Und dann diese 10-Cent-Marke!

Eine amerikanische Briefmarke lockte unseren Autor als Kind in die Philatelie Walter. Die Geschichte entzückt den Inhaber 40 Jahre später.

Ein Königreich für die Briefmarke: Vater und Sohn, Ingomar (rechts) und Cyrill Walter in ihrem Geschäft. Foto: Urs Jaudas

Ein Königreich für die Briefmarke: Vater und Sohn, Ingomar (rechts) und Cyrill Walter in ihrem Geschäft. Foto: Urs Jaudas

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Man schrieb den Sommer 1975, als ich im busperen Alter von neun vor der Vitrine der Philatelie Walter stand und dieses Motiv anstarrte. Bestimmt war ich dabei seltsam erregt, da mich Technik damals meist seltsam erregte (im keuschen Sinn, versteht sich), wie mir die Eltern später erzählten. Das galt vorab für Formel-1-Boliden und die MV-Agusta-Motorräder (mit denen Giacomo Agostini 13 seiner 15 WM-Titel gewann). Es galt aber auch für Concorde-Überschallflieger, TEE-Züge, das Raumschiff Enterprise, Mikro-, Peri- und Teleskope und – der Vorliebe für Milchshakes und Ovo geschuldet – für Standmixer.

Doch das, was diese Briefmarke zeigte, war mehr als stupender Fortschritt. Es war das Abbild eines historischen Ereignisses, das mich, mitten in die militärische Eiszeit hineingeboren, reflexartig in den Bann schlug – nämlich das Apollo-Sojus-Test-Projekt (ASTP), die erste amerikanisch-sowjetische Kooperation in der Weltraumfahrt, bei der am 17. Juli 1975 Raumschiffe der Grossmächte aneinandergekoppelt wurden, sodass sich deren Besatzungen da draussen im All die Hand reichen konnten.

Der Handshake im All. Video: Youtube/aliazimi

Ein kleiner (und leider nicht allzu nachhaltiger) pazifistischer Schritt für die wegen des Kalten Kriegs verunsicherte Menschheit, jedoch ein gewaltiger Sprung (durch die Ladentür) für einen Zürcher Buben – er, der bloss seinen alten Herrn in den Briefmarkenladen hatte begleiten wollen, war von dieser 10-US-Cent-Marke mit den verbundenen Raumkapseln derart elektrisiert, dass er ihn anflehte, ihm das Objekt der Begierde «bitte-bitte-bitte» zu posten.

Und das ist die 10-Cent-Marke, mit der alles begonnen hat. Bild: U.S. Post Office

Fortan stöberten wir häufig gemeinsam durch Flohmärkte und Messen, überprüften daheim anhand des Zum­stein-Katalogs Schulter an Schulter vermeintliche Trouvaillen (die sich meist als nicht ganz so wertvoll herausstellten), und dank Vaters Anleitung wurde des Filius’ Fingerfertigkeit mit Pinzette, Schwämmchen etc. besser und besser, sein Wissen grösser und grösser.

Nun, 44 Jahre später, betrete ich sie wieder, die Philatelie Walter (diesmal ohne Sprung), die noch immer an der Rämistrasse 7 zu finden ist. Und bald ist auch besagte Kindheitserinnerung erzählt, worauf Ingomar R. Walter, regelrecht entzückt, ruft: «Genau was ich seit Ewigkeit predige – die Briefmarke ist ein geniales Lehrmittel, da steckt nicht nur Kunst, sondern auch eine Menge interessante Information drin!»

Es ist irgendwie wohltuend, einen 77-jährigen Geschäftsmann derart fidel und überschwänglich zu erleben – umso mehr, als er in einer Nischenbranche ­tätig ist, die in jüngster Zeit nicht eben frühlingswiesenmässig drauflosflo­rierte: Noch Ende der 1990er-Jahre hatte jede grössere Schweizer Ortschaft einen Briefmarkenhändler, allein in Zürich waren es über ein Dutzend. Heute indes kann man die landesweit noch existierenden Läden an eineinhalb Händen abzählen.

Sorgfältig sortiert: Die Briefmarken in der Philatelie Walter. Bild: Urs Jaudas

Die Philatelie Walter aber, vom gelernten Bankkaufmann Ingomar R. 1970 eröffnet, hat Baissen umschifft, Stürmen getrotzt, gar dem allmächtigen Internet standgehalten, das manch klassische Branche an den Abgrund trieb. Gelungen ist das dank Erfahrung, Fachwissen, Kundentreue, einem Sortiment aus der ganzen Welt … «und Konservatismus!», so der Patron. «Die Philatelie ist keine coole Szene, es ist die gelebte Tradition, die Zugehörigkeit vermittelt.»

«Ach was, Vater. An vielen Messen spürt man doch heute frischen, modernen Wind.» Der dies entgegnet, ist ­Cyrill Walter. Der 48-Jährige, der hier von 1988 bis 1991 das KV mit Abschluss in Philatelie machte und danach auf Lehr- und Wanderjahre ging, amtiert seit 2006 als Geschäftsführer.

Die Anmache und andere Fragen

Es ist nicht die einzige Uneinigkeit, wie in diesem Fall manifestiert sie sich auch sonst als liebenswürdige Primus-inter-Pares-Fopperei, sei es im Fachlichen, sei es im Privaten (herrlichst der Moment, als sich der rüstige Senior unter Protest des Juniors als Sportskanone ausgeben will). Sie macht aber vor allem eines deutlich: Für die Walters ist dieser Beruf kein Job, er ist Berufung – und der Laden ihr lebendiges Lebenswerk.

Schön, dass das mit mir und den Marken an diesem guten Ort begann, denke ich. Geendet hat es dann im heimischen Wollishofen, als mein Vater, dem irgendwann die Musse abhandengekommen war, Alben und Kataloge einem Nachbarn veräusserte.

Klar, ich hätte nochmals neu anfangen können, doch da war mir bereits der Fussball dazwischengegrätscht. Dabei gab es noch so viele offene Fragen – wie jene, was es eigentlich mit dieser legendären «Briefmarkensammlung»-Anmache auf sich hat. Mehr dazu und zu vielem anderem morgen, jetzt ist erst mal Halbzeitpause, Zeit für eine Erfrischung.

Erstellt: 13.08.2019, 11:43 Uhr

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