Szeni oder nicht sein

Die Stadt Zürich hat mehr Szenen als Einwohner. Jede hat ihre Codes, keine verzeiht einen Fauxpas: Der Prolog zur Bellevue-Sommerserie.

Hotspot der Apokalypseszene: Der Bürkliplatz. <nobr>Foto: Urs Jaudas</nobr>

Hotspot der Apokalypseszene: Der Bürkliplatz. Foto: Urs Jaudas

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Wenn man als Unterländer im Engadin am Bahnschalter ein Zugbillett nach ­Cinuos-chel verlangt, sorgt das wegen des falsch ausgesprochenen Namens für Erheiterung. Wenn man dagegen im In-Lokal Bank am Helvetiaplatz einen Bruno statt eines Hugo bestellt, ist das nicht lustig, sondern peinlich. Der Unterschied: Das Engadin ist eine Gegend, die Bank eine Szene.

Szenen sind Begegnungsräume von Menschen mit gemeinsamen Interessen, gleichen Überzeugungen, ähnlichen Geschmäckern. Szenen schaffen die Vertrautheit von Gleichgesinnten, sie ersparen einem unangenehme Fragen und bieten etwas Halt in einer durchaus aufgewühlten Welt. Das Wort stammt aus dem Griechischen: Skene bedeutet einerseits Hütte, Zelt, Laube, anderseits Bühne. In der Szene finden sich also neben der Geborgenheit auch der Auftritt, die Selbstinszenierung und die Dramatik des Zankes: «Jetzt mach mal nicht so eine Szene!»

Cool sein in der Sauna

Im Gegensatz zu Vereinen haben Szenen keine Statuten, kein Mitgliederverzeichnis und kein Aufnahmeverfahren. Umso schärfer ist die soziale Kontrolle, damit man unter Seinesgleichen bleibt. Gegen Eindringlinge wehren sich urbane Szenen nicht handgreiflich, sondern mit Nichtbeachtung. Der «Züritipp» wagte sich einst in eine der berüchtigsten Szenen von Zürich und berichtete aus der Sauna der Badeanstalt Enge:

«Wie man auch bei 80 Grad cool bleibt, wird einem eindrücklich in der Seebadi vorgeführt», heisst es da. «Diese Menschen sind schwitzende Buddhastatuen, die in den engen Kabinen nach irgendwelchen kosmischen Regeln ­aufgereiht wurden. Neuankömmlinge werden ignoriert, selbst das Zischen des Wassers auf die heissen Steine vermag die Stoiker nicht zu einer Regung zu ­verleiten.»

Neben dem Übersehen und Ignorieren verteidigen sich Szenen mit unsichtbaren Fallen. Weil sie keine offiziellen Regeln haben, müssen Eindringlinge ständig fürchten, einen Fauxpas zu begehen. Der Fauxpas mit seiner begleitenden Peinlichkeit ist der feinstoffliche Rausschmeisser jeder Szene: An der Terrasse-Bar einen Negrino bestellen. Im Fleischolymp Casa Aurelio Veganes verlangen. Im Volkshaus die «Weltwoche» lesen. Auf dem Spielplatz sein ständig quengelndes Kind am Ohrläppchen zupfen. Oder am Hundetreff in der Allmend rufen: «Alle Köter an die Leine!»

Die fünf Leitszenen

Zürich hat mehr Szenen als Einwohner, da eine Person in mehreren Szenen verkehren kann. Behelfsmässig lassen sie sich in folgende Gruppen aufteilen:

1. Freizeit

Clubszene, Yogaszene, Stehpaddelszene, Kampfsportszene, ­G­elatoszene, Lederszene, Metalszene, Briefmarkenszene, Pétanqueszene, ­Vespaszene, Punkszene, Espresso­szene und unzählige mehr.

2. Beruf

Start-up-Szene, Medienszene, Podologieszene, Foodszene, ­Gameszene, Bankerszene, Dental­hygienikerinnenszene. Es gibt in einer Stadt, in der so viel gebaut wird wie in Zürich, auch eine Baggerszene, nur hat sich das Wort noch nicht etabliert.

3. Subventionierte Szenen

Kunstszene, Theaterszene, Tanzszene, Filmszene. Sie alle vereint die Überzeugung, dass ihr kultureller Wert das finanzielle Engagement der Öffentlichkeit bei weitem übersteigt.

4. Politik

Rechte Szene, linke Szene, Faschoszene, Pazifistenszene, Öko­szene oder die Chaotenszene mit ihrem Feiertag am 1. Mai, der allerdings an Schwung verloren hat. Zu den Polit­szenen gehört auch die Hausbesetzerszene, die von den Linken liebevoll ­begleitet und von den Bürgerlichen ­erfolglos bekämpft wird. Diese Szene ist heimtückisch, wie der alternative Stadtrat Richard Wolff erfahren hat: Wegen seiner szenigen Söhne musste er sein geliebtes Polizeidepartement verlassen.

5. Sommerszenen

Die Aphrodite­szene besteht aus jüngeren Frauen, die mit bodenlangen wehenden Kleidern im Stil antiker Göttinnen durch die Stadt schreiten. Das steht im Kontrast zum allgemeinen Bedürfnis, in der Hitze möglichst viel Haut ins Freie zu lassen, doch den Göttinnen ist das optische Raumergreifen wichtiger. Die Sommerszene der Männer heisst Flipflopszene und ist durch kurze Hosen und Sandalen gekennzeichnet. Sie ignoriert konsequent alle ästhetischen Vorbehalte.

Es tun sich neue Räume auf

Die Szenen mit dem grössten Zulauf sind gegenwärtig die Vegan-, die ­Gender- und die Apokalypseszene. Sie sind für alle offen, erwarten allerdings striktes Befolgen der reinen Lehre. Die Genderszene sorgte jüngst im Zürcher Rathaus gar für Aufsehen im Ausland, weil das Büro des Gemeinderates einen SVP-Vorstoss zurückgewiesen hatte. ­Darin war einzig von den «Besetzern» des Pfingstweidparks die Rede, ohne auch die Leistung der Besetzerinnen zu würdigen.

Wie stark die Genderszene wächst, zeigt allein schon ihr international geläufiges Label: Früher nannte sie sich LGBT-Community, heute sind es zwei Buchstaben und ein Zeichen mehr: LGBTIQ+. Und da die Vielfalt der Menschen unermesslich ist, dürften bald noch mehr Buchstaben hinzukommen.

 Die grösste Szene von früher existiert nicht mehr: die Stadt selbst.

Die Apokalypseszene ist die älteste Szenen überhaupt, denn Prophezeiungen des Weltuntergangs gibt es, seit der Mensch spricht. Mal war Sünde die Ursache, mal die Pest, mal Atomwaffen. Jetzt mit der Klimaerwärmung beherrscht die Endzeit in Zürich ganze Schulhäuser. Weitere Treffpunkte sind der Paradeplatz und der Flughafen; grosse Kreuzungen wie das Central oder der Bürkli­platz bieten sich ebenfalls an. Wichtig für Neulinge: Wer in der Apokalypse­szene punkten will, setzt den Weltuntergang eher früher an als später. Grösster Fauxpas: «Nur keine Panik.»

Zur Dynamik der Zürcher Szenen gehört auch das Verschwinden. Die grösste Szene von früher existiert nicht mehr: die Stadt selbst. Einst stand «Zürich» für Arroganz, Besserwissen, Abschottung. Motto: kein Fussbreit den Aargauern! Heute ist Zürich offen für alle – für Festbrüder und Demoschwestern, für Touristen und Shopperinnen und für die 70'000 Zuzüger, die bis 2035 ­erwartet und mit preisgünstigen Wohnungen empfangen werden. Alle sind sie in der Stadt willkommen – ausser sie kommen mit dem Auto.

Erstellt: 21.07.2019, 19:07 Uhr

Wir Szenis

Das Bellevue nimmt Sie auch diesen ­Sommer mit auf eine Reise: Diesmal führt sie bis Ende August durch die Szenen ­dieser Stadt, etwa in die Böötler-, Ritter- oder ­die Pétanqueszene. Und wir nehmen Sie mit in eine Filmszene.

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