bar.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.04.2017, 15:52 Uhr

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