Sommerlieben, die nur in der Badi stattfanden

Ab heute sind alle Stadtbäder geöffnet. Und Illustratorin Tina Schmid bringt ihr «Züribadibuch» auf den Markt. Es ist ein Spiegel für die Körperkultur in unserer Stadt.

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Anfang 2018 scheint das Leben von Tina Schmid so regnerisch wie das Wetter zum heutigen Badisaisonstart: Schmid ist pleite und arbeitslos. «Es war in jeglicher Hinsicht ein sehr kalter Winter für mich», sagt die 30-Jährige, die Kunst und Vermittlung studiert hat. Sie macht sich auf die Suche nach einem Projekt, das ihr die Motivation zurückgeben würde, am Morgen aufzustehen.

Als Schmid in einem Restaurant mit der Rechnung eine Postkarte zum Versenden erhält, habe sie die Idee gehabt, eine Serie von Ansichtskarten zu illustrieren. Motiv: die Zürcher Badis. Auf der Suche nach alten Fotografien für die Zeichnungen taucht sie in das Stadtarchiv ein. «Die dortige Fülle an Material hat mich überwältigt», sagt Schmid und lässt ihren Blick über die Frauenbadi schweifen, vor der wir gerade stehen. Es ist auch die Geschichte dieser Badi, die sie dazu bringt, von der Kartensammlung weg und mehr in Richtung Buch zu denken.

Tina Schmid in der Frauenbadi: «Das Frauenbild der Zürcherinnen und Zürcher lässt sich an der Entwicklung der Badis ablesen.» Foto: Andrea Zahler

An diesem Frauenbad allein sei abzulesen, dass die Geschichte der Zürcher Badis vor allem eine Geschichte der Emanzipation der Frau sei. «Anfang des 19. Jahrhunderts gab es noch wenige Badezimmer, und den Frauen war verboten, sich im See oder in den öffentlichen Brunnen zu waschen», weiss Schmid und erzählt dann begeistert, wie sich die Zürcherinnen über dieses Verbot hinwegsetzten und nachts trotzdem in die Brunnen stiegen. Selbst ernannte Polizisten hätten daraufhin gar Katzen in die Zisternen geworfen, um die Frauen zu verscheuchen. Nach einem Brief an den Stadtrat liess sich dieser 1837 erweichen und veranlasste den Bau der «Badehütte für Frauenzimmer». Bis heute könne man an den Badis gesellschaftliche Trends ablesen, sagt Schmid. So sei «bemerkenswert», wie derzeit praktisch niemand mehr oben ohne zu sehen sei. «Momentan wollen die Frauen diese Freiheit weniger ausleben. Aber auch das ist Freiheit.»

Delfintuch mit Krebs-Abzeichen

Die Sommerferien ihrer Kindheit verbringt Schmid im Letzi. Am liebsten rollt sie mit ihren Inlineblades in diese «Oase», die immer nach Sonnencreme und Grill gerochen habe. Im Turnsack hat sie das blaue Frotteetuch mit einem Delfinbild, auf dem sie alle Schwimmabzeichen vom Krebs bis zum Eisbären aufgenäht hat: «Es war mein ganzer Stolz.» Die Pommes und die Gummischlange vom Kiosk seien das Grösste gewesen, aber auch, dass man sich hier ohne Verabredung mit der besten Freundin traf. «Unser ganzes Leben spielte sich in diesem Mikrokosmos ab», sagt Schmid und erzählt vom ersten Liebeskummer, den sie einst im Letzi hatte. «Es gab Sommerlieben, die haben einzig in der Badi stattgefunden. Später hast du die Person niemals wiedergesehen.»

«Ich zeichne am liebsten aus der Erinnerung, da ich es spannend finde, zu sehen, wie mein Kopf die Realität einfängt.»Tina Schmid

Und dann war da noch dieser 10-Meter-Turm. Schmid ist 13, als sie das erste Mal nicht nur hinunterspienzelt, sondern springt. «Ich hatte das Gefühl, ich hätte das Ziel des Lebens erreicht; ja, jetzt gehöre ich auch zu den Coolen», sagt Schmid.

Noch heute seien Badis unglaublich gemeinschaftsstiftend, sagt Schmid und erzählt von Begegnungen während der Buchrecherche mit Alleinstehenden und Pensionierten, die im Bad Allenmoos neue Kontakte knüpften. «In der Badi liegen fremde Leute nebeneinander auf ihrem Tüechli und kommen ins Gespräch.» Und trotzdem gebe es unausgesprochene Regeln, an die sich alle halten: «In einer Ecke sitzen jene, die Spiele spielen, in der anderen jene, die grillieren wollen.»

Für ihr Badibuch gestaltet Schmid minimalistische Zeichnungen von allen 18 Zürcher Stadtbädern. Dafür nutzt sie die Ruhe der Nacht in einem Pflanzenladen, den ein Freund von ihr betreibt. «Ich zeichne am liebsten aus der Erinnerung, da ich es spannend finde, zu sehen, wie mein Kopf die Realität einfängt.» Bei der Letzi-Zeichnung ist der Pavillon überdimensional gross gezeichnet. «Ich glaube, der Kiosk, der sich dort befindet, war für Klein Tina immer ein Highlight.»

Detailaufnahmen des Seebads Wollishofen. Foto: Tina Schmid

Tina Schmid startet ein Crowdfunding, um das Buch zu finanzieren. «Easy», dachte sie erst, wenn es sein soll, dann kommt das Geld zusammen. «Dann habe ich aber doch fast täglich den Zwischenstand gecheckt.» Das positive Feedback sei überwältigend gewesen. Da war beispielsweise eine Mail, in der eine 62-jährige ausgewanderte Schweizerin von ihrem Schwimmunterricht bei Lehrerin Böckli schrieb: In der Badi Utoquai hätten sie jeweilen tagelang Trockenübungen auf Schemeln und in der Garderobe machen müssen. Die Geschichte dieser Frau und andere flossen in Schmids «Züribadibuch» ein (siehe Kasten rechts). «Es war wunderschön, zu sehen, dass Badis so viele Erinnerungen auslösen», sagt Schmid. Im vergangenen August waren die 14 500 Franken zusammen.

Schmid macht nicht nur die Zeichnungen, sondern auch die Fotografien und das Layout. Zwei Kolleginnen steuern weitere Illustrationen und Texte bei.

Die Dame im See: Anstössig

Wir spazieren entlang der Seepromenade, vorbei an Krishna-Sängern zum Seebad Utoquai. Die Errichtung dieses Kastenbades sei im Stadtrat heftigst diskutiert worden, weiss Schmid. Dabei sei es auch um die Frage gegangen, ob das Bad die Seeaussicht störe. Viel mehr polarisierte «die Frauenfrage»: «Ein Stadtrat war überzeugt, dass das Schwimmen der Damen im See Anstoss erregen würde.» Schmid mag diese Badi mit den vier Höfen auch deshalb, weil es hier den Frauen zum ersten Mal erlaubt wird, auch in den See hinauszuschwimmen. «Es ist ein Juwel, weil man hier fast noch so badet, wie man es vor 150 Jahren getan hat.»

Wer Schmid zuhört, versteht, dass es ihr schwerfiel, das Projekt abzuschliessen: «Aus 200 Fotografien 3 auszuwählen, war viel schwerer als gedacht.» Sie setzte ein Veröffentlichungsdatum, um den Abschluss herbeizuzwingen.

Diesen Sommer wird die Künstlerin wieder auf der Frauenterrasse beim Oberen Letten anzutreffen sein. Hier überlegt sie sich Aufgaben für die in der Zwischenzeit angetretene Stelle als Kunstlehrerin an der Kantonsschule oder träumt von ihrem nächsten Buchprojekt. Ein Buch über die Gemeinschaftszentren – davon gibt es in der Stadt fast so viele wie Badis.

Das «Züribadibuch» gibt es in lokalen Buchläden ab 49.90 Fr. zu kaufen. Vernissage, 24. Mai, 20 Uhr in der Badi Wollishofen. Ab sofort sind alle städtischen Sommerbäder bis Mitte September geöffnet.

Erstellt: 11.05.2019, 13:58 Uhr

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Frauenbad Stadthausquai

(seit 1888)

Besucherin Daisy* (75) im «Züribadibuch»: «Mir händ euse Stammplatz, mir mached nöd ab, di erscht wo da isch bsetzt de Platz und organisiert de Sunneschirm. Wänn öper nöd chunt git mer gschnäll Bscheid. Ich chume sit 15 Jahr i d Frauebadi und ha immer e Täsche mit Nähzüg, Zigis, Schnäpsli und Brot für d Tierli debi. D Lüt chömed und fröged: ‹Häsch mer e Zigi, döfi es Schnäpsli ha oder chasch mer schnäll de Rugge icreme?› Letscht Wuche hani zweine d Haare gschnitte da i de Badi. Ich bin so chli s Badimami.» *Namen geändert (Bild: Tina Schmid)

Seebad Utoquai

(seit 1896)

Bademeister Robert* (33) im «Züribadibuch»: «Einisch sind zwei jungi Frau zu eus cho und händ gseit ihr münd öpis mache, da une isch en chline Schwan und usse am Bad isch d Mueter. Das Babyschwänli natürli so: bipbipbipbip. Oisi Hauptverantwortig sind Mänsche und nöd Tier, aber eine vo de Badmeischter hät doppleti Händsche us de Sanität azoge damit er de Babyschwan cha alange und isch under s Bad taucht, hät de Schwan befreit. Di beide junge Fraue obe uf de Terrasse händ sich wahnsinnig gfreut. Schön gäll?» *Namen geändert (Bild: Tina Schmid)

Freibad Letzigraben

(seit 1949)

Besucherin Géraldine* (32) im «Züribadibuch»: «Letscht Wuche hani am See beobachtet, wie en ältere Ma enere ältere Frau ghulfe hät, sich bis uf s Badchleid abzieh, dän hät er sie fescht müesse stütze zum as Wasser laufe, ganz langsam is Wasser, det ischsi dänn aber elei wiit usegschwumme, er hät am Wasserrand gwartet. Zimli lang ischsi umegschwumme und er hät zuegluegt oder gläse. Bim usecho, abtröchne und alegge hät er dänn wieder vil müesse hälfe. Die Szene hät mi sehr berüehrt.» *Namen geändert (Bild: Tina Schmid)

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