«Strassenreiniger sind Teil der Infrastruktur»

Tizian Merlettis Helden sind die Mitarbeitenden der Stadtreinigung. Die leisten Grosses: Sie erklären nichts Geringeres als das Leben.

War selber als Güselmann unterwegs: Tizian Merletti. Hier zeichnet er seine Strassenreinigung. Video: Samuel Schalch

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Ihre Protagonisten sind Mitarbeiter der Stadtreinigung. Reduzierte Strichmännchen mit oranger Arbeitskleidung. Seltsame Helden, nicht?
Perfekte Helden für einen Comicstreifen! Und naheliegende Helden. Ich arbeitete nach dem Studium zwei Jahre als Müllmann.

Müllmann ausgerechnet. Wie kamen Sie darauf?
Ich brauchte ein regelmässiges Einkommen. Ich suchte etwas, bei dem man nicht sitzt, draussen ist, keine Verantwortung trägt und bei dem am Abend nichts kleben bleibt. Denn ich brauchte nach der Arbeit den Kopf frei, um zu zeichnen.

Was hat Sie der Job gelehrt?
Wenn man das hundert Prozent macht, ist das wahnsinnig hart. Die Arbeit saugt dich komplett aus. Du wirst gebraucht, du bist kaputt, es zieht dich in eine Welt hinein, in der du frustrierte Leute antriffst. Viele der Touren, die wir gefahren sind, fuhren wir schweigend.

Wieso sind nicht Müllmänner die Protagonisten Ihres Streifens?
Die Strassenreiniger sind flexibler. Sie sind nicht an einen Lastwagen gebunden. Sie bringen aber sonst viele Eigenschaften mit, die für mich als Zeichner interessant sind. Sie passen in jede Stadt, alle kennen sie, sie sind aber doch anonym. Das ist es vielleicht, was sie zu Helden macht: Man nimmt sie nicht als Individuen wahr, sondern als Teil der ­Infrastruktur.

«Kinder haben enorm Freude, dem Müllmann bei der Arbeit zuzuschauen.»

Wieso schauen Leute anderen ­Leuten gerne beim Zeichnen zu?
Ich glaube, es ist überhaupt beruhigend, jemandem zuzuschauen, der etwas gut kann. Das hat etwas Sinnliches, Beruhigendes. Selber mag ich es jedoch überhaupt nicht, wenn mir andere beim Zeichnen zuschauen.

Wie war es beim Müllsammeln?
Da störte es mich nicht, das war viel ­weniger persönlich. Die Uniform hilft ­sicher. Aber die Kinder haben enorm Freude, dem Müllmann bei der Arbeit zuzuschauen.

Wenn Sie uns schon nicht zuschauen lassen: Wie arbeiten Sie?
Mit Bleistift, Tuschstiften und dem Computer. Meistens arbeite ich von der Pointe rückwärts. Am Anfang kann eine Idee stehen, eine Beobachtung, ein aufgeschnappter Gesprächsfetzen. Darum herum baue ich meinen Streifen.

Was macht einen wöchentlichen Streifen interessant?
Das Format. Zudem ist einmal in der Woche ein guter Rhythmus, ein schöner Rahmen, etwas wachsen zu lassen. Und ein guter Druck, etwas wachsen lassen zu müssen.

Tizian Merletti ist 27. Er schloss 2015 das Studium der Visuellen Kommunikation an der Hochschule Luzern ab. Er hat zwei Jahre Erfahrung. Als Zeichner und Illustrator. Sowie als Güselmann. Sein Streifen wird ab sofort jeden Samstag zur Bühne eines verwandten Berufs: Die Strassenreiniger aus «Feger & Sammler» erläutern hier das Leben. Maximal reduziert und äusserst poetisch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2018, 10:00 Uhr

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