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Spektakuläre Achterbahnfahrt

Kippt man die 8 um 90 Grad, erhält man das Zeichen für unendlich. Tatsächlich könnte man mit der neuen Tramlinie 8 ewig fahren. Es würde irgendwann einfach langweilig.

Eine 8er-Fahrt aus der Cockpit-Perspektive. <nobr>Video: Tamedia</nobr>

Ist die Tramlinie Nummer 8, die seit gut zwei Monaten nicht mehr beim Hardplatz, sondern beim Hardturm endet, neu genug dafür, ausführlich von ihr zu berichten? Darüber zu schreiben, wie das Tram mehr oder weniger elegant die Hardbrücke überwindet? Wie das Pro­blem mit der Sonnenblende an diesem sonnigen Wintertag ohne fremde Hilfe nicht in den Griff zu kriegen war?

Die Antwort darauf geben die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) am Helve­tiaplatz selber. Sie lautet: ja. Denn: Auf dem Übersichtsplan, der dem verlorenen Trampassagier, der verlorenen Trampassagierin Orientierung bietet, fährt die 8 nämlich nur bis Hardplatz. Dort endet die grüne Linie einfach. Punkt. Fertig. Schluss. Dabei kommt doch nach dem Hardplatz das Beste erst noch. Fake Map!

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Schnell und langsam. 14 Minuten bis zur Endstation Hardturm von hier aus. Ist das lange? Fährt das Tram schnell oder langsam, um pünktlich dort zu sein? Jedenfalls zuckelt jetzt «meine» 8 am Helvetiaplatz los. Dann der scharfe Rechtsknick vor der Station Bäckeranlage, der scharfe Linksknick gleich danach, dieser neue Teil der Strecke will erschlichen werden. Viel schneller tönte es, als die VBZ auf die Eröffnung hin schrieben: «Die zukünftige Tramlinie 8 ermöglicht cleveres Vorwärtskommen innerhalb der Stadt.» Oder: «Die Linie 8 kann über den Escher-Wyss-Platz bis Hardturm verlängert werden und schafft so tangentiale direkte Verbindungen zwischen den Quartieren Aussersihl und Zürich-West.»

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Weshalb eigentlich braucht es immer einen Grund, irgendwohin zu fahren? Weshalb muss das Vorwärtskommen clever sein? Weshalb wollte ich immer schon mal mit einem Tram oder einem Bus oder einer S-Bahn einmal rundherum fahren, aber mache es doch nie? Zu Studienzeiten arbeitete ich am Flughafen mit einem zusammen, der machte das mit dem Flugzeug: Er nahm am Morgen einen Flieger nach London und blieb dort einfach sitzen, bis der Flieger vor dem Mittag wieder zurückflog. Angeblich bekam er immer ganz viel Schoggi vom Kabinenpersonal. Könnte man auch mal mit dem Tram machen, dachte ich. Jetzt denke ich, mit dem Tram an den Flughafen müsste man einmal. Mit Gepäck und Grund oder ohne – grundlos, einfach so.

Tramlinie 8: Ich bin auch eine Unendlichkeitsschlaufe. Foto: Samuel Schalch
Tramlinie 8: Ich bin auch eine Unendlichkeitsschlaufe. Foto: Samuel Schalch

Es gäbe gute Gründe für eine komplette Rundfahrt mit dieser 8, stelle ich auf meiner Rundfahrt fest (und doch steige ich auf halber Strecke wieder aus). Ich habe zum Beispiel diese Betonbalkone am Anfang der Hohlstrasse noch nie gesehen, die, die auf einer Seite bis oben zu sind. Die aussehen, als hätte sich jemand schampar viel dabei überlegt – bloss nicht, wer denn eigentlich auf so einem Teil draussen sitzen möchte. Vielleicht erschliesst sich das Konzept, wenn der Neubau fertig gebaut ist. Kurz nach diesen Balkonen wird die Stadt langsam «neuer», unbekannter. Da ist die Baustelle des Polizei- und Justizzentrums. Von hier sind es noch 11 Fahrminuten bis Hardturm, steht auf dem Bildschirm. Nur noch 11 Minuten. In wenigen Minuten sieht man dann von der Hardbrücke auf die PJZ-Baustelle und Zürichs grössten Kieshaufen. Daneben, ganz klein, stehen Güterzüge mit mun­zigen Waggons für den Kiestransport. Wie viele davon braucht es wohl, um dieses Steinmonster wegzubringen? Schaffen die das überhaupt?

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Das Tram fährt wie auf Schienen. Hie und da rumpelt es ein bisschen, aber doch. Es ist sicher viel angenehmer, mit dem Tram über den Hardplatz zu fahren, diesen Platz mit fast 1'000'000 Pflastersteinen, als mit dem Velo. Die alte Endstation des Achters ist eine weite Fläche geworden. Den Wendekreis gibt es noch – aber er bleibt in den meisten Fällen unbenutzt. Denn nun quält sich «mein» Tram die Hardbrücke hoch, das Highlight, das Herzstück dieses Abenteuers steht unmittelbar bevor!

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Das Tram hält oben an der Station Hardbrücke. Nebenan blochen auf zwei Spuren die Autos durch: Lieferwagen, Lastwagen, Personenwagen. Noch überholen sie uns, denkt man hämisch, dann wechselt das Lichtsignal auf Orange. Die Fahrer beeilen sich, im letzten Moment noch durchzuschlüpfen und der Machtdemonstration des guten alten Trams zu entgehen. Wie lange es wohl dauert, bis sie hier einen Blitzkasten montieren? Man fühlt sich als Passagier ab sofort und bis man drüber ist, den Autos irgendwie überlegen. Sehr überlegen, im Sinne von: Moooment, jetzt sind erst mal wir dran.

Wie fühlt sich wohl erst der Tram­pilot, wenn er da vorn in seinem Führerstand sitzt und

dieHardbrückelangsamquertundrüberschneidetRichtungPrime Tower,keineMieneverziehtundaufreizendlangsamvordengestresstenAutomobilistendurchfährt?

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Wie verdammt gut sich das anfühlt und wie gut man sich selber fühlt, kann gleich im Anschluss kontrolliert werden. An der Fassade des Prime Tower spiegelt sich das Tram, wie es die Rampe gegenüber wieder runterfährt. Es sieht gut aus, dieses Tram, oben weiss, unten blau, in diesen bläulichen Scheiben. Das ist sehr urban.

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Jetzt fädeln wir uns unter die Hardbrücke. Ich glaube, die Strecke wäre bei Nacht noch besser und noch spektakulärer. Was Licht alles kann, zeigte sich schon auf der Hardbrücke. Und darunter eben auch: Neulich sah ich als Autofahrer (zum Glück kam gerade kein Tram!) die neuen Haltestellen auf der Hardbrücke das erste Mal im Dunkeln. Die Untersicht ist dann sehr stimmungsvoll beleuchtet, im Boden hat es Lämpchen eingelassen. Die Tramstation hat, dachte ich mir, etwas von einer Raumstation. Und ich mag Raumstationen.

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Auf der Rückfahrt ist die Station Hardbrücke auch sehr gut. Man sieht durch den doppelstöckigen Veloständer hindurch auf das Gleisfeld. So viel Weite mitten in der Stadt. Jetzt blendet die Sonne etwas, der Pilot hantiert an der Sonnenblende. Nach dem zweiten scharfen Knick bei der Bäckeranlage funkt er durch: Man solle doch bitte mal jemanden vorbeischicken.

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Das Tram fährt an der Hardturm-Brache vorbei. Dort ist ein Bagger am Werk. Positives Zeichen, und gleich noch eines: An der Tramschleife steht ein Schulpavillon. Hier wächst die Stadt, hier gibt es mehr Schülerinnen und Schüler, als überhaupt Schulraum vorhanden ist. Wobei: Genau hier sieht es jetzt wahnsinnig nach Stillstand aus. Am Ende der Linie 8 gibt es eine ziemlich trostlose Wendeschleife. Da ist und war der Hardplatz doch ein ganz anderes Kaliber! Die Schienen biegen sich um einen Industriekran. Es stapeln sich einige Schienen, einige Betonschwellen, einige ausrangierte Haltestellenhäuschen. «Aussteigehaltestelle» steht da, wo wir jetzt stehen. Ich bleibe einfach sitzen. Als Einziger: Der Trampilot steht in seiner Kabine und liest Zeitung.

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